Artikel 1, GG  Gelassenheit tut uns allen gut

Canan Topçu
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Eine Kolumne von Canan Topçu
| 26.10.2022 09:13 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Topcu neu
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Diesmal schreibt unsere Kolumnistin über die Verleihung des Buchpreises an Kim de l‘Horizon – und über die Drohungen, die seither gegen seine Person gerichtet sind.

Kim de l’Horizon – den Namen kannte ich vor der Verleihung des deutschen Buchpreises nicht. Nun weiß ich von der Existenz dieses Menschens, der sich als non-binär definiert – jemanden, der weder Frau noch Mann ist. Etliche stellen die Entscheidung der Jury in Frage und meinem, sie hänge nicht mit der literarischen Qualität, sondern mit Kims Geschlechtsidentität zusammen. Man habe Aufmerksamkeit schaffen wollen für Menschen, die sich in den Normen nicht wieder finden.

Vielleicht ist da was dran; vielleicht findet aber die Jury den Roman „Blutbuch“ wirklich toll. Das muss aber für mich nichts heißen, es gibt etliche Romane, die ausgezeichnet wurden und trotzdem nicht meinem Geschmack entsprechen. Ob Kim de l’Horizons Buch zu Recht den Preis erhielt? Kann ich erst nach der Lektüre beurteilen. Worauf ich ebenfalls keine Antwort habe: Warum fühlen sich Menschen durch eine sich als non-binär definierende Person gestört und so bedroht, dass sie diese Person bedrohen?

So viel zu mir: Mich irritiert das Outfit. Weil es ungewohnt ist für mich. Weil sich niemand in meinem Umfeld so exaltiert kleidet und schminkt. Weil es in meinem privaten Umfeld keine Person gibt, die sich offen als non-binär definiert. Das Problem sehe ich daher bei mir. Und nicht bei dem Menschen, der sich weder als das, noch als dies wahrnimmt, von anderen auch nicht festgelegt werden möchte und daher mittels Outfit auf sich aufmerksam macht. Soll doch jeder sein, was er/sie/es will.

Das Problem betrifft ja leider nicht nur Kim! So viele Menschen, die eine andere Hautfarbe, Religion, geschlechtliche Identität, sexuelle Orientierung haben oder aus anderen Gründen als nicht „normal“ gelten: Sie werden stigmatisiert. Was ist aber schon normal? Und wer darf das bestimmen in einer Welt, in der so vieles nicht mehr so ist wie es mal war? Ich denke: Leben und leben lassen und eine persönliche Antwort finden auf die Frage, was einen denn so stört an denen, die nicht der Norm entsprechen! Gelassenheit täte uns allen gut!

Kontakt: kolumne@zgo.de

Zur Person

Canan Topçu (57) ist als Tochter türkischer Arbeitsmigranten in Hannover aufgewachsen. Nach der Ausbildung bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung wechselte die Journalistin zur Frankfurter Rundschau. Seit 2012 ist die Hanauerin freiberuflich als Autorin sowie als Referentin und Dozentin tätig.

Kontakt: kolumne@zgo.de

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