Technisches Handwerk  Von wegen „Frauen und Technik“

Nicole Böning
|
Von Nicole Böning
| 24.10.2022 19:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Eine Mauer und einen Pfeiler müssen Ines Reuß (16, links) und Laura Renken (19) mauern. Die beiden sind im zweiten Lehrjahr im Hochbau – lernen also Maurer. Foto: Böning
Eine Mauer und einen Pfeiler müssen Ines Reuß (16, links) und Laura Renken (19) mauern. Die beiden sind im zweiten Lehrjahr im Hochbau – lernen also Maurer. Foto: Böning
Artikel teilen:

Im technischen Handwerk und in typischen Männerberufen sind Frauen noch immer unterrepräsentiert. Aber langsam kommt etwas in Bewegung, sagt Angela Mandel von der Handwerkskammer im Interview.

Aurich - Ein verstörendes Erlebnis machte unsere Reporterin in einem Auricher Baumarkt: Auf die Frage, ob sie beim Glasbohren etwas berücksichtigen müsse, erhielt sie die Antwort: „Geben Sie den Bohrer einfach Ihrem Mann, der weiß schon, wie er damit umgehen muss.“ Verstörender als die Antwort war die Person, die sie gab: Es war eine junge Frau und damit eine Hoffnungsträgerin eines jeden gegen das klassische Rollenbild kämpfenden Menschen. Nach dem Erlebnis blieb die Frage, wie es um „Frauen und Technik“ eigentlich bestellt ist. Darüber haben wir mit Angela Mandel gesprochen. Sie ist Geschäftsführerin des Berufsbildungszentrums der Handwerkskammer in Aurich.

Angela Mandel ist Geschäftsführerin des Berufsbildungszentrums der Handwerkskammer in Aurich. Foto: Böning
Angela Mandel ist Geschäftsführerin des Berufsbildungszentrums der Handwerkskammer in Aurich. Foto: Böning

Was und warum

Darum geht es: Noch immer sind Frauen in typischen Männerberufen kaum vertreten. Aber Stück für Stück erobern sie das Terrain – sehr zur Freude der Ausbilder, denn die meisten Frauen sind überdurchschnittlich gut.

Vor allem interessant für: Unternehmen, Ausbilder, Auszubildende und alle, die noch gar nicht wussten, dass sie sich für Technik und Handwerk interessieren

Deshalb berichten wir: Nach einem verstörenden Erlebnis im Baumarkt wollte unsere Reporterin wissen, wie es um Frauen und ihr Verhältnis zur Technik bestellt ist.

Die Autorin erreichen Sie unter: n.boening@zgo.de

„Frauen und Technik“, ist das ein Spruch, den Sie noch oft hören?

Angela Mandel: Nein, im Handwerk habe ich ihn noch nie gehört. Fachkräfte werden dringend gesucht, die meisten Ausbildungsbetriebe sind auch deshalb sehr offen Frauen gegenüber. Wir signalisieren mit unserer Kampagne „#einfachmachen – Frauen ins Handwerk“ ganz gezielt, dass Frauen in den Betrieben willkommen sind. Denn gerade da ist die Hemmschwelle noch immer hoch. Es gibt noch immer viele Vorbehalte, im Elternhaus und bei den Mädchen selbst.

Selbst bei den von Ihnen organisierten Berufsorientierungsangeboten gibt es noch immer eher eine klassische Rollenverteilung.

Mandel: Ja, so ist es. Wir bieten mit der Kreisvolkshochschule eine zweiwöchige Berufsorientierung an. Die Jungen und Mädchen wählen vier aus 18 Handwerksberufen aus, in die sie für 2,5 Tage reinschnuppern möchten. Das Auswahlverhalten ist noch immer sehr klassisch geprägt. Viele Mädchen gehen ins Büro, probieren dann vielleicht noch das Restaurant aus. Dass welche das Handwerk, zum Beispiel den Metallbau, ausprobieren, passiert eher selten. Im letzten Durchgang sagte eine Teilnehmerin aus dem Baubereich, sie würde am liebsten sofort weitermachen. Das fand ich super. Daran sieht man: Es einfach einmal auszuprobieren ist wichtig. Wer wissen möchte, ob ein technischer Beruf infrage kommt, kann einfach einmal ein Praktikum machen. Oft lernt man auch so seinen späteren Ausbildungsbetrieb kennen.

