Angeln in Ostfriesland Es kommt nicht auf die Größe an
Besondere Fänge zeichnen sich nicht nur durch ihre Größe aus. Auch ihre Geschichte kann sie zu etwas Besonderem machen. Ein Streifzug durch die Fischwelt Ostfrieslands.
Aurich/Ostfriesland - Wer bei den Anglern auf der Suche nach großen Fängen ist, stößt rund um Ostfriesland auf ein immer wiederkehrendes Motiv: junge Typen mit zwei-Meter-Welsen. Welse sind in den ostfriesischen Gewässern eher die Ausnahme, deshalb fallen die besonderen Fänge der Halbinsel ein wenig anders aus – ihre Geschichten sind aber nicht weniger spektakulär. Wer von Caroline de Buhr hört, wie sie kurz nach dem Angelschein mit einem 1,33 Meter langen Hecht gerungen hat, wird das bestätigen.
Was und warum
Darum geht es: Dicke Fische und besondere Fänge in den Gewässern Ostfrieslands.
Vor allem interessant für: Fisch- und Angelfreunde sowie alle, die wissen möchten, was in unseren Gewässern so los ist
Deshalb berichten wir: Früher bekamen Tageszeitungen oft Fotos der dicksten Fänge von den Anglern geschickt. In Zeiten von Facebook und Instagram passiert das kaum noch. Jetzt haben wir den Spieß umgedreht und mal nachgefragt.
Die Autorin erreichen Sie unter: n.boening@zgo.de
So schade finden es Marco Ubben und Holger Flick vom Vorstand des Bezirksfischereiverbands für Ostfriesland (BVO) gar nicht, dass der Wels nicht in die Fließgewässer des Vereins vordringt. Zum einen käme es nicht immer auf die Größe an und außerdem sei der Wels ein eher ungebetener Vielfraß. In einigen Regionen gilt sogar eine Entnahmepflicht – selbst kleine Exemplare müssen mit nach Hause genommen werden, um den Bestand in den Griff zu bekommen. „Bei uns wird er eigentlich nur in unserem Teil der Harle gefangen“, sagt Holger Flick.
Am beliebtesten sind die Aale
Stattdessen beißen in den etwa 200 Verbandsgewässern des mit 11.000 Mitgliedern zu den größten Angelvereinen Deutschlands zählenden BVO andere Arten. In der Statistik des Jahres 2020 haben die Mitglieder insgesamt 16.652 gefangene Aale, 9607 Brassen, 2080 Barsche, 1431 Zander, 1229 Hechte, 459 Karpfen und 288 Schleien gemeldet. Um die Vielfalt zu zeigen, wurden die dicksten Fänge der unterschiedlichen Arten zusammengestellt. Es zählte nicht nur die Größe, sondern auch die Geschichte, die dahinter steckt.
Dass größer nicht unbedingt auch besser bedeutet, weiß jeder, der einen Angler nach dem Geschmackserlebnis fragt: Hechte und Zander werden mit zunehmender Größe nicht unbedingt leckerer. Wer beherzigt, dass Fischen laut Tierschutzgesetz nur dann zulässig ist, wenn die Tiere als Nahrung oder zur Gewässerhege geangelt werden, freut sich vielleicht gar nicht mehr so sehr über den Riesenfang. Nicht gezielt geangelte Fische dürfen zwar zurückgesetzt werden, Wiegen, Messen und Posieren mit dem lebenden Fisch ist aber ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz. Wer also seinen Riesenfang in einem Bild festhalten möchte, muss ihn auch essen oder zumindest verwerten.
Hecht: 133 Zentimeter lang, 14,5 Kilogramm schwer
An dem Tag, an dem Caroline de Buhr aus Warsingsfehn den Fang ihres Lebens machte, hatte sie ihren Angelschein kaum zwei Monate. Es war im November 2020 an einem Gewässer des Angelsportvereins Leer. Wo genau, möchte sie nicht verraten, das bleibt ihr Geheimnis. Eigentlich hatte die heute 32-Jährige gar kein Interesse am Angeln, mochte nicht einmal Fisch. Aber weil ihr Mann ein begeisterter Angler ist, absolvierte sie die Angelprüfung – für das gemeinsame Familienerlebnis mit den beiden Kindern. „Als der Riesenhecht anbiss, gab es nur einen kleinen Ruck“, sagt de Buhr. Mit dem, was danach kam, hätte sie nie gerechnet: „Dass sich ein so alter und erfahrener Fisch von einer künstlichen Metallspinner täuschen lassen würde, hat mich wirklich überrascht“, sagt sie.
20 Minuten dauerte der Drill. „Mir brannten ganz schön die Arme“, erinnert sich die 32-Jährige. Ihr Mann riet ihr durchzuhalten und den Hecht selbst an Land zu holen. „Dafür bin ich ihm unglaublich dankbar“, sagt de Buhr. „Das war einfach ein Mega-Erlebnis.“ Inzwischen isst sie gerne Fisch: „Was ich fange, muss ich auch verwerten. Das war mir von vornherein klar“, sagt de Buhr. Grätenreiche Hechte werden meistens zu Frikadellen verarbeitet. Inzwischen macht ihr das neue Hobby so viel Spaß, dass sie mit ihrem Mann sogar die Jugendgruppe Oldersum betreut. Gemeinsame Zeit verbringen die de Buhrs jetzt angelnd am Wasser. „Wir haben sogar einen Hochzeitstag beim Angeln gefeiert“, sagt Caroline de Buhr und lacht.
