Affront gegen Natur und Klima  Aurichs Kampf gegen Schottergärten ist Rohrkrepierer

Gabriele Boschbach
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Von Gabriele Boschbach
| 18.10.2022 16:35 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Viele Schottergärten sehen aus wie ein Grabmal. Foto: Archiv/Ortgies
Viele Schottergärten sehen aus wie ein Grabmal. Foto: Archiv/Ortgies
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Seit drei Jahren gibt es in Aurich einen Beschluss, etwas gegen Steinwüsten in Vorgärten zu machen. Doch es fehlt an einer wichtigen Sache, um damit auch erfolgreich zu sein.

Aurich - Gila Altmann schaut in diesen Tagen mit sehnsüchtig-neidischem Blick in Richtung Leer. Die Auricher Grünen-Fraktionschefin hätte für ihre Stadt auch gerne das, was dort bei Schottergärten praktiziert wird. Die Leeraner Verwaltung hat vor einigen Wochen einen Mitarbeiter eingestellt, der die Steingärten aufspürt, in einem Kataster erfasst und zur Anzeige bringt. Sie sind nämlich laut der Niedersächsischen Bauordnung verboten. Dort steht in Paragraf 9, dass nicht überbaute Flächen auf Baugrundstücken Grünflächen sein müssen.

Was und warum

Darum geht es: Wie lassen sich Schottergärten in Aurich rückbauen?

Vor allem interessant für: Menschen mit gut ausgeprägten Naturbewusstsein

Deshalb berichten wir: Weil die Redaktion durch den Vorstoß in Leer inspiriert worden ist, mal nach der Situation in Aurich zu fragen.

Die Autorin erreichen Sie unter: g.boschbach@zgo.de

Gila Altmann ist vor allen Dingen aus einem Grund verärgert: Ihre Fraktion sei nicht untätig gewesen. Sie habe vor etwas mehr als drei Jahren beantragt, dass diese Verstöße gegen die Bauordnung auch in Aurich geahndet werden. Tatsächlich hat die Politik auch am 10. September 2019 eine Beschlussempfehlung auf den Weg gebracht und verabschiedet. Demnach soll es bei Verstößen ein „Aufklärungsgespräch mit dem Hauseigentümer im Rahmen einer Anhörung“ geben. „Die Aufsichtsbehörde kann erforderlicherweise die Begrünung der nicht überbauten Flächen der Grundstücke anordnen“, heißt es in dem Beschluss.

Lebensräume für Tiere verschwinden

„Der Beschluss ist nichts als ein Papiertiger“, ärgert sich Gila Altmann. Bereits bei der Antragstellung habe die damalige Stadtbaurätin Irina Krantz nur müde angemerkt, dass die Verwaltung nicht über die personellen Kapazitäten verfüge, um Schottergärten tatsächlich aufzuspüren. Es gebe zwar pro forma Regelungen, aber niemand könne auf deren Umsetzung achten. Da sehe sie die Nachbarn in der Pflicht, die bei der Stadt anrufen könnten, wenn in ihrer Nähe ein Steingarten angelegt werden sollte. Von dieser Form der Denunziation hält die Grünen-Fraktion überhaupt nichts, weil auf diese Weise eine Stasi-Mentalität begünstigt werde. „In meinen Augen ist das ein Offenbarungseid für die Kommune“, sagt die Auricher Grünen-Chefin mit Blick darauf, dass die Verwaltung nicht tätig werden will.

Steingärten sind nicht gut für das Klima. Foto: Archiv/Ortgies
Steingärten sind nicht gut für das Klima. Foto: Archiv/Ortgies

Gerade bei der aktuell geführten Klimadebatte sei es wichtig, Flagge zu zeigen. Um die Schottergärten anzulegen, wird das Erdreich nämlich mit einer Folie abgedeckt, die das Wachstum von Kräutern und Pflanzen verhindern soll. Das kommt quasi einer Versiegelung der Fläche gleich. Die Nachteile: Regenwasser dringt nicht in den Erdboden ein. Es fließt über die Kanalisation ab. Dadurch sinkt langfristig der Grundwasserspiegel, die Böden trocknen aus, Lebensräume für Tiere und Pflanzen verschwinden und die Hochwassergefahr steigt.

Bußgeld könnte verhängt werden

Ein weiterer Aspekt: Steingärten heizen sich an warmen Tagen auf, weil kein Temperaturausgleich durch lebendiges Grün stattfindet. Gerade in diesem heißen Sommer ist vielen Menschen klar geworden, wie wichtig es ist, einer Überhitzung der Städte entgegenzuwirken. Hohe Temperaturen sind gerade für alte und kranke Menschen körperlich schwer zu verkraften. Sie begünstigen die Kollapsgefahr.

Die Redaktion wollte wissen, ob die Stadt Aurich die Einstellung eines Mitarbeiters in Betracht zieht, der Steingärten ausfindig macht. Er könnte sich Straßenzug für Straßenzug vornehmen. Die Verwaltung würde die Hausbesitzer dann zu einer Anhörung bitten, eine Frist setzen, damit die Schottergärten entfernt werden. Sollte das nicht passieren, würde ein Bußgeld verhängt. Stadtsprecher Johann Stromann sagte auf Anfrage, dass die Beschäftigung eines Mitarbeiters für Kontrollzwecke dieser Art „noch niemals ein Thema war“.

Für Edzard Boumann ist diese Haltung der Stadt nicht nachvollziehbar: „Ich meine, dass die Verwaltung sich mit Leer kurzschließen sollte, um von dort zu erfahren, wie man wirkungsvoll gegen diese Gärten vorgehen kann.“ Der Sprecher des Auricher Naturschutzbundes (Nabu) sieht einen dringenden Handlungsbedarf, um gegen diese Form der Flächenversieglung vorzugehen: „Die Umwelt heizt sich dadurch noch mehr auf. Jeder müsste doch eigentlich wissen, dass Grünflächen eine kühlende Funktion haben.“ In seinen Augen ist es wichtig, den Kampf gegen die Schottergärten auf eine gesetzlich verlässliche Grundlage zu stellen. „Natürlich eckt man mit einem solchen Vorstoß bei den Hauseigentümern an, die davon betroffen sind. Das gibt bestimmt einen Aufschrei, weil die vermutlich teuer angelegte Fläche dann zurückgebaut werden muss.“ Deshalb sei es unter Umständen besser, wenn die Stadt es zunächst mit einer Aufklärungskampagne zu Schottergärten versucht.

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