Hamburg  Verschickungsheime: Warum eine Expertin darin Parallelen zur Nazi-Erziehung sieht

Marie Busse
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Von Marie Busse
| 14.10.2022 16:50 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Viele Kinder kehrten von den Kuren traumatisiert zurück. Foto: dpa/Maurizio Gambarini
Viele Kinder kehrten von den Kuren traumatisiert zurück. Foto: dpa/Maurizio Gambarini
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Einsperren, Züchtigung und Erbrochenes essen: In Verschickungsheimen waren diese Zustände bis in die 1980er Jahre Alltag, sagt Autorin Anja Röhl. Warum kamen diese Grausamkeiten in so vielen Heimen vor? Ein Erklärungsversuch.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges bis in die 1980er Jahren wurden Millionen Kinder auf Kur geschickt - sogenannte Verschickungskinder. Der Aufenthalt sollte der Erholung dienen, doch viele kamen traumatisiert zurück.  Betroffene berichten, dass sie ihr eigenes Erbrochenes essen mussten, sogar Scheinhinrichtungen soll es gegeben haben. Kontakt zu den Eltern war streng untersagt. Vereinzelt kam es sogar zu Todesfällen.

Anja Röhl wurde als Kind zweimal verschickt. Sie hat die Initiative “Verschickungsheime” gegründet und zwei Bücher über dieses fast vergessene Kapitel der Bundesrepublik geschrieben. Die Autorin erkennt die Handschrift der NS-Pflege und Medizin in den Heimen der Kindererholung wieder.

Frage: Frau Röhl, Sie wurden als Kind zweimal verschickt. Was bedeutet das?

Antwort: Ich bin 1960 mit fünf Jahren für sechs Wochen nach Wyk auf Föhr verschickt worden. Drei Jahre später wurde ich für acht Wochen nach Berlebeck in der Nähe des Teutoburger Walds verschickt. Ein Arzt hat die Aufenthalte verschrieben, dabei war ich gar nicht krank. Ich sollte mich in der Kur erholen, allerdings war das Gegenteil der Fall. 

Frage: Was meinen Sie damit konkret?

Antwort: Es war eine einzige Angstreise. Ich hatte keine Angst, die Angst hatte mich. An eine Szene erinnere ich mich noch heute genau: Mir wurde der Mund in der Turnhalle zugeklebt, weil ich geredet habe. Dann haben die Pflegerinnen die anderen Kinder aufgefordert, mich auszulachen. Das war eine ungeheure Demütigung. Von anderen Betroffenen weiß ich, dass es in vielen Heimen solche Bestrafungen und Übergriffe gab, meine Erlebnisse kommen mir da mitunter harmlos vor. Eine Frau berichtete, dass sie als Kind in einen Sack gesteckt und in den Keller vor einen riesigen Koksofen geführt wurde, mit der Drohung, sie würde nun in diesem Ofen verbrannt. 

Frage: Es liegen mittlerweile zahllose vergleichbare Erlebnisberichte von Betroffenen aus Heimen an Nord- und Ostseeküste, aus Mittel- und Hochgebirge vor. Haben sich in den Heimen unabhängig voneinander diese „Erziehungsmethoden“ etabliert? 

Antwort: Davon müssen wir ausgehen. Es gab dazu Fachbücher, die in allen Gesundheitsämtern und Arztpraxen verbreitet waren, eines stammt von dem Kinderarzt, Sepp Folberth, in ihm schrieben Professoren der Kinder- und Lungenmedizin.  Einer von Ihnen, Dr. Hans Kleinschmidt, leitete ein Kinderkurheim und riet beispielsweise zu einer strengen Briefzensur und plädierte für Beruhigungsmittel als „Ersatz für menschliche Anteilnahme”. Dazu stellte er eine 18-Punkte-Strafenliste auf. Das Buch allein erklärt diese sadistischen Praktiken, die flächendeckend vorkamen, allerdings nicht. Natürlich führten Überbelegung und Sparzwang zu problematischen Verhältnissen.   

Frage: Was wissen Sie über das Personal in den Heimen?

Antwort: Ich unterscheide in verschiedene Gruppen: Da waren zum einen die jüngeren Pflegerinnen. Sie waren auf dem Höhepunkt der Verschickung in den 1960er Jahren zwischen 30 und 40 Jahre alt, sind also selbst zur Zeit des Nationalsozialismus groß geworden. Sie waren sogenannte „Führerkinder” und der NS-Propaganda seit der Grundschule auf breiter Front ausgesetzt. Ziel der NS-Erziehung war es, harte und grausame Kinder zu erziehen. Ihnen wurde als Kind ein Menschenbild der absoluten Feindseligkeit eingetrichtert, eine enge, liebevolle Bindung zwischen Eltern und Kind sollte nicht ermöglicht, sondern eher zerstört werden. Das geschah mittels Gewalt und Angst. Als Erwachsene haben sie in den Heimen die Sadismen ihrer Kindheit nach inszeniert. Das geschah unbewusst, weil sie ihre Kindheit nicht reflektiert haben. So gab es zum Beispiel Aufnahmerituale in Kurheimen, die denen in Konzentrationslagern glichen. Auch die Strafen, die verhängt wurden, stammten zum Teil noch aus der NS-Zeit. 

Frage: Was können Sie über die älteren Mitarbeiter sagen?

Antwort: Diese Pflegerinnen hatten ihre Hauptberufstätigkeit während der NS-Zeit. Wir können davon ausgehen, dass von ihnen viele in die Euthanasie - also die Ermordung von kranken und behinderten Menschen während des Dritten Reiches - verstrickt waren. Ihnen erschienen die Strafen im Kinderheim natürlich milde, die Kinder wurden ja nicht ermordet. Da fielen dann Sätze wie „Früher hättest du nicht überlebt”. 

