Osnabrück  Energiekrise: Peter Kraus vom Cleff fordert Schutz für das Kulturgut Buch

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 14.10.2022 13:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Peter Kraus vom Cleff ist Hauptgeschäftsführer vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Foto: Monique Wüstenhagen
Peter Kraus vom Cleff ist Hauptgeschäftsführer vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Foto: Monique Wüstenhagen
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Der Winter wird frostig - vor allem für die Buchbranche. Peter Kraus vom Cleff vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels warnt im Interview mit unserer Redaktion vor den Folgen der Energiekrise. Ein Aspekt aber macht ihm Hoffnung.

Frage: Die Energiekrise betrifft die ganze Gesellschaft. Was kommt auf die Buchbranche zu?

Antwort: Unsere Branche hat sich als widerstandsfähig erwiesen, aber sie erwartet in diesem Jahr ein frostiger Winter. Das trifft eine ohnehin knapp kalkulierende Branche besonders hart. Zwei Beispiele: Die Buchverlage haben jetzt schon um 50 Prozent höhere Herstellungskosten. Das liegt an den Papierengpässen, aber auch an den höheren Energiekosten. Für das kommende Jahr rechnen Verlage mit einer weiteren Kostensteigerung von 20 Prozent. Buchhändler müssen mit einer um 300 Prozent gestiegenen Strom- und Gasrechnung zurechtkommen... Auch unsere ausgefeilte Branchen-Logistik steht unter Kostendruck.

Frage: Die aber keine hohe Kapitaldecke hat, nicht?

Antwort: Die Kapiteldecke ist sehr unterschiedlich. Vor allem aber sind die Renditen nicht sehr hoch. Wenn Sie dann noch eine Rendite haben, die sich mehr in Enthusiasmus als tatsächlichem Gewinn auszahlt, dann trifft eine Kostensteigerung empfindlich. Zudem fehlt in den Innenstädten Kundenfrequenz, das Konsumklima ist auf einem historischen Tief.

Frage: In der Corona-Krise haben viele Buchverlage Neuerscheinungen verschoben. Ist das jetzt auch zu beobachten?

Antwort: Das kann ich so nicht feststellen. Die Frage nach dem Papier betrifft viele Verlagsentscheidungen. Wenn ein Verlag Coffee-Table-Books herstellt, und dafür ein gestrichenes Werkdruckpapier benötigt, dann fragt man sich, ob man die Publikation nicht lieber verschiebt, statt sie auf einem Papier anderer Qualität zu verwirklichen. Den meisten Verlagen gelingt es, ihre geplanten Buchprojekte zu realisieren, allerdings unter enormem Aufwand für Disposition und Kalkulation.

Frage: Das Herbstprogramm der Verlage war ja ausgesprochen dicht und gut besetzt. Das zeigt ja auch die Shortlist zum Deutschen Buchpreis. Genießen wir im Moment noch das volle Leseglück?

Antwort: Wir werden auf dieses Leseglück sicher nicht verzichten müssen. Es wird genug Lesestoff geben. Die Buchmesse wird auch noch einmal einen starken Impuls setzen, um Bücher sichtbar zu machen. Auf Dauer werden weder Buchhandel noch Verlage Kostensteigerungen wie in der aktuellen Größenordnung ausgleichen können. 

Frage: Was erwarten Sie von der Politik? Was kann die tun, um Probleme der Buchbranche abzufedern?

Antwort: Wir erwarten kurzfristig Entlastungspakete, die den Verlagen und Buchhandlungen helfen, die Auswirkungen der Kostensteigerungen einzudämmen. Wir sind eine von kleinen und mittelgroßen Unternehmen geprägte Branche, und bislang greifen die Unterstützungsangebote der Politik hier zu kurz. Längerfristig wünschen wir uns, das verwirklicht wird, was im Koalitionsvertrag der Bundesregierung steht, nämlich eine Verlagsförderung, um die kulturelle Vielfalt, die wir haben, auch in Zukunft sicherzustellen. Daneben wünschen wir uns eine finanzielle Abfederung dessen, was Buchhändler vor Ort leisten durch Leseförderung und Kulturveranstaltungen. Der Buchhandel kann viel dazu beitragen, die Innenstädte neu zu beleben. Allein aus den schmalen Gewinnmargen der Buchhändlerinnen und Buchhändler heraus ist das aber nicht leistbar. Eine weitere Entlastungsmöglichkeit wäre, dass, wie von der EU jetzt ermöglicht, die Mehrwertsteuer auf Bücher entfällt.

