Erstes Album der Deichgranaten Dieser „Punkt“ ist ein plattdeutsches Ausrufezeichen
Die ostfriesischen Cousinen Insina Lüschen und Annie Heger haben als Deichgranaten ein Album rausgebracht. Es heißt „Punkt“, ist aber mehr als nur das Ende eines Satzes. Genau hinzuhören lohnt sich.
Leer - Es ist das Debütalbum der Deichgranaten und sie setzen damit gleich einen „Punkt“ – denn genauso kurz und bündig lautet der Titel. Die – Achtung: Ironie – „priviligierten Gutmenschen“, wie sie sich selbst nennen, Insina Lüschen und Annie Heger, haben damit aber eigentlich vielmehr als nur einen „Punkt“ gesetzt. Das Album ist ein „Ausrufezeichen“, und zwar eines auf Plattdeutsch. Eines, das unmissverständlich politisch ist aber zugleich auch eine Art Familienfest. Kein Wunder also, das die Kritiken in den Medien bisher durchweg positiv ausfallen und die beiden ostfriesischen Cousinen sich „wie verrückt“ über den Erfolg freuen.
„Bei Amazon sind wir direkt einen Tag nach der Veröffentlichung auf Platz eins der Neuerscheinungen im Bereich Comedy gerutscht. Wir haben extra einen Screenshot gemacht, damit wir ein Beweisfoto haben“, verrät Annie Heger im Gespräch mit unserer Redaktion. „Die CD-Bestellungen hören nicht auf, und das freut uns sehr.“ Mit ihrem Debütalbum im Gepäck haben die Deichgranaten eine „Mini-Tour“ gestartet. „Sogar im hochdeutschen Hannover haben alle Konzertbesucher unsere Botschaft verstanden“, sagt Heger, gibt aber zu: „Wir haben das Plattdeutsch dort etwas entschärft.“
Alle Texte auch ins Hochdeutsche übersetzt
Wer Plattdeutsch nicht versteht, kann die Texte auch auf Hochdeutsch auf der Internetseite der Deichgranaten nachlesen. „Wir haben extra alle übersetzt“, sagt Annie Heger. Aber eigentlich braucht es diese „Verständnishilfe“ gar nicht. Die Botschaften der insgesamt zehn Stücke sind klar. Das Album zeigt, dass man mit plattdeutschen Texte nicht nur heimatliche Lieder machen kann.
Spätestens, wenn man das SOS-Funksignal hört, weiß man, dass es hier um mehr geht. „Notwehr“ heißt das Stück. „Das Seenotrettungsthema im Mittelmeer hat den Ausschlag gegeben, dieses SOS-Signal zu nehmen“, erklärt Annie Heger, „Wir wollen klarmachen, dass man keine Zeit mehr verlieren darf. Man muss einfach deutlich machen, wo man steht, Haltung zeigen.“ Und um noch einmal auf den „Punkt“ zu kommen: Der Albumtitel stammt aus der letzten Zeile dieses Songs: „Man lässt keine Menschen ertrinken. Punkt.“ Aber dieser Satz stammt gar nicht von den Deichgranaten. „Dieser Satz ist von einer anderen Ostfriesin – der Kirchentagspastorin von 2019, Sandra Bils aus Wiesmoor. Sie hat ihn damals in ihrer Abschlusspredigt gesagt“, erklärt Annie Heger.
Politische Botschaften mögen auf Platt ja vielleicht etwas „geschmeidiger“ rüberkommen, sind aber nicht weniger deutlich, nur besser verpackt.
Nicht einfach immer mitschunkeln
Ein Beispiel dafür ist auch das Stück „Bumms büst buten“. Es ist ein Stück zum Schunkeln, eigentlich. „Es klingt wie ein Sauflied, die Leute fangen in den Konzerten immer an zu schunkeln und klatschen auch mit“, sagt Annie Heger. „Und dann klatschen sie auf einmal auch, wenn es im Text schon um digitale Hetze und Hassnachrichten geht – und wenn sie nicht rechtzeitig aufhören zu schunkeln, schunkeln sie auch noch einfach mit. Diese Gefahr wollten wir deutlich machen: Dass man einfach mitklatscht, weil der Rhythmus so schön ist, und gar nicht mehr auf die Botschaften hört.“
Auch die Familie ist mit dabei
Die Deichgranaten haben aber auch einfach schöne und fröhliche Lieder auf ihr Album gepackt. „Sonst lässt sich das Schwere ja auch nicht ertragen, wenn es nicht zwischendurch mal wieder schön ist“, sagt Annie Heger. „Deshalb haben wir auch die Säulen unseres Lebens mit auf die Platte genommen: Unsere Familie und das, was wir an Wurzeln und an Heimat haben“, erklärt sie. Und die Familie ist auch deutlich zu hören: „Welchen Jubel, Welch Familie“ ist eine Live-Session mit der Familie. Es ist ein großes Vergnügen, dabei zuzuhören. Dieses Lied vermittelt Geborgenheit und man denkt sich: könnt ich doch dazugehören.
Können Lieder die Welt verbessern?
Laut Pressemitteilung haben die Cousinen Insina und Annie für ihr Deichgranaten-Album „Songs, die die Welt verbessern sollen“ geschrieben. Klappt das? Verbessern ihre Lieder die Welt? „Unsere kleine Welt, ja, die verbessert sich schon. Den Menschen, die mit uns die Songs hören oder mit uns auf Konzerten singen, denen geben diese Lieder Kraft und Zuversicht. Und das brauchen wir doch alle im Moment“, sagt Annie Heger.
Musikalisch ist das Album abwechslungsreich, aber in jedem Song ist das immer gleiche, verstimmte Klavier zu hören, verrät Heger. „Und in jedem Song sind bestimmte Geräusche eingespielt. Wir haben kein Schlagzeug benutzt, sondern aus den Geräuschen die Beats gemacht.“ Dieses Album steckt also wirklich voller Überraschungen. Genau hinzuhören lohnt sich.