Osnabrück  Christian Dawidowski: Analphabetismus breitet sich rasend schnell aus

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 17.10.2022 14:51 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
Leseforscher: Christian Dawidowski, Professor für Literaturdidaktik an der Universität Osnabrück. Foto: Jörn Martens
Leseforscher: Christian Dawidowski, Professor für Literaturdidaktik an der Universität Osnabrück. Foto: Jörn Martens
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Goethes „Faust“ im Deutschunterricht lesen? Offenbar ein Luxus. Für Christian Dawidowski ist der Kampf gegen den Analphabetismus wichtiger. Der Professor für Literaturdidaktik warnt vor schwindender Lesekompetenz.

Frage: Goethes „Faust“ fliegt aus dem Lehrplan: Diese Entscheidung in Bayern sorgte jüngst für einen Aufschrei. Was sagt Ihnen als Didaktiker diese Entscheidung?

Antwort: Das ist eine Entscheidung gewesen, die sehr stark von den Medien aufgenommen wurde. Ob sie wirklich Kritik verdient, ist für mich als Didaktiker gar nicht so einfach zu beantworten. Auf der einen Seite ist es ein Zeichen, dass das einzige Bundesland, das noch am klassischen Literaturkanon festgehalten hat, diese Haltung aufgegeben hat. Auf der anderen Seite sehe ich es so, dass das Festhalten an bestimmten Texten für das Abitur überprüft und revidiert werden muss, wenn die Zeit es fordert. Letztlich kommt es ohnehin immer auf die einzelne Lehrperson an, die sich für klassische literarische Bildung entscheiden kann. Auch wenn der „Faust“ verbindlich vorgeschrieben ist, kann man ihn doch im Unterricht falsch einsetzen.

Frage: In dieser Sache wurde ja wieder einmal der Untergang des Abendlandes ausgerufen. Teilen Sie diese Einschätzung?

Antwort: Nein. Es sind Anzeichen für ein verändertes Bewusstsein. Ich glaube nicht, dass die abendländische Kultur untergeht, wenn man auf den „Faust“ verzichtet. Viel wichtiger ist die Lektüreauswahl insgesamt für das Zentralabitur. Bayern ist ohnehin nicht repräsentativ, auch da dieses Bundesland sein Schulsystem ganz anders aufgebaut hat, als alle anderen Bundesländer, auch Niedersachsen. Seit dem Ausgang der letzten Landtagswahl werden wir uns bildungspolitisch ohnehin auf andere Verhältnisse einstellen müssen.

Frage: Inwiefern, was erwarten Sie?

Antwort: SPD und Grüne haben sich in ihren Programmen dafür ausgesprochen, das dreigliedrige Schulsystem in Niedersachsen einzuschränken. Gerade die Grünen wollen Gesamtschulen flächendeckend einführen und die Förderschulen abschaffen. Inklusion soll total gemacht werden. Wir werden andere Verhältnisse bekommen.

Frage: Begrüßen Sie das?

Antwort: Die Abschaffung der Förderschulen sehe ich in ländlichen Gegenden durchaus kritisch. Sehr viele Schüler haben dann keine Alternativen, da viele Förderkinder ihren Platz im staatlichen Schulsystem derzeit einfach nicht finden. Inklusion ist zu begrüßen, dafür braucht man aber genügend Geld. Mentoren müssen immer und überall unterstützen können. Zudem brauchen wir Team Teaching, also mehr als eine Lehrperson in großen Klassen. Nur dann funktioniert das Konzept, sonst nicht. Für Gesamtschulen gilt das Gleiche: Ein integratives Schulsystem ist zu begrüßen. Die skandinavischen Länder zeigen uns, wie erfolgreich ein solches System sein kann. Das Nebeneinander eines integrativen und eines gegliederten Schulsystems funktioniert aber nicht.

Frage: Zurück zu Literatur und Lesen: Sie sagen, dass sich das Leseverhalten gerade generell verändert. Was passiert da momentan?

Antwort: Es geht um das veränderte Leseverhalten der Digital Natives. Empirische Studien aus den letzten zwanzig Jahren zeigen, dass sich das Leseverhalten der unter Dreißigjährigen verändert. Digital Natives sind nicht mehr mit einem Leitmedium in Print aufgewachsen, sondern mit veränderten, digitalen Textformaten. Das führt auch dazu, dass sich das Leseverhalten ändert. Das mediale Format verändert auch das Lesen. Als Literaturdidaktiker halte ich die Fähigkeit zum langen Lesen für sehr wichtig, also die Fähigkeit, mit langem Atem zu lesen, sich auch auf komplexe Texte einlassen zu können. Dazu gehört bei langen Texten auch eine Frustrationstoleranz, wenn man einmal ermüdet ...

