Hamburg Warum Männer Dickpics verschicken und was Frauen dagegen tun können
„Wie schön, ein Penisbild”, diesen Gedanken haben wohl nur wenige Frauen, wenn sie ungefragt ein Dickpic erhalten. Das Versenden solcher Bilder ist strafbar, dennoch zeigen es viele Frauen nicht an. Eine Betroffene, die es anders gemacht hat, erzählt.
Lisa Lambrecht sitzt gerade bei der Blutspende, als sie bei Instagram ihre Nachrichten durchscrollt. Sie öffnet ein Foto, das ihr ein fremder Mann geschickt hat und sieht, was sie nicht sehen wollte: ein „Dickpic“, ein Penisbild. Die 26-Jährige hatte Monate zuvor mit dem Fremden belanglose Nachrichten ausgetauscht, dann kam das Bild. „Mir war das extrem unangenehm“, sagte die 26-jährige Hannoveranerin drei Jahre nach dem Vorfall. „Ich habe nur gehofft, dass niemand das Foto gesehen hat und mich dann merkwürdig findet.“
Das, was Lambrecht erlebt hat, kennen viele Frauen, die soziale Netzwerke nutzen. Eine Online-Umfrage des Marktforschungsinstituts YouGov in Großbritannien aus dem Jahr 2018 hat gezeigt, dass 40 Prozent der Frauen zwischen 18 und 36 Jahren mindestens einmal ungefragt Penisbilder erhalten haben. Zahlen für Deutschland gibt es bislang nicht.
Lambrecht entscheidet, den Vorfall nicht einfach hinzunehmen. „Mein erster Impuls war zwar, das Foto zu löschen. Später hat aber die Wut zugenommen und ich wollte, dass er merkt, dass so etwas nicht ok ist“, sagt sie. Lambrecht erstattet Strafanzeige, macht einen Screenshot des Penisbildes und des Profils und sendet sie an die Polizei. „Ich habe mir da viel Arbeit gemacht, nach einigen Monaten kam der Brief, dass die Anzeige aufgenommen wurde und wieder ein paar Monate später der Brief mit der Einstellung des Verfahrens“, sagt Lambrecht.
Seit 2020 gibt es eine Plattform, die Betroffenen solche Erfahrungen ersparen will: dickstinction.com. In wenigen Minuten können Betroffene den Betreibern zufolge online eine Strafanzeige erstellen. Die Anzeige muss dann ausdruckt und an die Staatsanwalt Berlin versandt werden. Dort laufen alle dickstinction-Anzeigen zusammen. Die Behörde leitet die Anzeigen an Ermittlungsbehörden in ganz Deutschland weiter. Mehrere hundert Anzeigen gingen bereits bei der Berliner Staatsanwaltschaft ein, mehr als 6000-mal wurden Anzeigen mithilfe von dickstinction erstellt.
Rechtsanwältin Josephine Ballon erklärt, warum es wichtig ist, Dickpics nicht als Unannehmlichkeit abzutun, sondern anzuzeigen: „Nur so verstehen Absender, dass das Versenden eine Straftat ist.“ Ballon arbeitet bei HateAid, einer Organisation, die sich gegen Gewalt im Netz einsetzt und dickstinction betreibt.
Die Rechtsanwältin schildert, dass ihrer Erfahrung nach besonders Frauen, die sich selbstbewusst im Netz präsentieren, viele Dickpics erhalten. „Eine Frau, die einen Back-Account betreibt und traditionelle Rollenmuster bedient, ist von dieser Art der Belästigung wahrscheinlich weniger betroffen“, sagt sie. Für viele prominente Frauen gehörten Belästigungen zum Alltag, erläutert sie weiter.
Den Männern, die die Bilder verschicken, gehe es dabei vor allem um Machtdemonstration.
Vielmehr zeigten die Männer, dass sie Frauen online jederzeit belästigen können.
Und viele Frauen nehmen diese Belästigung als Teil der Online-Welt einfach hin, sagt Ballon. „Es ist ein Stück weit absurd, in der echten Welt würde diesen Exhibitionismus niemand akzeptieren“, sagt Ballon. Was im realen Leben strafbar ist, ist es auch im Netz, betont Ballon. Allerdings sei die Durchsetzung schwieriger, das gilt auch für dickpics: „Das Schwierigste ist die Identifizierung des Täters“, sagt Ballon. Wenn diese Hürde übersprungen wird, liegen die Erfolgschancen einer Anzeige bei 30-40 Prozent, sagt die Rechtsanwältin. Was aus den Anzeigen bei dickstinction wird, kann Ballon nicht sagen: „Leider erfahren wir meist nicht, wie die Fälle ausgehem.“
Obwohl Lambrechts Anzeige juristisch keinen Erfolg hatte, für sie persönlich, war es einer - wenn auch mit Beigeschmack. „Ich habe mich nicht mehr hilflos gefühlt, weil ich aktiv geworden bin“, sagt sie. Ihr Instagram-Profil hat sie nach der Belästigung dennoch auf privat gestellt. Unbekannte können nicht mehr sehen, was sie tut. Bei Strandfotos überlegt sie sich, ob sie sie postet. „Es ist schlimm, dass so viele Frauen diese Erfahrungen im Netz machen und ihr Verhalten ändern, obwohl sie nichts falsch gemacht haben“, sagt sie und ergänzt: „Wenigstens weiß ich, falls es nochmal vorkommt, woran ich mich wenden kann.“