Frankfurt Deniz Yücel: Stehen im Wort für verfolgte Autoren
Zwei Messestände, ein Anliegen: Nach der Spaltung präsentiert sich die Autorenvereinigung PEN auf der Frankfurter Buchmesse. Wenn es um die öffentliche Wahrnehmung geht, hat PEN Berlin die Nase vorn.
Plötzlich hallen laute Rufe durch den Frankfurt Pavilion. Die Zuhörer drehen sich um. „Freiheit für die Frauen im Iran“, skandieren mehrere Frauen, halten Transparente hoch, recken die iranische Fahne. Der Protestruf dauert nur einige Augenblicke, aber er bringt die Stimmung auf den Punkt. „Iran – wo lang? Der Aufstand gegen das Mullah-Regime und was der Rest der Welt tun kann“: Unter diesem Titel hatte die Schriftstellervereinigung PEN Berlin kurzfristig zu einer Podiumsdiskussion auf die politische Bühne der Frankfurter Buchmesse geladen.
Am Ende der Diskussion, an der unter anderem Grünen-Politiker Omid Nouripour und ARD-Korrespondentin Natalie Amiri teilnehmen, gibt sich Deniz Yücel vom PEN Berlin kämpferisch: „Diktaturen sind nicht so langlebig, wie sich Diktatoren das wünschen. Irgendwann ist jede Diktatur fällig“. Sekunden später gehen die Protestrufe los.
Wie politisch darf der PEN sein? Über dieser Frage hatte sich die Autorenvereinigung bei ihrer Jahrestagung im Mai 2022 in Gotha heillos zerstritten. Deniz Yücel, vor Monaten erst zum Präsidenten gewählt, überstand in der thüringischen Stadt zwar eine Vertrauensabstimmung, warf dann aber entnervt hin – und gründete mit Mitstreitern wie der Autorin Eva Menasse PEN Berlin. „Wir wollen keine Richtungen vorgeben, sondern Meinungen austauschen und das auf hohem Niveau“, sagt Journalist Yücel im Gespräch. Auf der Frankfurter Buchmesse gibt es nun nicht nur ein volles Programm des PEN Berlin. Vor allem gibt es den PEN doppelt.
Zwei Messestände, ein Anliegen: „Wir stehen im Wort, allerdings. Wir stehen vor allem im Wort bei den Kolleginnen und Kollegen, die Debatten nicht frei führen können, weil sie bedrängt und verfolgt werden oder im Gefängnis sitzen“. Was Deniz Yücel als Leitlinie des PEN Berlin griffig formuliert, entspricht der Charta des PEN, in Deutschland vertreten vom PEN-Zentrum mit Sitz in Darmstadt. Auch das PEN-Zentrum tritt in Frankfurt mit einem eigenen Programm an, darunter mit einer Diskussion, die auch PEN Berlin veranstalten könnte: „Afghanistan aktuell. Interview und Gespräch“. Der Ort: Natürlich Frankfurt Pavilion.
Bei der Diskussion über die Revolution der Frauen im Iran findet Deniz Yücel schnell seine Temperatur – engagiert, kritisch, drängend. Leiser sind die Töne, die von José F. A. Oliver kommen, dem frisch gewählten neuen Präsidenten des PEN Zentrums. Aber auch seine Botschaft ist klar: „Wir wollen für die Freiheit des Wortes eintreten und für jene Autorinnen und Autoren, die sich nicht frei äußern“. Klingt das nicht ein wenig nach Deniz Yücel – und umgekehrt?
Die Differenz liegt in der Tonlage. Kein Wunder. Yücel von der Welt ist Journalist, meinungsstark und debattenerprobt, Oliver ein Lyriker mit eigenem Poetenfest. Was beide eint: Yücel wie Oliver weisen auf, was ungelenk Migrationshintergrund genannt wird. Deniz Yücel kam als Sohn türkischer Gastarbeiter im hessischen Flörsheim zur Welt, Oliver wurde als Sohn spanischer Eltern in Hausach im Schwarzwald geboren. Während Oliver Hausach treu bleibt und das Literaturfest LeseLenz gründet, ist Yücel auf der großen Bühne des Meinungsstreits zu Hause. Provinz gegen Kapitale? Lyrik gegen Prosa? Literatur gegen Medien? Irgendwo in der Grauzone dieser Oppositionen liegt das Minenfeld, dessen Explosion den PEN auseinandersprengte.
Die PEN-Charta, die alle Mitglieder auf den Kampf für die Freiheit des Wortes verpflichtet, gilt für beide Verbände. Das ist es aber auch. José Oliver spricht nur von der „Berliner Vereinigung“, wenn es um den PEN Berlin geht. Der ist in der Tat noch nicht anerkannt. Deniz Yücel räumt ein: „Bis zur Anerkennung durch den PEN International müssen wir uns noch ein Jahr gedulden. Das ist länger, als ich anfangs gehofft hatte, aber es ist okay. Zur Versammlung vor ein paar Wochen in Schweden waren wir als Gäste eingeladen, beim nächsten Mal werden wir aufgenommen, ganz sicher.“
Unterdessen gleichen sich die Ziele. „Wir wollen eine Stimme sein, die gesellschaftlich gehört wird“, sagt José Oliver, der erst 2019 in das PEN-Zentrum gewählt wurde. Deniz Yücel stellt indessen einen klaren Qualitätsanspruch an PEN Berlin: „Ich möchte Lesungen und Diskussionen organisieren, die ich selbst auch gern besuchen würde. Das ist mein Qualitätsmaßstab. Das sehen meine Kollegen ähnlich, was sicher keine zuverlässige, aber auch keine ganz falsche Orientierungshilfe ist, um Qualitätsmaßstäbe zu entwickeln.“ An die zum Desaster entgleiste Tagung von Gotha, auf der er das PEN-Zentrum als „Bratwurstbude“ abfertigte, möchte Yücel nicht mehr erinnert werden.
José Oliver hingegen muss sich kümmern. Für den Januar strebt er eine Klausurtagung an, bei der Präsidium und Mitarbeiter der Frage auf den Grund gehen wollen, was das Klima im Verband so ruiniert hat. In Gotha waren die Animositäten offen ausgebrochen. Ein Heilmittel weiß Lyriker Oliver schon jetzt: „Die Würde der Sprache und die Würde der Person, das gehört für mich immer zusammen“.