Karpfen: 93 Zentimeter lang, 19,4 Kilogramm schwer
Wenn Bernd Saathoff aus Wolthusen angelt, muss alles perfekt sein. Angeln ist für ihn eher eine Philosophie als nur ein Hobby. Weil er sichergehen möchte, dass er auch Fische mit nach Hause bringt, überlässt er nichts dem Zufall. Wetter und Luftdruck müssen stimmen, vorher wird angefüttert. So wie am 4. Juli am Rorichumer Tief. Fast 20 Kilogramm wog der Karpfen, den er an dem Tag aus dem Wasser holte. Das war bei weitem nicht sein größter Fang. Der liegt schon ein paar Jahre zurück, ist aber bis heute unübertroffen – vor allem war es ein doppelter. Auch wenn Bernd Saathoff findet, dass jeder Fisch etwas Besonderes ist, „einen möglichst großen Fisch zu fangen, scheint so etwas wie ein Urinstinkt zu sein“, sagt er und lacht.
Auch den 25. November 2018 hatte er sorgsam vorbereitet: Tagelang anfüttern, dann mit allem Zubehör an den Kanal setzen und die Ruhe genießen. „Beim Angeln will ich ungestört und allein sein“, sagt Saathoff. Gesellschaft braucht er nur, wenn er wie an diesem Tag große Fänge sichern und nach Hause bringen muss. „Meine Frau oder meine Tochter sind dann in ein paar Minuten da“, sagt Saathoff. An dem Tag hatte er mit seinem Lieblingsköder am Ems-Jade-Kanal doppeltes Glück: Ein Karpfen wog 20, der andere sogar 22 Kilogramm. Die beiden waren seinen würzig-fischigen Spezial-Boilies aus gekochten Teig auf den Leim gegangen – darauf schwört der Karpfen-Spezialist.
Zander: 91 Zentimeter lang, 6,9 Kilogramm schwer
Gerrit Jürgens aus Twixlum hat eigentlich wegen seines Sohnes vor 22 Jahren den Angelschein gemacht. Der hat inzwischen das Interesse verloren, während den Vater das Hobby nicht loslässt. „Manchmal schnappe ich mir einfach meine Ausrüstung, eine Angel, einen Kescher und fahre mit dem Rad los“, sagt er. Als er am 13. Juni den fast sieben Kilogramm schweren Zander im Larrelter Tief an der Angel hatte, war es genauso. „Im Gegensatz zu dem 1,21 Meter langen Hecht konnte ich den Zander wenigstens noch auf dem Fahrrad nach Hause bringen“, sagt Jürgens, „auch wenn es vielleicht ein wenig seltsam aussah, mit der Hand in den Kiemen.“ Der Zander wurde trotz des Alters zubereitet. „Er war ein wenig bitter und die Haut wurde beim Braten sehr ledrig, aber geschmeckt hat er trotzdem“, so Jürgens. Sein Tipp: „Besser schmecken Zander mit einer Größe um 70 Zentimeter.“ Seine Frau mag am liebsten Aal, auch den bringt er oft mit nach Hause.
Barsch: 42 Zentimeter lang, 1,6 Kilogramm schwer
Das Foto des Barschfängers Wolfgang Gruis aus Moormerland hat sein Stammtisch-Kollege Wilfried de Boer eingesendet: „Wir gehen meistens einmal im Monat mit acht bis zehn Leuten gemeinsam am Fehntjer Tief angeln“, so de Boer. Das tun sie seit inzwischen 25 Jahren. Dass jemand einen so großen Barsch an Land zieht, sei noch nie vorgekommen. Meist bringen es Barsche auf 25 bis 30 Zentimeter. Die Tiere seien bemerkenswert: „Für einen so kleinen Fisch hat der Barsch eine überraschende Kampfkraft“, sagt de Boer. Außerdem müssen sich die Angler vor seiner stacheligen Rückenflosse in Acht nehmen.
Schleie: 50 Zentimeter lang, 2,46 Kilogramm schwer
Die 26-jährige Katharina Nannen aus Rechtsupweg angelt vor allem zur Entspannung. Ein bis zwei Tage Zeit am Wasser zu verbringen, ist für sie Erholung pur. Trotzdem ist die Freunde natürlich groß, wenn ihr wie mit der 50 Zentimeter messenden Schleie ein besonderer Fang an den Haken geht. Die hat sie Anfang August am Norder Tief gefangen. „Ich angele seit etwa fünf Jahren, aber eine Schleie hatte ich noch nie gefangen“, sagt Nannen. „Sie wurde mariniert und gebraten und war superlecker.“ Dass eine Schleie dieser Größe gefangen wird, ist eher selten – auch wenn Schleien bis zu 70 Zentimeter lang werden können.
Rotauge: 33 Zentimeter lang, 0,21 Kilogramm schwer
Auch wenn der 15-jährige David Bem aus Emden gerne einmal einen Wels fangen würde, über die 33 Zentimeter große Rotfeder hat er nicht schlecht gestaunt. Diesen für einen Weißfisch kapitalen Burschen hat er am 23. August im Knoxter Tief gefangen. Die Größe ist für Rotaugen ungewöhnlich – meistens liegen die gefangenen Tiere bei einer Größe zwischen 15 und 30 Zentimetern. Weißfische wie Rotaugen sind die Nahrungsgrundlage für die großen Raubfische und werden maximal bis zu 50 Zentimeter groß. Bem hat erst seit dem Sommer seinen Angelschein und ist oft mit Freunden oder einer Kollegin unterwegs. Für die kurze Zeit hat er schon viel gefangen. Auch erste Erfolge mit Hechten hat er verbucht, zwei davon waren länger als 80 Zentimeter.