Frage: Kulturgut Buch: In den letzten Jahren ist die Zahl der Leser, gerade der Belletristik zurückgegangen. Wird dieser Trend durch die Energiekrise verstärkt?

Antwort: Das lässt sich noch nicht sagen. In den Lockdowns haben die Menschen, gerade die 10- bis 19-Jährigen, wieder mehr gelesen. Wir haben auch gesehen, dass die Onlineangebote der Buchhändler wieder mehr Käufer anziehen. Inzwischen entfällt etwa die Hälfte der Buchkäufe, die online getätigt werden, auf die Buchhandlungen. Das Buch schneidet weiter gut ab, wenn es um Freizeitaktivitäten geht. Wir müssen gleichwohl aktiv darauf eingehen, dass Lesergruppen schwinden. 

Frage: Was heißt das konkret?

Antwort: Befragungen von Menschen, die keine oder weniger Bücher kaufen als früher, haben gezeigt, dass viele von ihnen eigentlich weiterhin gern lesen würden, aber aufgrund des hektischen Alltags nicht dazu kommen. Es fehlt ihnen aber nicht nur die Zeit, sondern oft auch schlichtweg die Begegnung mit dem Medium Buch. Deshalb müssen wir verstärkt dahin gehen, wo diese sogenannten „Buch-Abwanderer“ direkt zu erreichen sind. Und sie brauchen mehr Orientierung, denn viele Menschen fühlen sich vom umfassenden Angebot des Buchmarkts überfordert. Deshalb haben wir analysiert, aus welchen unbewussten Motiven heraus Menschen zum Buch greifen. Daraus haben wir „Lesemotive“ abgeleitet, eine neue, zusätzliche Kategorisierung von Büchern. Diese können z.B. Buchhandlungen nutzen, um Bücher so zu präsentieren, dass sie Kunden noch besser ansprechen.

Frage: Welche Motive sind dabei besonders wichtig?

Antwort: Unsere neurowissenschaftliche Marktforschung hat zehn zentrale Bedürfnisse ermittelt, die bedient werden wollen: von Leichtlesen und Lachen über Verstehen bis hin zu Nervenkitzeln. So wollen manche Menschen beim Lesen entspannen, andere Spannung erleben. Dementsprechend wollen sie auch angesprochen werden. Deshalb macht es wenig Sinn, Regionalkrimis neben den hochspannenden psychologischen Thrillern auf dem Büchertisch zu platzieren, Denn obwohl beide Bücher Krimis sind, bedienen sie zwei unterschiedliche Lesemotive. Die entspannenden Krimis sind bei entspannenden Romanen besser aufgehoben. So eine Einordnung hilft gerade Menschen, die nicht so häufig Bücher kaufen dabei, das für sie passende Buch zu finden.

Frage: Könnte der Papiermangel nicht auch den Marktanteil des E-Books erhöhen?

Antwort: Leser bevorzugen immer noch mit großem Abstand gedruckte Bücher. Das wird sich meiner Einschätzung nach nicht grundlegend ändern. Das E-Book hat auch nach etlichen Jahren nur einen Umsatzanteil von 5,7 Prozent am Publikumsmarkt. Deshalb gehe ich davon aus, dass der Buchmarkt auch in Zukunft weit überwiegend ein Papiergeschäft bleibt. Ich denke, Menschen wären eher bereit, eine Tageszeitung digital zu lesen als ein Buch. Gleichwohl geht die digitale Entwicklung weiter. Wir haben zum Beispiel bei barrierefreien E-Books, die ab 2025 verpflichtend sein werden, große Fortschritte gemacht. Und gehen mit gutem Beispiel voran: Alle Titel der Shortlist zum Deutschen Buchpreis sind in diesem Jahr barrierefrei erhältlich.

Frage: Wann ist ein Buch nicht barrierefrei?

