Neue kulinarische Spezialität  Nutria-Fleisch – eine neue regionale Delikatesse?

Tatjana Gettkowski
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Von Tatjana Gettkowski
| 21.10.2022 18:32 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Frikadellen, Sate-Spieße, Schmorgerichte und vieles mehr hat Birgit Jansen schon aus Nutria-Fleisch zubereitet. Foto: Privat
Frikadellen, Sate-Spieße, Schmorgerichte und vieles mehr hat Birgit Jansen schon aus Nutria-Fleisch zubereitet. Foto: Privat
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Nutria werden im Landkreis Leer bejagt, weil sie schwere Schäden an Deichen und Gewässerböschungen anrichten. Normalerweise werden sie entsorgt. Doch es gibt eine nachhaltige Alternative.

Rheiderland - Eigentlich sind diese Nager recht possierliche Tierchen: Die Nutria sieht ein bisschen aus wie ein kleiner Biber. Den Deich- und Entwässerungsverbänden sind die Nagetiere allerdings ein Dorn im Auge. Beim Bau ihrer Höhlen richten sie an Deichen, Dämmen und Böschungen schwere Schäden an. Daher werden die Tiere intensiv bejagt. Bei Jägerin Birgit Jansen aus Meerbusch landen die Nagetiere seit einiger Zeit im Kochtopf – vielleicht auch eine Idee für unsere Region.

Was und warum

Darum geht es: Wir haben im Internet von der Jägerin gelesen, die Kochkurse für die Verarbeitung von Nutria-Fleisch anbietet.

Vor allem interessant für: alle, die sich für Deichschutz interessieren und Menschen, die kulinarische Besonderheiten spannend finden.

Deshalb berichten wir: Im Landkreis Leer werden jedes Jahr hunderte von Nutrias erlegt und entsorgt. Schade eigentlich.

Die Autorin erreichen Sie unter: t.gettkowski@zgo.de

Im Landkreis Leer haben sich die Nagetiere rasant ausgebreitet. Allein im Jahr 2020 wurden im Landkreis Leer 1024 Nutrias erlegt. 2016 waren es noch 209. Der Landkreis zahlt seit 2020 eine Fangprämie in Höhe von acht Euro pro Nutria an die Jäger aus und erhält einen Teil von den Unterhaltungs- und Deichverbänden erstattet. „Die Nagetiere werden normalerweise in der Tierkörperbeseitigungsanlage entsorgt“, erzählt Kreisjägermeister Jan-Wilhelm Hilbrands aus Jemgum. Gleichzeitig wird das Fleisch von Online-Anbietern im Spezialitätenhandel zum Preis von 60 Euro pro Kilo angeboten. In Belgien und Südholland seien die Tiere eine Spezialität. „Ich kenne auch Leute, die das Fleisch geräuchert haben. Es soll sehr gut schmecken.“ Vor dem Hintergrund der Nachhaltigkeit findet der Kreisjägermeister es zwar gut und sinnvoll, die Tiere zu verarbeiten. Er selbst möchte es aber nicht auf dem Teller haben. „Ich mag die Tiere einfach nicht leiden. Ich ziehe ein anständiges Rindersteak vor.“

Zartes Fleisch mit mildem Wildgeschmack

Bei seiner Jagd-Kollegin vom Niederrhein kommt Nutria inzwischen regelmäßig auf den Tisch. „Ich fand es schade, das Fleisch einfach wegzuschmeißen, denn die Tiere stehen ja sogar auf der Liste der verzehrbaren Wildtierarten und sind reine Pflanzenfresser“, sagt Birgit Jansen. Gemeinsam mit einem befreundeten Koch hat sie Rezepte ausgetüftelt, unter anderem ein Schmorgericht mit Sternanis, Sate-Spieße und Hackbällchen. „Das Fleisch ist zart und hat einen milden Wildgeschmack. Aber nicht so intensiv wie Wildschwein.“ Große Nutria-Exemplare können es auf ein Gewicht von bis zu zehn Kilogramm bringen. „Von einem Tier mit einem Gewicht von sechs bis acht Kilogramm kann eine vier- bis fünfköpfige Familie satt werden.“

Birgit Jansen aus Meerbusch ist Jägerin und plädiert dafür, Nutria zu verarbeiten, wenn man sie erlegt hat. Foto: Privat
Birgit Jansen aus Meerbusch ist Jägerin und plädiert dafür, Nutria zu verarbeiten, wenn man sie erlegt hat. Foto: Privat

In ihrer Heimat hat Birgit Jansen über die Kreisjägerschaft sogar schon zwei Kochkurse für die Verarbeitung von Nutria angeboten. „In Zeiten der Nachhaltigkeit finden viele die Idee gut.“ Ein dritter Kochkursus sei in Vorbereitung. Der befreundete Koch, der die Rezepte mit ihr ausgetüftelt habe, habe allerdings Vorbehalte, ein Nutria-Gericht in die Speisekarte seines Hotelrestaurants aufzunehmen. Vielleicht liegt das auch am Namen der Tiere, die im Volksmund oft fälschlicherweise als Biberratte bezeichnet werden. „Möglicherweise liegt es auch am Namen, dass die Verarbeitung in den Niederlanden selbstverständlicher ist“, mutmaßt Birgit Jansen. Dort sei die Spezialität als „Wasserkaninchen“ bekannt.

Dehoga-Chef ist begeistert

Erich Wagner, Vorsitzender des Bezirksverbands Ostfriesland des Deutschen Hotel und Gaststättenverbands (Dehoga), steht der Verarbeitung von Nutria-Fleisch aufgeschlossen gegenüber und hat keinerlei Vorbehalte.

Birgit Jansen hat schon zwei Kochkurse angeboten, in denen Nutria-Fleisch verarbeitet wurde. Foto: Privat
Birgit Jansen hat schon zwei Kochkurse angeboten, in denen Nutria-Fleisch verarbeitet wurde. Foto: Privat

Er betreibt in Wiesmoor das Gourmet-Restaurant „Hotel zur Post“ und experimentiert gerne mit regionalen Spezialitäten. „Die Gastronomie lebt doch von Vielfalt und Kreativität“, sagt er. „Ich kann mir gut vorstellen, Gerichte mit Nutria zu kreieren und auf die Speisekarte zu setzen.“

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