Kolumne „Artikel 1, GG“ Ins Gespräch kommen
Mittwochs geht es hier um den Umgang mit unterschiedlichen Kulturen. Heute berichtet unsere Kolumnistin von ihrer Lesereise in die östlichen Bundesländer.
Ich bin auf Lesereise. Vergangene Woche war ich in Süd- und Norddeutschland, in Leer konnte ich einige Leser meiner Kolumne kennenlernen – wie etwa die Lehrerin, die mich in die Gutenberg-Schule zum Gespräch mit Schülern eingeladen hat. Ich schätze sie sehr für ihr Engagement insbesondere für Schüler aus problematischen Familien.
Zur Person
Canan Topçu (57) ist als Tochter türkischer Arbeitsmigranten in Hannover aufgewachsen. Nach der Ausbildung bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung wechselte die Journalistin zur Frankfurter Rundschau. Seit 2012 ist die Hanauerin freiberuflich als Autorin sowie als Referentin und Dozentin tätig.
Nun bin ich im Osten. Am Montagabend habe ich in Görlitz aus meinem Buch vorgelesen und mit dem Publikum diskutiert. Annaberg-Buchholz, Torgau und Bauzen sind weitere Stationen. Als ich in Görlitz, der ersten Station der Tour, aus dem Zug ausstieg, stellte ich Unbehagen in mir fest. Der Osten ist vielen Menschen wie mir nicht geheuer – also solchen, die von einem Teil der alteingesessenen Deutschen – insbesondere im Osten – als Fremde, Ausländer, Migranten und mit Schimpfwörtern nicht nur sprachlich ausgeschlossen werden. Unter Meinesgleichen gibt es etliche, die das Gebiet der einstigen DDR meiden – aus Angst vor Anfeindungen. Wie sehr ich von den Ängsten beeinflusst bin, ist mir einmal mehr klar geworden, als ich Görlitz zu Fuß erkundete. Weil auch ich nicht frei von Vorurteilen bin, habe ich ja die Einladung für Lesereisen in den Osten angenommen. Ich möchte ins Gespräch kommen mit denen, die despektierlich als „Osssis“ bezeichnet werden. Bei dem ersten Termin hatte ich aber kein Glück; das Publikum bestand aus jungen Leuten, die aus dem Westen stammen und wegen des Studiums oder der Arbeit in Görlitz leben.
Statt des Austausches mit Ostdeutschen ergab sich nach dem offiziellen Teil in einem Lokal ein Gespräch mit einem Menschen, der vor einem Jahr aus Berlin nach Görlitz umgezogen ist. Seine Herkunft ist verzweigt: Bei Stuttgart geboren aufgewachsen als Sohn eines Schwarzen US-Amerikaners und einer Schwäbin mit polnisch-französischen Wurzeln. Einmal mehr ist mit nach dem Austausch mit ihm klar geworden, wie wichtig es ist, die eigenen Annahmen immer wieder zu checken und sich nicht von ideologischen Grundsätzen leiten zu lassen.
Kontakt:kolumne@zgo.de
Erinnerungen bringen Autorin in Leer zum Weinen
Vegetarisch, vegan oder wie auch immer
In der Debatte läuft was schief
Es gibt keine einfachen Lösungen