Frankfurt am Main Jo Lendle ist sich sicher: Energiekrise macht Bücher teurer
Die Energiekrise verengt Spielräume - auch die der Buchverlage. Jo Lendle vom Hanser-Verlag warnt: Die Enge der Kalkulation darf uns nicht im Kopf eng machen. Ein Gespräch auf der Frankfurter Buchmesse.
Die Frankfurter Buchmesse findet endlich wieder in Präsenz statt. Gerade noch rechtzeitig? Jo Lendle jedenfalls jubelt: „Auf der Buchmesse kommen wir uns jetzt alle gerade wie die Kinder vor, die wieder in die Weihnachtsstube zurückdürfen. Alles glitzert und glänzt“, sagt der Verleger des Münchener Carl Hanser Verlages, der mit Fatma Aydemirs Roman „Dschinns“ auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2022 vertreten ist. Halle 3.1, Stand E105: Hanser und Suhrkamp flankieren hier die Magistrale unter den Boulevards der Buchmesse. Relevanter geht es kaum. Lendle nimmt am Tisch Platz. Sein Blick ist entspannt und präzis zugleich. Sein Markenzeichen.
Entsprechend verbindet Lendle seine Freude über den Start der Buchmesse mit einem nachdenklichen Blick auf die Entwicklung der Buchbranche in der Corona-Zeit. Diese Zeit habe gezeigt, dass die Beziehungen in der Verlagsbranche „belastbar und vertrauensvoll“ seien. „Das Problem der Corona-Krise war für mich, dass ich viel zu wenig Input bekommen habe. Das ist schlecht für mich, aber vor allem schlecht für all die Newcomer, die jetzt erst in die Literaturbranche kommen. Sie hatten es sehr schwer, überhaupt sichtbar zu werden“, bringt der Verleger auf den Punkt, was viele Häuser in seiner Branche umtreibt.
Dabei geht es für Jo Lendle gerade jetzt darum, für neue Talente und ihre Schreibweisen aufmerksam zu sein. Der Markt der neuen Bücher verändere sich in dieser Zeit von Corona, Krieg und Energiekrise sehr. „Ich beobachte gerade eine große Deglobalisierung, die auch die Literatur betrifft. Kulturelle Weltzuständigkeit nimmt ab, offenbar auch bei Büchern“, sagt Lendle und lässt seinen Blick für einen Moment über die Messebesucher schweifen, die zwischen den Verlagsständen vorüberfluten. Die Zeit der großen Welterklärungen ist vorbei, findet Lendle und ergänzt: „Ich finde, dass sich auf dem Hintergrund der Deglobalisierung literarische Ästhetiken gerade langfristig verändern“.
In welche Richtung? „Viele Autorinnen und Autoren suchen literarische Antworten auf ein Erleben, das mit allgemeinen Wahrheiten nicht mehr greifen oder erklären lässt“, sagt Lendle und zitiert als Beispiele die Bücher von Nobelpreisträgerin Annie Ernaux und auch „Blutbuch“, jenen Roman, für den der non-binäre Autor Kim de l´Horizon gerade mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden ist. Zugleich schaut er auf Erfolgstitel seines eigenen Hauses. Ob Mithu Sanyals viel debattierter Roman „Identitti“ – „ein cleveres Buch“ – Fatma Aydemirs „Dschinns“ – „ein großer deutscher Roman“ – immer wieder geht es gerade jetzt darum, dass Bücher zeigen, wie schnell sich die Welt und ihre Gewissheiten gerade verändern.
„Keine Jugendgeneration hat jemals darauf gewartet, von der Elterngeneration anerkannt oder gestreichelt zu werden. Wir wollten immer, dass Jugendliche politisch sind. Jetzt sind sie es und wir sind auch wieder nicht zufrieden“, sagt Lendle mit einem Lächeln. Er meint auch die jungen Autorinnen und Autoren, die gerade eine Welt zu beschreiben versuchen, die auch die Verlage auf eine harte Probe stellt. Corona, Krieg, Energie – Jo Lendle schaut sorgenvoll bei diesen Themen. „Ich habe in der Verlagsbranche immer am Abgrund gearbeitet. Aber jetzt, in Zeiten der Energiekrise, scheint der Abgrund viel tiefer zu sein“, formuliert er sein Lebensgefühl und warnt: „Gestiegene Kosten machen Bücher teurer, verengen Kalkulation und zeitliche Planung. Diese Enge darf uns aber nicht im Kopf eng machen“.
Eine Konsequenz ist für Lendle klar: Bücher werden teurer werden. Lange Zeit seien die Preise stabil gehalten worden. Diese Zeit ist wohl vorbei. „Wir haben den Wert von Büchern lange Zeit zu wenig deutlich gemacht. Das müssen wir jetzt nachholen“, meint der Hanser-Chef. Seine Neugier beeinträchtigt das nicht. Im Gegenteil. Noch ein wacher Blick auf sein Gegenüber, dann steht er vom Tisch auf, wendet sich zum nächsten Termin. Diese Frankfurter Buchmesse muss einfach gut werden. Für Jo Lendle ist das klar. Für alle, die er in diesen Tagen trifft, wohl auch.