Ärger am Emder Flugplatz  Dicke Luft in der Helikopter-Branche

Gordon Päschel
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Von Gordon Päschel
| 12.10.2022 16:58 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Ein Helikopter der Emder Rettungsflieger NHC nähert sich einem Windrad. Der Offshore-Markt ist bei den Dienstleistern hart umkämpft. Foto: Privat
Ein Helikopter der Emder Rettungsflieger NHC nähert sich einem Windrad. Der Offshore-Markt ist bei den Dienstleistern hart umkämpft. Foto: Privat
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An der Nordsee liefern sich Helikopter-Firmen einen harten Konkurrenzkampf. Mittendrin: das Emder Unternehmen NHC, das große Teile von Wiking übernimmt. Ein Mitbewerber erhebt schwere Vorwürfe.

Emden - In der Hubschrauber-Branche am Emder Flugplatz weht ein rauer Wind. Zu spüren bekommt es das Unternehmen Wiking Helikopter Service, das im Frühjahr dieses Jahres derart in Turbulenzen geriet, dass es am 15. Juni Insolvenz anmeldete und zum 15. Dezember nun zu großen Teilen von einem seiner Konkurrenten übernommen wird. Käufer ist die Emder Northern Helicopter GmbH (NHC).

Was und warum

Darum geht es: Am Emder Flugplatz wird mit harten Bandagen um Offshore-Aufträge und Geschäftsanteile gekämpft.

Vor allem interessant für: wirtschaftsnahe Leserinnen und Leser sowie diejenigen, die sich für die Offshore-Branche interessieren

Deshalb berichten wir: Das Handelsblatt hatte über mögliche Anzeigen gegen eines der Emder Unternehmen am Flugplatz berichtet.

Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de

Gegen just jenen Käufer und Konkurrenten erhebt nun ein dritter Mitbewerber massive Vorwürfe. Oliver Freiland, Geschäftsführer der Heli Service International GmbH, die ebenfalls ihren Sitz am Emder Flugplatz hat, bezichtigt NHC, die Firma Wiking „in die Insolvenz getrieben“ zu haben, wie er sagt. Er spricht von „massiver Wettbewerbsverzerrung“, weil er davon ausgeht, dass NHC zwar als Privatunternehmen auf dem umkämpften Markt agiert, die Konkurrenz aber mit zweckentfremdetem Spendengeld aussticht. Wiking sei als Dienstleister im Offshore-Geschäft von NHC „gnadenlos unterboten“ worden, so Freiland.

Woher kommt das Geld?

Das Geld, das NHC Vorteile verschaffen soll, soll demnach von der DRF Luftrettung stammen. Hinter der DRF stehen ein gemeinnütziger Förderverein, eine Stiftung des bürgerlichen Rechts und eine gemeinnützige AG. Ihr gehört NHC zu 100 Prozent, sie hatte die Emder Rettungsflieger im Jahr 2019 von der AG Ems gekauft.

Was Oliver Freiland meint, lässt sich auch einem Bericht des Handelsblatts entnehmen. In einem Artikel der Wirtschaftszeitung vom 22. September ist von zwei anonym bei Finanzämtern in Emden-Norden und Filderstadt eingereichten Anzeigen die Rede. Sie sind für NHC und die DRF Luftretter zuständig. In den Anzeigen, die unserer Redaktion vorliegen, werden mögliche Finanzströme und Unternehmens-Vereinbarungen detailliert aufgeführt. Kern der Aussage: DRF finanziert mit steuerbefreiten Stiftungsgeldern die verlustreiche Tochter NHC.

Das sagt das Finanzamt

Auf Nachfrage beim Finanzamt Emden-Norden kann und will der stellvertretende Leiter Stephan Nordloh die Existenz solcher anonymen Anzeigen weder bestätigen noch verneinen. Er verweist auf die Sensibilität des Themas. Die Zurückhaltung sei notwendig, um Vorverurteilungen zu vermeiden. „Als erstes gilt die Unschuldsvermutung“, sagt Stephan Nordloh.