Antwort: Es ist dann nicht barrierefrei, wenn es nicht für Menschen mit Beeinträchtigungen digital lesbar ist. Zum Beispiel sollte der Text für Blinde und sehbehinderte Menschen so aufbereitet sein, dass er problemlos von Programmen vorgelesen werden kann. Diese Umsetzung stellt einige Anforderungen. Es gehört zu den Aufgaben des Börsenvereins, den Mitgliedern dabei zu helfen, die entsprechenden Anforderungen umzusetzen.

Frage: Die Frankfurter Buchmesse hatte zuletzt wegen der Corona-Krise geringere Besucherzahlen. Was erwarten Sie sich von der Buchmesse 2022?

Antwort: Wir sind mit dem Vorverkauf der Tickets sehr zufrieden. Bei den Buchungen der Aussteller liegen wir bei 70 Prozent der Ausstellungsfläche im Vergleich zum Rekordjahr 2019 vor der der Corona-Krise. Das übertrifft unsere Erwartungen. Wir haben 4000 Ausstellende aus 95 Ländern. Dazu gehören Verlage, Institutionen und Kulturträger. Das ist eine sehr gute Zahl. Für Privatbesucher bietet die Tatsache, dass schon der Freitag auch für das Lesepublikum geöffnet ist, einen großen Anreiz. Und im Fachbesucherbereich war zum Beispiel das Zentrum für den Rechtehandel sehr schnell ausgebucht. Es gibt einen großen Bedarf an persönlichen Kontakten und Netzwerken. Wir handeln ja, bevor etwas zu einem Buch wird, mit immateriellen Gütern. Das setzt Vertrauen voraus. Wir wollen gerade dem Buchbranchennachwuchs ermöglichen, sich gut zu vernetzen.

Frage: Sie suchen aber auch eine andere Ansprache an das Publikum, etwa mit dem neuen Format des Bookfest.

Antwort: Events sind in der heutigen Zeit sehr gefragt. Daher kommt ein Festival wie das Bookfest, das Bücher in viele Locations in Frankfurt bringt, gut an. Erstmals kooperieren wir auf der Messe auch mit TikTok. Viele Menschen suchen auch Diskurs und Diskussion als Foren der Demokratie. Wir geben vielen Themen ein Forum, etwa Fragen der Diversität oder auch im Exil lebenden russischen Verlagen und Autoren. Der ukrainische Präsidenten Wolodymyr Selenskyj wird sich auf der Buchmesse mit einer Videobotschaft an die Buchbranche wenden.

Frage: Zuletzt wurde auf der Frankfurter Buchmesse immer wieder über die Präsenz rechter Verlage gestritten. Wird es rechte Verlage auf der Buchmesse 2022 geben? Und wie gehen Sie damit um?

Antwort: Wir verurteilen jede Form von Rechtsextremismus, Diskriminierung und Rassismus. Aufgrund unserer Monopolstellung können wir aber keine Verlage ausschließen, die nicht in Deutschland verboten sind. Wir wollen gleichwohl sensibler sein und uns mit dem Thema Antidiskriminierung noch mehr beschäftigen. Messebesucher, die sich diskriminiert fühlen, können sich etwa an ein Awareness-Team vor Ort wenden. Und wir bieten ein vielfältiges Programm zu gesellschaftlichen Themen und zum aktuellen Weltgeschehen.

Frage: Und die Präsenz russischer und ukrainischer Verlage auf der Messe?

Antwort: 40 Verlage aus der Ukraine werden auf einem Gemeinschaftsstand vertreten sein. Den russischen Nationalstand haben wir hingegen ausgeschlossen. Mit dem völkerrechtlichen Angriff auf die Ukraine liegt ein sachlich gerechtfertigter Grund vor, die Anmeldung eines rein staatlichen Standes aus Russland abzulehnen.

Frage: Russische Verlage werden gleichwohl auf der Buchmesse sein?

Antwort: Einzelstände russischer Verlage wären zugelassen, aber es ist derzeit kaum möglich, aus Russland einzureisen. Daher haben sich leider keine russischen Verlage angemeldet. Auf jeden Fall werden russische Autoren, die im Exil leben, auf der Buchmesse sein und auch sprechen.

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