Hamburg Hamburger Liedermacher Wolf Biermann: „Ich kann kein Pazifist sein“
Der Hamburger Liedermacher darüber, wo er begraben sein möchte, wie er sich vom Kommunismus löste und warum er Olaf Scholz gewählt hat.
Ein Backsteinhaus in Hamburg-Ottensen. Hier wohnt Wolf Biermann. Er öffnet selber die Tür und bittet zum Interview in eine Sitzecke mit Blick in den Garten. Im Gespräch beantwortet der 85-Jährige nicht bloß Fragen, er stellt Gegenfragen, er gibt Lektüretipps, er zitiert Voltaire auf Französisch oder leitet die ursprüngliche Bedeutung eines Wortes her. Geschichtszahlen rattert er aus dem Effeff runter.
Zwischendurch schnackt er ein bisschen Platt, das hat er als Junge von seiner Mutter und den Hamburger Hafenarbeitern gelernt. Textsicher sagt er die ersten Zeilen des berühmtesten Klaus-Groth-Gedichts „Min Jehann“ auf. Zum einen beeindruckt der Liedermacher und Lyriker mit seinem schier unerschöpflichen Wissen, zum anderen lässt er seine bewegte Vergangenheit Revue passieren. Als Junge erlebte er den englischen Luftangriff in Hamburg mit, mit 16 übersiedelte er in die DDR. Am 16. November 1976 wurde er ausgebürgert.
Frage: Herr Biermann, warum wollen Sie als gebürtiger Hamburger in Berlin bestattet werden?
Antwort: In Hamburg liegen die Vorfahren meines Vaters auf dem Ohlsdorfer Judenfriedhof. Aber seine Eltern und Geschwister, die ganze Hamburger Judenfamilie liegt in Minsk, sie wurden 1941 ins Massengrab geschossen. Ohlsdorf könnte ein passender Dauerparkplatz für mich sein, denn als der Wolf gehöre ich nach Hamburg. Aber der kleine Drachentöter Biermann mit dem klingenden Holzschwert wurde ich erst im Osten, in Berlin-Mitte. Nur einen Steinwurf entfernt von meiner Wohnung in der Chausseestraße 131 liegt der Hugenottenfriedhof, der Dorotheenstädtische, der passt viel besser für mich. Wenn ich dort nämlich dann noch 20 oder 30 Jahre auf meine Frau Pamela warte, wird’s mir nicht langweilig. Nirgendwo nämlich sind so viele meiner alten Freunde und vertrauten Feinde begraben: meine Meister Hanns Eisler und Bertolt Brecht. Meine einstige Chefin am Berliner Ensemble, Helene Weigel, mein echter Freund Thomas Brasch. Mein falscher Feind Stephan Hermlin. Die Kultur-Canaille Johannes R. Becher. Mein Seelenverbündeter Wolfgang Langhoff. Dort liegt auch mein Leib- und Magen-Philosoph Friedrich Hegel, ein paar Gräber weiter mein Herzensbruder Heiner Müller. Nach dem Fall der Mauer fand ich das Genie in den Stasi-Akten als verkorksten IM, als inoffiziellen Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit. Er sagte mir am Rande der Leipziger Buchmesse: „Wolf, es gibt auch ein Menschenrecht auf Feigheit.“ Heiners Kommentar leuchtete mir sofort ein.
Frage: All diese Persönlichkeiten kennen Sie aus Ihrer Zeit in der DDR. Zogen Sie mit 16 vor allem auf Wunsch Ihrer Mutter von Hamburg nach Gadebusch?
Antwort: Ich wollte es selber. Aber was ich „selbst“ war, ist ein anderer: Das war mein ermordeter Vater. Meine Mutter hat ihn mir von klein auf in die Seele geküsst. Er war von der Gestapo verhaftet worden, weil er den Widerstandskampf gewagt hatte. Ihn sollte ich „rächen“. Was das konkret bedeutet, wusste sie selber nicht. Auf jeden Fall sollte ich wenigstens die Menschheit retten und den Kommunismus aufbauen. Darum ging ich 1953 in die DDR. Ich wollte dort von den richtigen Leuten das Richtige lernen. Natürlich war ich damals als Kommunistenkind in einer Außenseiterposition. Die meisten jungen Leute meiner Generation waren natürlich Nazikinder. Viele schämten sich für ihre Eltern. Obgleich wir im Grunde in einer Diktatur, die mit Kommunismus und Sozialismus überhaupt nichts zu tun hatte, dieselben Verbrechen und Dummheiten kritisierten, unterschied sich unsere Kritik in ihrer Radikalität. Sie waren beschämt und bescheiden. Ich umgekehrt. Ich sagte als rechtmäßiger Erbe den stalinistischen Parteibonzen: „Ich bin der Kommunist, und ihr seid überhaupt keine Kommunisten!“
Frage: 1965 wurde ein totales Auftritts- und Publikationsverbot in der DDR gegen Sie verhängt. Haben Sie Ihre Übersiedlung nach Ostdeutschland jemals bereut?
