Alles Kultur  Kleines Abbild der Gesellschaft

Annie Heger
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Eine Kolumne von Annie Heger
| 24.10.2022 09:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Annie Heger neu
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Unsere Kultur-Kolumnistin ist mal wieder mit der Bahn gefahren. Dort hat sie wieder jede Menge Inspiration für ihre Kolumne gefunden.

Seit ich Texte schreibe, verfasse ich diese oft in der Bahn. Ich kann mich dort gut konzentrieren und finde Inspiration. Es gibt viele Texte, in denen ich mich über Bahnfahrten auslasse, seltener über die Bahn, sondern über das, was ich erlebe. Denn dort bildet sich unsere Gesellschaft in Gänze ab – halt nur en miniature. Ich sitze gerade schreibend auf meinem Sitzplatz, denn ich bin Bahnprofi und habe 230 Reisetage mit der DB im Jahr. Und heute war es wieder offensichtlich: Beim Einsteigen kann man sehen, ob jemand überhaupt etwas im Leben verstanden hat. Davon, wie Gemeinschaft und Solidarität funktionieren, aber auch das Logik und Effizienz nicht nur graue Theorie sind.

Der Zug kommt und alle wollen durch eine Tür, ballen sich davor wie die Bambini um den Ball beim G-Jugendspiel. Sich dann frontal zur Tür zu stellen, obwohl erstmal Menschen aussteigen müssen, hält alle auf – man ist nicht schneller im Zug, sondern langsamer. Frei nach dem Motto „Mitdenken – Freude schenken“: Seitlich zur Tür in beide Richtungen aufstellen, aussteigen lassen, dann einsteigen.

Wer bei dieser Selbstverständlichkeit bereits genervt ist, sollte nochmal „Volumenverdrängung“ googlen. Dann per Reißverschlussprinzip und Augenkontakt einsteigen. Auf Menschen Rücksicht nehmen, die Rollstühle oder Gehhilfen benutzen. Hilfe anbieten, und nicht einfach Menschen mit Sehbehinderung zu ihrem Glück verhelfen, ohne vorher gefragt zu haben oder Frauen einfach den Koffer aus der Hand nehmen.

Machen Sie sich nicht unbeliebt und pochen dann in einem Ersatzzug auf eine Sitzplatzreservierung, wenn nicht mal alle Wagen an der Lok hängen. Wir professionell Reisenden beschweren uns übrigens nicht lauthals vor Ort, sondern an richtiger Stelle hinterher. Denn die Menschen, die vor Ort sind, während Sie sich Luft machen, können weder etwas dafür noch können sie was ändern. Es liegt in der kulturellen DNA der Deutschen sich über die Bahn aufzuregen, oft zurecht. Aber das Auto ist für mich keine Option. In dem könnte ich ja keine Kolumnen tippen.

Kontakt: kolumne@zgo.de

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