Antwort: Insgesamt lässt sich sagen, dass in den Kinderkurheimen oft nur schlecht ausgebildete Pflegehilfskräfte tätig waren. Pädagogische Kräfte gab es kaum. Und gut ausgebildete Personen oder Menschen, die sich Empathie bewahrt hatten, verließen die Einrichtungen schnell wieder. Zurück blieben die, die die Gewalt zumindest duldeten. Das zog Menschen mit ähnlicher Veranlagung an. 

Frage: In jedem Heim gab es auch Ärzte. Welche Rolle spielten sie?

Antwort: Wir wissen von etlichen Heimärzten, dass sie in NS-Verbrechen involviert waren.

Antwort: Sie knüpften mit ihrer Arbeit quasi nahtlos an ihre Arbeit während der NS-Zeit an und begegneten den Kindern mit unglaublicher Härte. Das ist auch nachvollziehbar, denn hätten sie die Kinder in den Heimen anders behandelt, hätten sie auch über ihre Taten während der NS-Zeit nachdenken müssen und ihre veränderte Haltung rechtfertigen müssen.

Frage: Glaubten die Erwachsenen, dass sie den Kindern durch diese Verschickungen etwas Gutes tun?

Antwort: Auf jeden Fall, den Eltern wurde ja erzählt, ihre Kinder kämen zu einer besonders gesunden Erholung. Die Mitarbeiter in den Heimen haben geglaubt, dass sie den Kindern durch Härte etwas Gutes tun. Sie dachten, es sei gut, sich gegen Verweichlichung zu wehren, das kam noch aus der schwärzesten Pädagogik. Wir empfanden es so, dass wir gehasst wurden. Die Kinder waren für die Mitarbeiter im übrigen nur wie die Ware eines Akkordarbeiters am Band. Kinder wurden verdinglicht. Sie waren eine Möglichkeit für die Heimbetreiber Geld zu verdienen, jedes Kind bedeutete Profit.

Frage: Wer profitierte von der Kinderverschickung?

Antwort: Für die Kurorte waren die Kinderkuren der wichtigste Wirtschaftszweig. Alle profitieren davon: Vom Bauern, der die Kartoffeln und die Milch besorgte, über die Infrastruktur des Kurortes, durch die Kurtaxte, bis zu den Heimbetreibern selbst. 

Frage: In welchen Regionen waren die Heime besonders verbreitet?

Antwort: An Nord- und Ostsee, in Salzkurorten, in den Bundesländern Bayern, Baden-Württemberg. und Nordrhein-Westfalen. Ich kann mich noch erinnern, dass ich gefragt wurde, ob ich ans Meer oder in die Berge verschickt werden will. 

Frage: Es fällt auf, dass sich nach entsprechenden Erlebnisberichten von Betroffenen häufig ehemaliges Personal oder andere frühere Verschickungskinder melden und sagen: So schlimm war das gar nicht. Wer über- und wer untertreibt da?

Antwort: Früheres Personal, wenn es damals jünger war, teilt oft unseren Eindruck, dazu haben wir schon viele Belege. Manche der Älteren, sofern sie noch leben, meinen, wir würden übertreiben. Sehr selten melden sich frühere Verschickungskinder mit positiven Erlebnissen. Man kann sagen, dass auf 300 negative Erinnerungsberichte zwei positive Berichte kommen. Viele Verschickungskinder haben ihre Erlebnisse lange verdrängt oder sie tief in ihrem Inneren verschlossen. Ihnen wurde nicht geglaubt, da sind sie verstummt. Oft blieb ihnen als Kind auch keine andere Möglichkeit, weil sie einfach nicht beschreiben konnten, was ihnen passiert ist. Als Erwachsene kehren die Erinnerungen zurück und die sind schmerzhaft. Die dann hoch kommenden Berichte bestechen durch Detailreichtum. Das macht sie so glaubhaft. Wenn ehemaliges Personal behauptet, es sei alles nicht so schlimm gewesen, sehe ich darin mangelnde Reflexion. Das ist auch nachvollziehbar: Wenn die Personen sich eingestehen würden, dass sie Unrecht getan haben, würde ihr ganzes Lebenswerk zusammenbrechen. 

Frage: Wie haben Sie Ihre Verschickung verarbeitet?

Antwort: Nach meiner zweiten Verschickung spielte ich mit einer Freundin immer Heim. Ich war häufig das Kind und sie war die Tante und hat mich bestraft und beschimpft. Wir haben auch Gewalt nachgespielt. Das passiert, wenn Kindern so etwas angetan wird. 

Frage: Sie haben eine Initiative von Betroffenen ins Leben gerufen. Was sind Ihre Forderungen?

Antwort: Wir wollen Anerkennung als Opfergruppe institutioneller Gewalt, wir brauchen Geld für die Aufarbeitung, für Beratung, Vernetzung und Recherche. Zahllose kennen ihr Verschickungsheim nicht. Die Eltern sind tot, sie müssen in Archiven suchen. Wir wollen die Strukturen der Verschickungsindustrie sichtbar machen und historisch aufarbeiten. Wir wollen Dokumentationszentren aufbauen, auch in den Kurorten, in denen das geschehen ist. Außerdem brauchen wir besondere Altenheime, denn viele haben Angst davor, ins Altenheim zu gehen. Dort gibt es Parallelen zu den Heimen ihrer Kindheit. Alte Menschen sind ähnlich hilflos wie Kinder und brauchen Unterstützung bei elementaren Bedürfnissen. Außerdem ist auch ein Altenheim eine in sich abgeschlossene Institution. Sie befürchten, im Alter genauso gedemütigt zu werden, wie als Kind. 

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