Wie ist es andersherum bei den Jungs – gehen sie inzwischen eher einmal in klassische Frauenberufe?

Mandel: Nein. Es läuft noch immer genauso klassisch ab. Insgesamt tut sich eher etwas bei den Frauen. Bei den Malern und Lackierern sind bereits ein Drittel der Auszubildenden weiblich. Das ist ein Fortschritt. Bei den Raumausstattern und Fotografen hat bereits ein Wandel stattgefunden. Dort lernen überwiegend Frauen und diese Berufsfelder sind in weibliche Hand übergegangen. Bei den Anlagenmechanikern für Sanitär, Heizung und Klima sind dagegen gerade einmal zwei Prozent der Auszubildenden weiblich. Das ist noch ausbaufähig.

Gibt es Berufe, in denen Sie noch nie Frauen ausgebildet haben?

Mandel: Im Straßenbau oder Tiefbau zum Beispiel, das sind Berufe, in denen vermeintlich schwere körperliche Arbeit zu erwarten ist. Dafür haben wir drei weibliche Auszubildende im Maurerbereich. Das ist aber auch nur ein Anteil von 1,5 Prozent, gerechnet auf sämtliche Auszubildenden. Es ist also noch viel Luft nach oben. Aber ich beobachte die Entwicklung seit Langem und habe das Gefühl, dass etwas in Bewegung gekommen ist. Im Kfz-Bereich haben wir zum Beispiel 21 weibliche Auszubildende, das sind immerhin fünf Prozent und damit ein deutlicher Zuwachs. Bei den Auszubildenden zum Automobilverkäufer sind sogar schon 33 Prozent weiblich. Bei den Hörakustikern liegt die Frauenquote aktuell bei 66 Prozent.

Wie kommen die weiblichen Auszubildenden zurecht zwischen den ganzen Jungs?

Mandel: Das ist es halt – man kann die Frauen nur anspornen, in technische Berufe zu gehen: Frauen, die es gemacht haben, gehören meistens zu den Besten des Jahrgangs und werden sogar häufig Kammersieger.

Liegt es daran, dass sie das Gefühl haben, sich beweisen zu müssen?

Mandel: Das ist eine gute Frage. Vielleicht ist es der Ehrgeiz, zu zeigen, dass man es genauso gut kann. Frauen, die sich für einen Männerberuf entscheiden, sind oft viel zielstrebiger als die männlichen Kollegen und haben sich die Berufswahl gut überlegt.

Wie können junge Frauen besser dazu motiviert werden, technische Handwerksberufe zu wählen?

Mandel: Gemeinsam mit der Agentur für Arbeit haben wir Erzählcafés organisiert. Weibliche Auszubildende in männerdominierten Berufen haben von ihren Erfahrungen erzählt. Das ist ein guter Weg, um aus erster Hand zu erfahren, welche Motivation sie hatten, diesen Weg einzuschlagen. Das sind authentische Berichte junger Frauen – sie können die Schülerinnen viel besser erreichen, als wenn wir ihnen etwas erzählen. Wie bei vielen guten Aktionen ist auch hier leider die Pandemie dazwischengegrätscht und hat sie zum Erliegen gebracht.

Brauchen junge Frauen also viel mehr gute Vorbilder wie diese?

Mandel: Ich denke schon. Wir haben aber nicht gemessen, wie groß der Erfolg der Aktion war. Wenn solche Vorbilder andere junge Frauen dazu bringen, wenigstens einmal ein Praktikum im technischen Handwerk zu machen, wäre es prima.

Was muss noch passieren, damit zukünftig die Quote steigt?

Mandel: Auf der einen Seite ist die Berufsorientierung wichtig. Die Schülerinnen sollten dazu ermutigt werden, einfach einmal Praktika in einem technischen Handwerksunternehmen zu machen. Handwerk findet heute kaum noch im Ortskern statt, sondern eher im Industriegebiet. Deshalb fehlen die Berührungspunkte im Alltag. Bei den Lehrern und bei den Eltern ist es deshalb wichtig, über die Möglichkeiten zu informieren. Auch Informationen über die Ausbildungswege und die Perspektiven sind wichtig. Es muss nicht immer das Studium sein. Mit einer handwerklichen Ausbildung und einem Meistertitel stehen auch den Frauen alle Möglichkeiten offen.

Ähnliche Artikel