Grundsätzlich sind Finanzämter verpflichtet, allen Hinweisen nachzugehen – egal, ob anonym eingereicht oder namentlich gekennzeichnet. „Jede Anzeige wird bearbeitet“, so Nordloh. Fristen oder vorgeschriebene Abläufe gebe es dafür nicht. „Das hängt vom Einzelfall ab“, sagt er. Bei konkreten Verdachtsmomenten können sich Finanzämter Hilfe von der Steuerfahndung oder Staatsanwaltschaften holen.

Zweifel an der Existenz der Anzeigen

Zu dem Bericht, den Vorwürfen und möglichen Ermittlungen sagt der Geschäftsführer von NHC, Christian Müller-Ramcke, dass man „nichts zu verbergen“ habe und er auch deswegen „nicht beunruhigt“ sei. Er bezweifelt, dass es die Anzeigen überhaupt gibt und glaubt, Opfer einer möglichen Kampagne zu sein. „Es sind harte Anschuldigungen, die in keinster Weise belegt sind“, so Müller-Ramcke. Von der Existenz der Anzeigen will er „bisher nur durch den Pressebericht“ etwas wissen.

Bei der DRF Luftrettung reagiert Jutta Oellig ähnlich. Sie seien von dem Handelsblatt-Artikel „überrascht“ worden, sagt die Pressesprecherin und versichert ebenso wie Christian Müller-Ramcke, dass sich noch kein Finanzamt oder eine andere Ermittlungsbehörde gemeldet habe.

„Es fließt kein Geld an NHC“

Die Anschuldigungen weist die Sprecherin zurück. Ihr zufolge gibt es bei der DRF „klar getrennte Strukturen“ und somit keine unlautere Verteilung von Spendengeldern. Für das operative Geschäft, also die Wirtschaftstätigkeit, sei die gemeinnützige Aktiengesellschaft verantwortlich, so Jutta Oellig. Tochtergesellschaften darüber hinaus würden „eigenständig“ agieren. „Es fließt kein Geld an die NHC“, sagt sie.

Laut dem Handelsblatt-Bericht herrscht in der Branche und damit auch am Flugplatz Emden mit seinen vier Helikopter-Unternehmen ein harter Verdrängungswettbewerb an einer Schnittstelle. Im Mittelpunkt steht die Notfallrettung an der Nordsee. Auf dem Festland oder für Schiffbrüchige gilt die Luftrettung als Teil der Daseinsvorsorge, die von gemeinwohlorientierten Firmen wie der DRF, dem ADAC und anderen Anbietern gewährleistet wird. Im Fall der Offshore-Windparks gehen die Aufträge an kommerzielle Unternehmen wie Wiking oder NHC. Die Grenzen, so die Quintessenz, werden unscharf.

Das Wiking-Geschäft wird neu verteilt

Mit dem Einstieg bei Wiking hat sich NHC neben der Notfallversorgung über der Nordsee ein weiteres Geschäftsfeld erschlossen. Die Emder DRF-Tochter übernimmt von der Wiking-Basis Mariensiel aus den Seelotsenversatzdienst. Um die Lotsen zu den Schiffen zu bringen oder zu holen, wechseln zwei Helikopter den Besitzer. Dazu kauft NHC Wiking den Werftbetrieb ab und übernimmt als Mieter eine Halle auf dem Emder Flugplatz. Betroffen sind rund 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die einen neuen Arbeitgeber bekommen.

Die verbliebenen Mitbewerber sind wachsam: „Man macht sich schon Gedanken, was NHC als nächstes macht“, sagt Oliver Freiland, der die Expansionspläne kritisch sieht. Vom Aus von Wiking profitiert indes auch sein Unternehmen Heli Service. Es bekam vom Windparkbetreiber Tennet den Zuschlag für den Crew-Transport, der nach der Pleite und einer gescheiterten Investorensuche neu ausgeschrieben wurde.

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