Osnabrück Tom Bartels im Interview: „Diese WM ist und bleibt eine Farce“
Im Interview spricht ARD-Kommentator Tom Bartels über die WM in Katar, Doppelmoral, die politische Kraft der Fans und die Super League.
Tom Bartels ist einer der bekanntesten deutschen Sport-Kommentatoren. Der 57-Jährige, der an der Deutschen Sporthochschule Köln Publizistik studiert hat, war seit 2006 bei allen Welt- und Europameisterschaften im Einsatz. Nach Stationen beim WDR, RTL und Premiere ist der ehemalige Landesliga-Fußballer bei der ARD. Am 18. Dezember 2022 wird er das Endspiel der WM in Katar kommentieren – sein zweites WM-Finale nach dem 1:0-Sieg der deutschen Mannschaft 2014 in Rio gegen Argentinien.
Frage: „Ich habe sogar überlegt, ob ich das machen soll“. So haben Sie Ihre Zweifel an der WM in Katar ausgedrückt. Warum haben Sie den Job doch übernommen?
Antwort: Ich habe mich ausführlich mit dem Thema auseinandergesetzt, die Position der Boykott-Befürworter angeschaut und mich dann ergebnisoffen gefragt: Welche Position habe ich? Die Antwort: Ich habe nicht genug Argumente, eine Dienstreise nach Katar abzulehnen, wenn ich vorher nach Russland, China oder bei der EM 2012 in die Ukraine unter den damaligen Umständen gefahren bin.
Frage: Also „Business as usual“.
Antwort: Nein, auf keinen Fall. Natürlich bin ich als Kommentator in allererster Linie dafür zuständig, den Spielern, dem Spiel und den Zuschauern gerecht zu werden. Aber natürlich habe ich mich auch auf diese Themen vorbereitet, in Gesprächen mit Experten und durch Lesen einschlägiger Dokumente und Berichte. Wir haben im Team der ARD viele Kolleginnen und Kollegen, die während der WM gerade auf die gesellschaftlichen Themen außerhalb des Fußballs schauen. Da halten wir Augen und Ohren offen und werden die Berichterstattung darauf ausrichten.
Frage: Sie als Kommentator haben vergleichsweise wenig Möglichkeiten, diese Dimension der WM anzusprechen.
Antwort: Das stimmt, aber ich rechne damit, dass die Bühne der Spiele genutzt werden wird, um auf Missstände aufmerksam zu machen – sei es von Spielern oder Zuschauern. Jegliche Art von Protest muss also auch in einer Live-Übertragung Platz finden und darf nicht unterdrückt werden. Ich gehe davon aus, dass die FIFA mit dem Begriff Meinungsfreiheit etwas anfangen kann.
Frage: An den DFB wurde mehrfach die Aufforderung zum Boykott herangetragen. Wie stehen Sie dazu?
Antwort: Ich halte das für einen grundsätzlich falschen Weg – aus zwei Gründen. Erstens: Wenn wir diese Maßstäbe an alle Ausrichter sportlicher Großereignisse der letzten 20 Jahren angelegt hätten, dann hätten wir einige Male zu Hause bleiben müssen. Und zweitens: Zu allen diesen Ländern hatten wir wie zu Katar politische und vor allem wirtschaftliche Beziehungen. Wenn das akzeptiert, gefördert und sogar – wie von der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Blick auf Katar – gewünscht wird und der Sport mit einem Boykott das moralische Feigenblatt sein soll, dann kann ich das nur gelebte Doppelmoral nennen.
Frage: Aber muss der menschenunwürdige Umgang mit Arbeitsmigranten nicht angeprangert werden?
Antwort: Ja, natürlich. Und dann? Nach der WM? Die Bedingungen in Katar sind schlimm, menschenverachtend – aber die Menschen in Nepal und anderswo stehen trotzdem in ihren Heimatländern Schlange, um unter solchen Bedingungen arbeiten zu können – weil die Verhältnisse bei ihnen noch schlechter sind. Das müssen wir in den Blick nehmen, dort müssen wir dazu beitragen, die Verhältnisse so zu ändern, dass Katar nicht die bessere Alternative ist.
Frage: Unabhängig von den Verstößen gegen Menschenrechte und den Einschränkungen persönlicher Freiheiten: Durfte die WM aus der Sicht des Fußballs an Katar vergeben werden?
Antwort: Genau da liegt der fatale Geburtsfehler. Katar ist kein Land für eine WM, weil der Fußball dort nie eine Rolle gespielt hat. Es gibt keinerlei Tradition, kein Interesse und auch kein natürliches Wachstum. Mit dem Turnier in ein Land zu gehen, in dem die Faszination für den Fußball schon da ist, kann für einen maßgeblichen Schub sorgen. Auch in traditionsreichen Fußball-Nationen löst eine WM oder eine EM immer etwas aus – wie in Deutschland 1974 oder 2006. Italien würde sich aktuell nach einem solchen Kick sehnen. Aber Katar? Wo man Stadien baut, die anschließend keiner braucht und die zurückgebaut werden müssen? Wo die Nationalmannschaft quasi zusammengecastet werden muss? Wo den Funktionären nach der Vergabe einfällt, dass es ja im Sommer viel zu heiß ist und die WM in den Winter verlegt wird – gegen die Wünsche und Gewohnheiten von Millionen von Fußballfans auf der ganzen Welt? Es ist und bleibt eine Farce, dass Katar die WM ausrichtet. Mit dieser Vergabe hat sich die FIFA selbst die Maske vom Gesicht gerissen.
Frage: Dass es bei der Entscheidung nicht mit rechten Dingen zugegangen ist…
Antwort: …erinnert uns leider daran, dass Deutschland die WM 2006 auch nicht auf saubere Weise bekommen hat. Und manch anderer Ausrichter von Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften ebenfalls nicht. Das System der Vergabe in sich ist krank und bedarf wie vieles andere der Reform.
Frage: Auffällig ist, dass die Fußball-Community nicht mit Rückzug reagiert, sondern massiv und vielfältig die Einhaltung gesellschaftlich relevanter Werte einfordert und Verbände wie Vereine in politische Debatten zwingt. Das haben wir schon bei der letzten EM erlebt, aber auch in der Bundesliga. Fans erheben eine politische Stimme.
Antwort: Das ist so, und es sind ja eigentlich die Werte des Fußballs, dieses faszinierenden Spiels, die da angemahnt werden – Fair Play im umfassenden Sinn. Es ist richtig so, dass sich die Menschen dafür einsetzen und den Fußball nicht aus seiner Verantwortung entlassen. Man sieht es auch in der Bundesliga. Fans wollen mitreden, sie wollen Partizipation – und dem können sich die Vereine, wenn sie ihre Struktur und ihre Mitglieder ernst nehmen, nicht entziehen. Das sieht man beim FC Bayern, der sich bei der Frage des Katar-Sponsorings den Mitgliedern erklären und Kritik aushalten muss, um dann einen gemeinsamen Nenner zu finden.
Frage: Der Ausweitung der Champions League folgt möglicherweise schon bald die Super League. Beim ersten Versuch hielten Vereine, Medien und vor allem Fans erfolgreich dagegen. Wird das so bleiben?
Antwort: Aus dem Bauch heraus würde ich sagen, dass die Einführung der Super League nicht vereinbar ist mit der Fankultur unserer Zeit. Wenn man aber nur dem Geld folgt, dann ist der asiatische Markt wichtiger als die heimischen Fans. Aber ist das der Weg? Die Besten und Reichsten bleiben unter sich? Ich bezweifele, dass die Fans da mitgehen möchten – ich für meinen Teil möchte das nicht.