Osnabrück  Darum trifft Kim de l’Horizon mit „Blutbuch“ einen Nerv

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 18.10.2022 17:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Kim de l‘Horizon hat für seinen Roman „Blutbuch“ den Deutschen Buchpreis erhalten. Foto: Arne Dedert/dpa
Kim de l‘Horizon hat für seinen Roman „Blutbuch“ den Deutschen Buchpreis erhalten. Foto: Arne Dedert/dpa
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Deutscher Buchpreis für eine non-binäre Person. Das Netz kocht. Dabei ist Kim de l´Horizons „Blutbuch“ mehr als ein gesellschaftspolitisches Statement. Der Roman trifft einen Nerv.

Starkes Debüt oder nur ein mäßiger Roman? Die Meinungen der Literaturkritik über Kim de l´Horizons „Blutbuch“ füttern gerade nicht mehr als eine akademische Nebendebatte. Im Zentrum der Reaktionen auf die Verleihung des Deutschen Buchpreises 2022 für „Blutbuch“ stehen Hasskommentare. Ein Mensch, der sich als non-binär versteht, gewinnt den Buchpreis. Und prompt dominiert das Ressentiment. Da feiert sich eine verzickte Kulturschickeria mal wieder selbst. So und ähnlich wird in den unsozialen Netzwerken geätzt. Das ist so traurig wie erwartbar.

„Blutbuch“ trifft einen Nerv. Der Buchpreis mag nicht einmal verdient sein, aber die Verleihung richtet den Blick auf Menschen, die allzu lang marginalisiert gelebt haben und auf die Vorurteile jener, die sich als Mehrheit fühlen und aggressiv reagieren, wenn ihr Mainstream in Frage steht. Sicher, manche Passagen von Kim de l´Horizons Buch mögen, sagen wir einmal, herausfordernd sein. Und bei der Verleihung ersetzte Kim de l´Horizon die Dankrede durch einen Song. Auch das durchbricht vertraute Kulturrituale. Aber wo bleibt die Offenheit, die für eine freie Gesellschaft selbstverständlich sein müsste?

Dabei geht es nicht allein um ein gesellschaftspolitisches Statement. Es geht um Literatur. Und die ist immer divers. Warum? Weil sie ihre Leser mit ungewohnten Idiomen konfrontiert. Das Abenteuer eines Lesens, das seinen Namen verdient, besteht ja gerade darin, sich in den Raum einer Sprache zu begeben, die ihre Welt anders sehen, fühlen, schmecken lässt. „Blutbuch“ fordert zu einer solche Reise heraus. Kim de l´Horizon schickt seine Leser in einen Katarakt aus Bärndütsch und Szenesprech. Dieses Buch ist als Sprachereignis wichtig, nicht einfach als Coming-Out.

Die Jury hat viel Mut bewiesen, als sie sich gerade für dieses Buch entschied. Der Deutsche Buchpreis gilt dem Schmöker, der populär sein, seine Käufer finden soll. Dieser Preis ist auch ein Marketinginstrument der Buchbranche. Kim de l´Horizons „Blutbuch“ aber durchbricht jede Erwartung an eine Literatur, die sich als Wellness-Erlebnis gut verkauft. Die Jury hat sich gegen die Marktgängigkeit und für die Relevanz von Literatur entschieden. Denn genau das ist der ausgezeichnete Roman: eine Zumutung, im besten Sinn.

Erst ein Skandal, dann ein Klassiker: Die Geschichte der Literatur kennt dieses Gesetz. Viele Bücher, die heute im Schulunterricht gelesen werden, waren bei ihrem Erscheinen ein verbissen angefeindetes Ärgernis – von Gustav Flauberts „Madame Bovary“ bis zu Thomas Manns „Buddenbrooks“. Ob Kim de l´Horizons „Blutbuch“ in der Literaturgeschichte einen ähnlichen Karriereweg gehen will, ist keineswegs ausgemacht. Einstweilen zeigt dieses Buch auf, was eigentlich skandalös sind – der Hass auf Menschen, die einfach nur sie selbst sein und auch so schreiben wollen.

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