Frankfurt  Frankfurter Buchmesse 2022 wirbt für sich als freier Debattenraum

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 18.10.2022 17:51 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Börsenverein-Vorsteherin Karin Schmidt-Friderichs, der Autor Mohsin Hamid und Buchmessen-Direktor Jürgen Boos in Frankfurt. Foto: Sebastian Christoph Gollnow/dpa
Börsenverein-Vorsteherin Karin Schmidt-Friderichs, der Autor Mohsin Hamid und Buchmessen-Direktor Jürgen Boos in Frankfurt. Foto: Sebastian Christoph Gollnow/dpa
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Das Gegenteil von einer Echokammer: Die Frankfurter Buchmesse wirbt für sich als Raum der freien Debatte. Das hat auch wirtschaftliche Gründe. Corona und Energiekrise beuteln die Buchbranche.

Raus aus der Corona-Krise, hinein in die Präsenz: Die Frankfurter Buchmesse ist wieder da. Mit dieser Botschaft gingen Karin Schmidt-Friderichs, die Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, und Direktor Jürgen Boos zum Auftakt der Buchmesse in die Offensive. Die Buchbranche als freier Diskursraum: So rückten Schmidt-Friderichs und Boos Literatur in die Mitte der freien Gesellschaft und erklärten das Buch zu seinem Leitmedium. Schmidt-Friederichs kritisierte eine Gesellschaft, „in der alle um die Wette und niemand mehr empfängt“. Jürgen Boos formulierte griffig: „Eine Buchmesse ist das Gegenteil zu einer Echokammer“.

Die 74. Frankfurter Buchmesse könnte deshalb doppelt in die Geschichte eingehen – nicht allein als erste Messe in Präsenz nach den Lockdowns der Corona-Krise, sondern auch als Veranstaltung, die sich dezidiert politisch versteht und deshalb mehr sein will als nur der weltweit wichtigste Branchentreff. „Die Buchbranche schafft Raum für den friedlichen demokratischen Austausch“, unterstich die Vorsteherin des Börsenvereins die Relevanz der Verlage und Buchhandlungen. Die Frankfurter Buchmesse diene der Völkerverständigung und halte den Diskurs offen in einer Zeit, „in der radikale Ränder Zulauf erhalten und lauter werden“.

Diese Diskursbestimmung hat auch ökonomisch ihren guten Grund. Die Buchbranche wirbt als Debattenforum und als damit als offener Raum des pluralen Austausches und öffentliche Unterstützung in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Erst Corona, nun die Energiekrise: Die Weltlage beutelt eine Branche ohne große Gewinnmargen.

Die Daten sprechen für sich. In den ersten neun Monaten lag der Buchmarkt - über alle Vertriebswege hinweg - mit 1,4 Prozent unter dem Vorjahreszeitraum. Im Vergleich mit dem gleichen Zeitraum vor Corona liegt er 2,0 Prozent zurück. Noch schlechter ist die Lage bei Buchhandlungen vor Ort: Der stationäre Sortimentsbuchhandel machte in den ersten neun Monaten 2022 im Vergleich zu der Zeit vor Corona 8,7 Prozent weniger Umsatz.

„Wir brauchen wirtschaftliche Ausgleichsmaßnahmen, um unserem gesellschaftlichen Auftrag nachkommen zu können“, unterstrich Schmidt-Friderichs die Forderungen der Buchbranche nach öffentlicher Unterstützung. Wie Jürgen Boos klarmachte, müssen auch die Erwartungen für die Messe selbst begrenzt werden. Mit 4000 Ausstellern aus 95 Ländern und einem bezaubernd anregenden Pavillon des Gastlandes Spanien tritt die Messe 2022 offensiv auf.

Ob aber die 300000 Besucher der letzten Messe vor Corona wieder erreicht werden können, musste Jürgen Boos offenlassen. In Frankfurt soll mit einem reichhaltigen Programm jedenfalls gegengesteuert werden. Mit dem „Bookfest“ soll das Publikum überall in der Stadt mit Literatur in Kontakt gebracht werden.

Weitere Highlights aus dem Programm sind der Fokus auf der Literatur der von Russland attackierten Ukraine, das Thema der Übersetzung unter dem Motto „Translate, Transfer, Transform“ und ein prallvolles Diskussionsprogramm im Frankfurt Pavillon, das als Schaufenster und Arena der offenen Debatte weiter positioniert werden soll. Wie Literatur einen starken Beitrag zum gesellschaftspolitischen Gespräch beisteuern kann, demonstrierte während der Pressekonferenz der Autor Mohsin Hamid, dessen Roman „Der letzte weiße Mann“ gerade als neues Kultbuch debattiert wird.

Hamid machte nicht nur der westlichen Welt des Ressourcenverbrauchs die Rechnung auf, er feierte auch den Roman als Medium. In sozialen Netzwerken würden Menschen nur zu Zuschauern gemacht. Allein Literatur fordere zu kreativem Mittun heraus. Romanleser seien Menschen, die nicht Zuschauer seien, sondern verstanden hätten, dass sie Autoren ihrer Welt sind. Welch schöne Werbung für die Kraft der Literatur. (Mit dpa).

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