Osnabrück  Kim de l‘Horizons Roman „Blutbuch“: Keine Lust mehr auf das Ich?

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 14.10.2022 17:20 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Kim de l´Horizon steht mit „Blutbuch“ auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Foto: dpa
Kim de l´Horizon steht mit „Blutbuch“ auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Foto: dpa
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Keine Lust mehr auf das Ich? Kim de l‘Horizon hat seine Entscheidung getroffen. Sein Debütroman „Blutbuch“ ist eine Reise zu den Differenzen der Identitäten.

Meer. Das klingt fast wie das französische Wort für Mutter, mère. Im Deutschen der Stadt Bern, Kim de l‘Horizons Geburtsort, sind Meer und Mutter so eins wie Großmeer und Großmutter. Die Mutter und das Wasser, eine Person und das Element, das kein Geschlecht kennt – in seinem Roman „Blutbuch“ macht Kim de l‘Horizon das Motiv seiner Lebensrecherche früh kenntlich: Es geht darum, eine Person jenseits fester Zuschreibungen zu sein, darum, sein Geschlecht nicht als gegeben anzusehen, sondern es in seinem Leben überhaupt erst noch auffinden zu wollen. „Blutbuch“ ist der diverse Roman auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.

Drei Frauen, zwei Männer, eine nicht-binäre Person: Die Shortlist für den Deutschen Buchpreis ist in diesem Jahr besonders bunt besetzt, weil sie Bücher zusammenbringt, in denen auf jeweils sehr individuelle Weise nach einer eigenen Sprache gesucht wird. Kim de l‘Horizon, 1992 bei Bern geboren, identifiziert sich als nicht-binär.

Auch die Hauptfigur des Romans „Blutbuch“ (Dumont) heißt Kim und fühlt sich weder ausschließlich männlich noch weiblich. Als die Großmutter ihre Dominanz an die Demenz verliert, beginnt Kim eine eigene Sprache zu bilden.

„Da es in diesem Gemenge keinen geraden Weg gibt, kann die Form des Romans nicht linear sein“, konstatierte die Jury, die sich bei der Zusammenstellung der Shortlist zum Deutschen Buchpreis auch für „Blutbuch“ entschied. Mal sei die Sprache experimentell und gewagt, mal derb und obszön, mal zart und intensiv: „Ein Roman, der berührt und bewegt.“ Kim de l‘Horizon führt in seiner literarischen Lebens- und Selbsterkundung vor, wie wenig fest Identitäten sein müssen. Andere Entwürfe irritieren ihn. „Allerdings sprachen wir nie darüber, wie lächerlich Grossvater auf diesen Fotos aussieht, die er mit seiner Burschenschaft aufgenommen hat, wie komisch sie ihre Brust plustern und in die Kamera grinsen“, heißt es.

Identität versteht sich nicht von selbst. Sie ist kulturell situiert, historisch bedingt. Kim de l‘Horizon erkundet in seinem Buch eine Existenz, die sich aus dem Entweder-Oder befreien will. „Blutbuch“ ist eine Mixtur aus Autobiographie, Reisebuch, Essay, Sprachexperiment.

Der Roman entspricht damit einem Trend, die Grenzen der Genres zu überschreiten, Fiktionalität zu verlassen und den direkten Selbstbezug zu suchen. Eine entdeckende Lektüre, nicht nur für nicht-binäre Menschen. Für Kim de l‘Horizon ist die Richtung klar, hin zu einem Leben, dessen Identität so flüssig und wandelbar ist, woraus die Meere bestehen: Wasser. (Mit dpa)

Kim de l‘Horizon: Blutbuch. Roman. Dumont Verlag. 336 Seiten. 24 Euro. Zur Verlagsinformation über das Buch geht es hier.

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