Antwort: Im Gegenteil! Es war doch das Beste, was ich in meinem Leben tun konnte. Was wäre aus mir geworden, wenn ich in dieser KPD-Blase in Hamburg geblieben wäre? Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wäre ich heute Mitglied der Linken. Ich wäre wahrscheinlich verblödet. Ich wäre zweimal pro Jahr in die DDR gefahren, auf Kosten der Arbeiter und Bauern. Einmal zur ideologischen Runderneuerung, und einmal zur Erholung vom Klassenkampf in der Bundesrepublik. Das heißt, vom wirklichen Leben in der DDR hätte ich nichts begriffen. Ich hätte nur sehr geringe Chancen gehabt, mit meinem kommunistischen Kinderglauben endlich zu brechen.
Frage: Was brachte Sie letztlich dazu, sich von dieser Ideologie abzuwenden?
Antwort: Das war ein zähflüssiger Prozess. Es fiel mir schwer, mich vom Glauben an die kommunistische Utopie zu lösen. Grad weil ja mein Vater für sie gekämpft hatte und den Märtyrertod gestorben war. Ich wollte meinen ermordeten Vater nicht noch mal totschlagen. Dennoch fand ich irgendwann die Kraft, das mit dem Herzen endlich zu begreifen, was der Kopf schon längst wusste.
Frage: Später haben Sie Angela Merkel gewählt. Fühlte sich das an, als hätten Sie Ihren Vater verraten?
Antwort: Mein toter Vater hatte nichts gegen die wunderbar lebendige Angela Merkel. Das Schöne an einer Demokratie ist: Man kann wählen – zwischen Parteien und Menschen. Aus meiner Perspektive gibt es keinen tiefen Gegensatz zwischen der CDU und der SPD. Da sich die Parteien immer mehr angleichen und einer dem anderen die Irrtümer klaut, wählt man in zunehmendem Maße Personen. Bei einem so wachen und redlichen Menschen wie Angela Merkel fällt einem das besonders leicht. Gerhard Schröder würde ich dagegen in keiner Partei wählen.
Frage: Mit Olaf Scholz sympathisieren Sie aber.
Antwort: Ich habe ihn bei der letzten Wahl gewählt. Auch das war in erster Linie eine Personenentscheidung. Ich hoffe sehr, dass er weder zugrunde geht, noch Deutschland in den Abgrund lenkt.
Frage: Macht der Kanzler Ihrer Ansicht nach im Ukraine-Krieg eine gute Figur?
Antwort: Die Wahrheit ist: Ich kann diese Frage nicht beantworten. Denn ich weiß nicht, ob Olaf Scholz so ein Zauderer ist, wie es seine echten und falschen Feinde innerhalb und außerhalb der SPD behaupten. Oder ob er etwas klüger als manch großmäulige Hobby-Kriegsstrategen ist. Meiner Meinung nach brauchen die Ukrainer Hilfe, und ich bin für starke Waffenlieferungen. Weil ich denke, dass sich ein Volk, das von einer Diktatur okkupiert wird, verteidigen muss. Ich kann kein Pazifist sein. Dann müsste ich vergessen, dass Soldaten der englischen, amerikanischen und sowjetischen Armee im Kampf gegen Nazideutschland ihr Leben aufs Spiel gesetzt und teilweise verloren haben. Die Deutschen haben Hitler nicht besiegt, sie haben ihm bis zum Schluss die Treue gehalten. Wissen Sie, wer ihn um die blinde Liebe seines Volkes beneidet hat? Josef Stalin. Der wäre von den Russen auch gern so tief und treu geliebt worden wie Hitler geliebt wurde von den Deutschen.
Frage: Den englischen Luftangriff Gomorrha haben Sie aber 1943 nur ganz knapp überlebt.
Antwort: Weil meine Mutter mich wie einen kleinen Rucksack auf den Rücken genommen und mit mir durch den Nordkanal in Hammerbrook es raus geschafft hat aus dem großen Feuer. 40.000 Hamburger sind in diesem Inferno gestorben. Das hat sich in mein Gedächtnis tief eingebrannt. Wegen dieser Bombennacht bin ich ein Leben lang sechseinhalb Jahre alt geblieben. Deswegen bin ich Dichter geworden. Zum Gedichte schreiben braucht man ein naives Kinderauge.