Mit Programm, das Entwicklungsländern helfen kann  Leeraner gewinnt Bundeswettbewerb für Künstliche Intelligenz

Katja Mielcarek
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Von Katja Mielcarek
| 24.10.2022 17:06 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Was für andere aussieht wie ein Bildschirmschoner, ist für David Rutkevich die Darstellung von Blutzellen, die sein Algorithmus erkennen kann. Foto: Ortgies
Was für andere aussieht wie ein Bildschirmschoner, ist für David Rutkevich die Darstellung von Blutzellen, die sein Algorithmus erkennen kann. Foto: Ortgies
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Mit dem Biologie-Unterricht hat David Rutkevich in der Schule nicht viel am Hut. In seiner Freizeit hat er sich aber intensiv mit einem biologischen Thema gewidmet und ist jetzt dafür belohnt worden.

Leer - David Rutkevich wartet in seinem Jugendzimmer in seinem Elternhaus. Auf dem Bett eine Tagesdecke mit dem Periodensystem der chemischen Elemente, auf dem Schreibtisch zwei Laptops, unter dem Tisch zwei Hanteln. Der 18-jährige Leeraner macht gerade bundesweit Schlagzeilen. Er hat den Bundeswettbewerb Künstliche Intelligenz, initiiert von der Universität Tübingen und des Max-Planck-Instituts, gewonnen. Künstliche Intelligenz beschreibt die Fähigkeit von Maschinen, nicht nur immer die gleichen Aufgaben zu erledigen, sondern ohne Eingreifen von Menschen auch auf Probleme reagieren und Lösungen finden zu können.

Was und warum

Darum geht es: David Rutkevich aus Leer hat einen Algorithmus entwickelt, mit dem Blut analysiert werden kann. Damit will er Menschen in Entwicklungsländern helfen.

Vor allem interessant für: alle, die selber gerne programmieren, und diejenigen, die sich davon begeistern lassen, was junge Leute und Computer heute können

Deshalb berichten wir: Der Bundessieger des Wettbewerbs Künstliche Intelligenz von der Uni Tübingen und dem Max-Planck-Institut kommt aus Leer.

Die Autorin erreichen Sie unter: k.mielcarek@zgo.de

Der Schüler des Ubbo-Emmius-Gymnasiums hat einen Algorithmus entwickelt, der kurz gesagt weiße Blutkörperchen analysieren und so dabei helfen kann, Infektionen wie HIV oder Blutvergiftungen zu erkennen. In den reichen Ländern übernähmen das Maschinen, die mehrere tausend Euro kosten. Entwicklungsländer können sich das aber oft nicht leisten. „Da müssen die Ärzte die Zellen unter dem Mikroskop zählen. Das kostet viel Zeit und ist fehleranfällig“, beschreibt Rutkevich, warum er sich auf diese Aufgabe gestürzt hat.

Eine ganz eigene Welt

Der 18-Jährige gibt sich alle Mühe, der nicht allzu computeraffinen Reporterin zu erklären, wie sein Algorithmus funktioniert. Zuallererst: Was ist überhaupt ein Algorithmus? „So etwas wie ein Rezept für den Computer“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. Die Frage hört er nicht zum ersten Mal. Wird dieses Rezept in eine Programmiersprache übersetzt, wird aus dem Algorithmus ein Computer-Programm.

Dann wird es schwieriger: Es geht um die verschiedenen Unterarten der weißen Blutzellen, ihre Kerne und Plasmen und darum, wie man dem Computer beibringen kann, das alles sicher voneinander zu unterscheiden. Fachbegriff folgt auf Fachbegriff. Hier treffen zwei völlig verschiedene Welten aufeinander, die sich im Laufe des Gesprächs nur unwesentlich näher kommen.

Bio abgewählt

Kann er überhaupt jemandem aus seinem sozialen Umfeld erklären, was er da tut? Eltern, Freunde? Rutkevich schüttelt den Kopf: „Nein, das ist allein mein Ding.“ Ein Nerd, also jemand, der sich allein vor seinem Computer vergräbt und vom Rest der Welt nichts mehr mitbekommt, sei er deshalb noch lange nicht. „Da gibt es viel schlimmere als mich“, sagt er. Eine Stunde am Tag, am Wochenende auch mal drei oder vier, sitze er vor dem Computer.

Biologie hat der Schüler in der Schule abgewählt: „Was wir in Bio machen, hilft niemandem. Wen juckt es schon, wie ein Wal aufgebaut ist.“ Dass er sich nun doch tief in ein biologisches Thema einarbeitet, liegt am Ansatz, mit dem er in dem Bundeswettbewerb eingestiegen ist: „Ich wollte mit meinem Beitrag da helfen, wo Not ist. Da die Forschung die notwendigen medizinischen Datensätze im Internet veröffentlicht, war ein medizinisches Thema die effektivste Lösung.“

Zukunft in der Forschung

Geld verdienen möchte er mit seinem Algorithmus nicht. „Das wäre ja widersinnig. Ich will in Ländern helfen, die nicht das Geld haben, um sich Apparate zur Blutanalyse zu kaufen, und verkaufe denen dann meinen Algorithmus.“ Deshalb veröffentlicht er ihn für jeden zugänglich im Internet. Er geht davon aus, dass Wissenschaftler ihn für ihre Arbeit nutzen und weiterentwickeln werden. „So habe ich das ja auch gemacht. So funktioniert Forschung.“

Seine Zukunft sieht er an einer Uni. Womöglich in Zürich. Natürlich in der Fakultät für Informatik. Zunächst als Student, später gerne in der Forschung. Einer der Juroren vom Bundeswettbewerb Künstliche Intelligenz habe ihm berichtet, dass man da ziemlich gut verdienen könne. Dann wolle er sich aber anderen als medizinischen Themen widmen: „Autonomes Fahren interessiert mich. Das könnte ich mir gut vorstellen.“ Seinen Algorithmus hat Rutkevich übrigens Dr. Acula genannt: „Dracula, Blut – Sie wissen schon“, sagt er und grinst.

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