Großbritannien  Wie Russen den eigenen Krieg gegen die Ukraine sabotieren

Flora Hallmann
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Von Flora Hallmann
| 27.10.2022 11:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Russen sabotieren den eigenen Krieg gegen die Ukraine - sowohl in der Armee als auch in der Heimat. Foto: IMAGO IMAGES/Yegor Aleyev
Russen sabotieren den eigenen Krieg gegen die Ukraine - sowohl in der Armee als auch in der Heimat. Foto: IMAGO IMAGES/Yegor Aleyev
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Proteste gegen die russische Regierung waren bislang selten, zu hart schlägt der Kreml Demonstrationen nieder – besonders seit Beginn des Kriegs gegen die Ukraine. Widerstand und Kriegs-Sabotage gibt es dennoch.

Im Krieg gegen die Ukraine scheinen sich die Russen selbst der größte Feind zu sein. Viele russische Soldaten verweigern sich dem Krieg – und scheinen ihn immer wieder auch aktiv zu sabotieren. Bereits im März gab es Meldungen über russische Soldaten, die ihre eigene Ausrüstung beschädigen und Befehle verweigern. Der britische Geheimdienst berichtete sogar über russische Flugzeuge, die von den eigenen Soldaten abgeschossen wurden. Ob das ein Unfall war oder Absicht, ist unklar – fest steht nur, dass es gleich zwei Mal passiert ist.

Andere Soldaten haben ukrainischen Behörden zufolge in Donezk ihre Ausrüstung auseinandergebaut, unter anderem Raketenwerfer wie den Tor-M2U – und versucht, die Einzelteile am Schrottplatz zu verkaufen. Aufgeflogen sei es, weil die Soldaten zu viel Geld verlangt hätten. Die Mitarbeiter am Schrottplatz hätten die Behörden informiert.

Wie das Pentagon berichtet, gab es noch weitere Vorfälle dieser Art: Russische Soldaten sollen absichtlich Löcher in die Benzintanks ihrer Fahrzeuge geschlagen haben,

Neben diesen Akten desertierender Soldaten gibt es in Russland und Belarus gezielte Sabotageakte von Zivilisten. Wiederholt haben in den vergangenen Monaten Widerständler das Schienennetz im eigenen Land sabotiert. Die Beschädigung einer Bahnstrecke nahe eines Dorfes nahe der russisch-belarussischen Grenze Anfang dieser Woche sei bereits der sechste Akt seit Juni gewesen, heißt es im täglichen Kurzbericht des britischen Verteidigungsministeriums.

Dazu bekannt hat sich eine russische Anti-Kriegs-Gruppe namens „Stop the Wagons“. Die Aktionen seien Teil eines größeren Trends zu vermehrten Angriffen auf die Schienennetze in Russland und Belarus. Dem Nachrichtenmagazin „Vice“ zufolge hab es auch schon in den ersten drei Monaten der Invasion bis zu 36 Sabotageakte am russischen Schienennetz.

Das verursacht einige Probleme für Russland: Ihre Armee ist enorm abhängig von dem mehr als 33.000 Schienenkilometer umfassenden Netz in Russland, um ihre Einheiten in die Ukraine zu transportieren. Da viele Strecken isoliert durch kaum besiedelte Gegenden führten, sei es schwierig, sie gegen Sabotage abzusichern, heißt es von den Briten. Die russische Führung werde zunehmend besorgt darüber sein, dass selbst eine kleine Gruppe von Bürgern den Krieg so vehement ablehne, dass sie auf physische Sabotage zurückgreife.

Wie der US-Nachrichtensender ABC berichtet, hat der Widerstand auch in Belarus Tradition: Die Netzwerke hätten sich schon im Kampf gegen Diktator Lukaschenko gegründet und seien bei Kriegsbeginn in einer guten Position gewesen, auch den russischen Diktator zu sabotieren. Ziel waren vor allem die Kommunikationswege der Schieneninfrastruktur. Damit habe man geholfen, die russischen Truppen von Kiew wegzulenken, sagte Aktivist Aliaksandr Azarau der ABC.

Zu anderen Aktionen bekennen sich zwar keine Widerstandsgruppen – wahrscheinlich ist es dennoch, dass sie zumindest ein Akt der Verzweiflung oder des Protests gegen Putin oder waren. Seit Kriegsbeginn im Februar 2022 brannte es in 54 Wehrämtern und Verwaltungsgebäuden in Russland, allein 17 davon in den Tagen nach der Verkündigung der Teilmobilmachung. In der Nähe von Irkutsk erschoss ein junger Mann im September den Chef der dortigen Einberufungskommission.

Einige der Brandanschläge schreibt Russland der Ukraine zu, die wiederum wollte sich nicht zu den Vorwürfen äußern. Russland sprach in den Grenzregionen zur Ukraine eine Terrorwarnung aus. (mit dpa)

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