Frage: …oder wenn man im Roman von Herman Melville mehrere hundert Seiten lang auf das Erscheinen von Moby Dick wartet ...

Antwort: Genau, das ist es. Es geht um das Deep Reading, wie angloamerikanische Forscher sagen. Diese Fähigkeit geht gerade verloren. Das können wir bei den Digital Natives flächendeckend beobachten.

Frage: Sie verknüpfen diese Form des Lesens mit der Vorstellung von literarischer Bildung. Was macht für Sie literarische Bildung aus?

Antwort: Literarische Bildung ist mehr als literarisches Lernen, bei dem es um den Erwerb von Wissen und Fähigkeiten, außerdem um Lesefähigkeiten – Kompetenzen – geht. Das literarische Lernen konzentriert sich so auf elementare Lesekompetenzen: Schülerinnen und Schüler müssen lesen lernen, um lesen zu können. Diese Fähigkeit kann man normieren, messen und überprüfen. Literarische Bildung aber ist deutlich mehr. Sie knüpft an einen klassischen Bildungsbegriff an, wie ihn deutsche Philosophen zu Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelt haben. Da geht es um die Bildung von Persönlichkeit und die Genese von Werthaltungen.

Frage: Und die verknüpfen Sie auch weiterhin mit der Kompetenz, literarische Texte vertieft zu lesen?

Antwort: Auf jeden Fall.

Frage: Dieser Effekt ist allerdings wissenschaftlich nur schwer zu belegen. Woher kommt dann die Vorstellung, dass tiefes Lesen und Bildung miteinander verbunden sind?

Antwort: Es gibt kleine Studien, die zeigen, dass das Lesen Effekte hat. Dabei wurden beispielsweise Probandengruppen gebildet, die auf der einen Seite Romane, auf der anderen Seite Sachtexte wie Gebrauchsanweisungen gelesen hat. Danach wurde die Empathiefähigkeit überprüft. Die Gruppe der Romanleser zeigte eine deutliche Reaktion, die andere nicht. Ähnliche Tests gibt es auch für das Theaterspiel, das einen ähnlichen Effekt hervorbringt. Diese Tests sind aber klein und insofern in ihren Ergebnissen nicht als repräsentativ anzusehen. Dennoch verknüpft sich das literarische Lesen mit Idealen und Hoffnungen der Persönlichkeitsbildung. Dazu gehört als Vorgeschichte die Bildung der Kleinfamilie und die Einführung des Faches Deutsch an den Schulen im 19. Jahrhundert.

Frage: Diese Effekte hängen offenbar auch am Buch als Medium. Wäre das durch das Internet ersetzbar?

Antwort: Die Leseforschung zeigt, dass das Lesen in analogen Medien nicht ohne weiteres ausgetauscht werden kann, so wie es bildungspolitisch favorisiert wird. Das hat mit den Strukturen des Gehirns zu tun. Unser Gehirn funktioniert räumlich, das Internet nicht. Ein Text auf dem Kindle hat, im Gegensatz zum Buch, keine Räumlichkeit. Die Merkfähigkeit funktioniert wesentlich besser, wenn der Text über das Medium Buch räumlich dargeboten wird.

Frage: Es geht also um Seiten- und Kapitelstrukturen?

Antwort: Richtig. Sie erinnern sich, dass oben links auf einer Seite etwas stand, was Sie als besonders wichtig empfunden haben, und dass das im letzten Drittel des Buches war. Das verankert sich im Gedächtnis. Der Kindle-Reader bietet diese Möglichkeit nicht.

Frage: Ein starkes Votum für das Medium Buch also?

Antwort: Das ist ein sehr starkes Votum für das Buch. Die Stavanger-Erklärung, die 130 Leseforscher 2019 veröffentlichten, warnt deutlich davor, in der Schule Printmedien vorschnell auszutauschen.

