Frankfurt am Main Wolodymyr Selenskyi mit dramatischer Botschaft auf der Buchmesse
Mit Wissen gegen den Krieg: Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wendet sich auf Frankfurter Buchmesse mit einer Videobotschaft an die internationale Kulturgemeinschaft.
Applaus brandet durch das Congress Centrum der Frankfurter Messe. Die letzten Worte der Videoansprache des ukrainische Präsidenten Wolodymyr Selenskyj sind gerade verklungen, da steht die Buchwelt auf, zur Standing Ovation.
Mit einer dramatischen Botschaft hat sich Selenskyj auf der Frankfurter Buchmesse an die internationale Kulturgemeinschaft gerichtet. Wissen gegen den Krieg: „Schreibt Bücher über diejenigen, die Europa schwächen“, stellt Selenskyj die Bedeutung von Literatur heraus. Er fordert Autoren, Journalisten und alle Vertreter der Buchbranche dazu auf, mit Wissen und Information für die Freiheit zu kämpfen.
Spanien mag das offizielle Gastland dieser 74. Buchmesse sein, das sich zudem mit einem brillanten Pavillon präsentiert. Aber die Blicke gehen Richtung Ukraine. „Die Ukraine ist das Schlachtfeld, auf dem Russland die Europäische Union attackiert“, redet der ukrainische Präsident in seiner Videobotschaft den Europäern ins Gewissen. Der Schirm, über den seine Botschaft läuft, schwebt riesengroß im abgedunkelten Saal, flankiert von einer Lichtinstallation in Gelb und Blau, den Farben seines Landes.
Selenskyi stellt nicht allein Russland außerhalb der zivilisierten, internationalen Staatengemeinschaft, sondern auch den Iran. Nicht umsonst fehlten gerade diese beiden Länder auf der diesjährigen Buchmesse.
Selenskji klagt Russland und Iran an: „Sie sind weniger präsent im kulturellen Bereich und zugleich dort präsenter, wo alles zerstört wird“. Anstatt Kultur zu exportieren, exportierten diese beiden Länder den Tod, spielt Selenskyi auf die Tatsache an, dass der Iran den russischen Angriffskrieg mit der Lieferung von Kampfdrohnen unterstützt. Diese Drohnen sind in den letzten Tagen bei Bombardierungen ukrainischer Städte eingesetzt worden.
Der ukrainische Präsident fordert europäische Kulturmacher dazu auf, in die Ukraine zu kommen, das Schicksal der Menschen selbst zu sehen und den Wiederaufbau des Landes aktiv zu unterstützen.
Es sei unverständlich, jetzt noch zu versuchen, Russland oder den Iran zu verstehen. Gegen solche Ignoranz helfe nur das Wissen, unterstrich Selenskji die besondere Bedeutung von freier und vollständiger Information. Es sei unerlässlich, für das Schicksal seines Landes Zeugnis abzulegen, sagt Selenskyi, der sich mit seiner Videobotschaft im inzwischen bereits ikonischen grünen Shirt aus dem Präsidentenpalast in Kiew meldet.
Wolodymyr Selenskyjs Videobotschaft ist nur der Höhepunkt eines dichten Programms des von Russland seit Monaten mit Krieg überzogenen Landes auf der Frankfurter Buchmesse. Selenskyjs Ehefrau Olena Selenska wird am Samstag, 22. Oktober 2022, auf der Buchmesse erwartet. Während ihr Mann per Videobotschaft sprach, wird seine Frau bei einem Live-Talk präsent sein.
Die Vitalität der ukrainischen Kulturszene führt der ukrainische Dichter Serhij Zhadan vor, der in diesem Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält. Gemeinsam mit anderen Künstlern feiert er am Freitag, 21. Oktober 2022, im Frankfurt Pavilion den „Foxtrott“, ein Update der ukrainischen Literatur der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts mit den Mitteln von Pop und Reggae.
An der Performance sollen auch Künstler wie Yurij Gurzhy und Lyuba Yakimchuk teilnehmen. Zhadan hat gerade das viel diskutierte Buch „Himmel über Charkiw. Nachrichten vom Überleben im Krieg“ publiziert. Der Friedenspreis soll ihm am Sonntag, 23. Oktober 2022, verliehen werden.
Die Literatur der Ukraine erfährt auf dieser Buchmesse ohnehin große Aufmerksamkeit. Während ein russischer Messestand fehlt, ist die Ukraine mit einem eigenen Länderstand präsent, auf dem sich eine ganze Reihe von Verlagen aus dem mit Krieg überzogenen Land mit ihren Publikationen präsentieren.
Auf dem Stand in Halle 4.0 findet sich immer wieder hochrangiger Besuch zum Hintergrundgespräch ein. So wurde dort auch Kulturstaatsministerin Claudia Roth gesichtet, die sich mit ukrainischen Verlagsrepräsentanten über die Situation der Literatur und des Buchmarktes in dem Land austauschte.
Vor und nach der Videobotschaft von Wolodymyr Selenskyj machen Jürgen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, und Peter Kraus vom Cleff, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, bei ihren Wortmeldungen deutlich, wie sehr ihnen das Leid nicht nur der ukrainischen Kollegen, sondern der ganzen Bevölkerung unter die Haut geht.
„Wir haben unseren ukrainischen Nachbarn lange Zeit nicht richtig zugehört. Wir sollten es jetzt unbedingt“, appelliert Kraus vom Cleff. Für einen Moment versagt ihm bei seiner Ansprache die Stimme. Aber wie sollte es anders sein in einem Moment in Gelb und Blau, der schmerzhaft bewusstmacht, was Freiheit bedeutet – für Literatur und alles andere.