Frage: Die Zahl der Buchleser scheint zurückzugehen. Das zeigen die Marktstudien. Es bleibt eine Kernleserschaft übrig. Wenn mit dem Lesen Effekte der Bildung verbunden werden – muss dieser Rückgang dann nicht auch gesellschaftspolitische Folgen haben?

Antwort: Das hat zunächst vor allem bildungspolitische Folgen. Die Digitalisierung in den Schulen führt sicher in vielen Fächern zu sehr guten Effekten. Studien zeigen aber, dass gerade das Fach mit der Digitalisierung am schnellsten voranschreitet, dass durch die Digitalisierung die größten Verluste erleidet – das Fach Deutsch. Dieses Fach war schon immer sehr innovativ. Die Aufgabe des analogen Lesens führt im Fach Deutsch im Umgang mit literarischen Texten zu großen Problemen. Da müssen wir aufpassen. Viele Bildungswissenschaftler weisen darauf hin, Digitalisierung in den Schulen nicht zu verabsolutieren. Sehr viele Lehrpersonen sind vernünftiger als ihre Dienstherren, wenn sie damit vorsichtig umgehen.

Frage: Sie unterscheiden zwei Formen des Lesens, das zweckdienliche und das an Bildung orientierte. Was müsste getan werden, um die zweite Form des Lesens zu stärken?

Antwort: Schülerinnen und Schüler sollten Zeit zum Lesen haben. Lehrpläne müssen dafür entschlackt werden. Es ist außerdem wichtig, das Lesen an Personen zu koppeln. Wir brauchen authentische Menschen als Lesevorbilder. Das können die Eltern sein, das müssen Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer sein. Der Optimismus, Jugendliche würden im Corona-Lockdown ganz von allein mehr lesen, ist leider enttäuscht worden: Sie haben weniger gelesen und ihre Zeit mit digitalen Medien verbracht. Wir müssen Zeit für das Lesen zurückgewinnen, im privaten Bereich wie in den Schulen. Lehrpläne müssen Zeit lassen für Gespräche über Literatur. Diese Gespräche müssen nicht immer gleich bewertet werden.

Frage: Stirbt die Kulturtechnik des Lesens gerade aus, auch auf dem Hintergrund der Digitalisierung?

Antwort: Ich denke ja. Das Bildungslesen verabschiedet sich aus weiten Teilen der Gesellschaft. In historischer Perspektive wird klar, dass diese Kulturtechnik sich auf einen historisch kurzen Zeitraum bezieht, auf die Nachkriegszeit und auf die siebziger und achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, wenn man breite Bevölkerungsteile berücksichtigt. Das war eine besondere Zeit ohne große gesellschaftliche Krisen oder gar kriegerische Auseinandersetzungen. Das bot mehr Möglichkeiten für eine solche Lesehaltung. Das literarische Lesen wird sicher Bestand haben, allerdings nur in bestimmten gesellschaftlichen Milieus, in denen es gehalten und durchgesetzt werden kann. Es fragt sich aber, ob literarische Bildung noch eine Aufgabe des gesamten allgemeinbildenden Schulwesens sein wird und kann.

Frage: Was wäre denn die wichtigere Aufgabe?

Antwort: Alphabetisierung ist die größere Aufgabe. Analphabetismus und Illiteratismus breiten sich derzeit rasant schnell aus, da nähern wir uns schon wieder den Werten des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Literarische Bildung kann entsprechend auch nicht mehr so präsent sein. Als Didaktiker frage ich mich, wo literarische Bildung ein Thema sein kann – vielleicht eben nicht mehr für Schulformen jenseits der Oberstufe. Das sind Fragen, die wir rasch gesellschaftlich diskutieren müssen, bevor die Entwicklung digitaler Medien uns überholt hat.

Frage: Aber Goethes „Faust“ sollte man weiterhin lesen?

Antwort: Den sollte man weiterhin lesen. Aber das ist, wie eingangs erwähnt, eine Frage der Lehrerausbildung. Eine gut ausgebildete Lehrperson müssen Sie nicht behördlich dazu zwingen, den „Faust“ im Unterricht lesen zu lassen. Das macht sie von allein – wenn sie gut ausgebildet ist. Oder sie nimmt mindestens eine gut ausgewählte Alternative, die besser in den Unterricht und zum Kurs passt. 

Lesetipp: Christian Dawidowski: Literarische Bildung. Reclam Verlag. 133 Seiten. 6,80 Euro. Zur Verlagsinformation über das Buch geht es hier.

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