Hamburg Corona: Wo Luftfilter an Schulen im Norden stehen - und wo nicht
Für zig Millionen Euro haben viele Kommunen in Norddeutschland Luftfilter für ihre Schulen angeschafft. So soll die Ausbreitung von Corona gestoppt werden. Wer hat wie viele Geräte gekauft? Und bleiben die Filter wegen der Energiekrise nun doch ausgeschaltet?
Der Winter kommt. Und mit der kalten Jahreszeit kündigt sich auch die nächste Corona-Welle an. Seit Wochen steigen die Infektionszahlen wieder. Viele Schulen wurden für genau diese Situation gewappnet. Mit Luftfiltern soll eine Verbreitung des Virus in Klassenräumen eingedämmt werden.
Für zig Millionen Euro haben die Schulträger auf kommunaler Ebene dafür in den vergangenen Monaten fest installierte oder mobile Luftfilter angeschafft. Der Bund und die Bundesländer halfen mit großzügigen Förderprogrammen vor allem für solche Räume, die sich nicht ausreichend lüften lassen. Von Anfang an war dabei umstritten, ob die Geräte wirklich bei einer Eindämmung der Pandemie helfen können.
Eine Anfrage unserer Redaktion unter den Kreisen und kreisfreien Städten in Norddeutschland zeigt: Die Geräte verteilen sich ungleichmäßig über das Land. Während an manchen Schulen in jedem Klassenraum mindestens ein Filter steht, müssen andere Bildungseinrichtungen ganz ohne die Anlagen auskommen.
So meldet beispielsweise die Stadt Schwerin zurück, dass man sich 2021 gegen die Anschaffung entschieden habe. Stattdessen wurden beispielsweise sogenannte Lüftungsampeln installiert. Diese zeigen an, wenn es wieder Zeit wird, einen Klassenraum zu lüften.
„Nach unserer Einschätzung ist richtiges Lüften weiterhin das A und O”, sagt eine Sprecherin der Stadt. Auch für die 44 Schulen in Trägerschaft der Stadt Rostock wurden keine entsprechenden Anlagen beschafft. Die Bürgerschaft hatte sich dagegen ausgesprochen.
Andere Kommunalparlamente und Verwaltungen haben die Lage indes komplett anders bewertet. In Hamburg beispielsweise sind alle Klassenräume und fast alle Fachräume mit insgesamt 21.000 Luftfiltern ausgestattet worden.
„Kein anderes Bundesland erreicht auch nur annähernd diese Sicherheitsausstattung”, teilte eine Sprecherin der Behörde für Schule und Berufsbildung mit. Mehr als 20 Millionen Euro sind dafür ausgegeben worden.
Ähnlich hoch ist die Versorgungsquote im Stadtstaat Bremen. Es seien 6.387 Luftreinigungsgeräte unterschiedlicher Größe beschafft worden, Kostenpunkt: 2,2 Millionen Euro. Eine „vollständige Ausstattung” sei damit gewährleistet.
Auch jenseits der beiden Stadtstaaten gibt es Kommunen mit einer hohen Lüfterquote. Delmenhorst in Niedersachsen beispielsweise hat 92 Großgeräte und 705 mobile Luftreinigungsgeräte für die Schulen in städtischer Trägerschaft gekauft. Der Kreis Rendsburg-Eckernförde in Schleswig-Holstein hat nach eigenen Angaben 450 mobile Filter angeschafft. So viel wie kein anderer Kreis und keine andere kreisfreie Stadt im hohen Norden.
Diese Statista-Grafik zeigt die aktuellen Infektionszahlen:
Stephan Ott, Fachbereichsleiter Gesundheit beim Kreis Rendsburg-Eckernförde, teilt mit: „Es ist meine Auffassung, dass wir verhindern müssen, dass es pandemiebedingt erneut zu Schulschließungen und anderen einschneidenden Maßnahmen für unsere Schülerinnen und Schüler kommt. Deshalb befürworte ich – aus infektiologischer Sicht – den Einsatz der mobilen Luftreinigungsgeräte auch in Abwägung steigender Energiekosten.”
Genau die könnten dafür sorgen, dass die Luftfilter vielerorts vorläufig, vielleicht aber auch den kompletten Winter über ausgeschaltet bleiben. In der Stadt Osnabrück ist das beispielsweise derzeit der Fall, teilt ein Sprecher mit. Rund 200 mobile Filteranlagen hat die Kommune für zusammengenommen 643.000 Euro angeschafft.
Was Osnabrück praktiziert, steht im Einklang mit Empfehlungen des Deutschen Städtetags. Die Interessenvertretung vor allem größerer Städte in Deutschland hatte angesichts drastisch gestiegener Energiepreise einen Sparmaßnahmenkatalog mit Ratschlägen aufgelegt. Neben dem Reduzieren der Beleuchtung von öffentlichen Gebäuden und Straßen lautet eine Empfehlung auch: „Abschaltung von mobilen Luftreinigungsgeräten”.
Nach Ergebnissen der Umfrage unserer Redaktion haben die meisten Kreise und kreisfreien Städte in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern Luftfilter angeschafft. Gefragt zu den gestiegenen Energiekosten, heißt es aus der Mehrzahl der Verwaltungen mit Luftfiltern, dass die Gesundheit der Schüler und Lehrer vorrangig sei. Andere Behörden verweisen zudem auf den vergleichsweise geringen Verbrauch der Geräte.
Nach den Ergebnissen der Umfrage unserer Redaktion haben die Kreise und kreisfreien Städte in den drei Bundesländern zusammen 4041 stationäre oder mobile Geräte für Schulen in ihrer Trägerschaft angeschafft. Die Kosten belaufen sich auf mehr als 25 Millionen Euro.
Die tatsächliche Zahl an Filtern dürfte aber noch um einiges höher liegen. Grundschulen etwa sind häufig nicht in der Trägerschaft von Landkreisen, sondern von Gemeinden und Städten. Bis heute laufen Ausschreibungen für den Kauf oder die Installation von Luftfiltern auch in kleineren Kommunen. Einzelne Förderprogramme laufen noch bis Ende Oktober.
Niedersachsen teilte vor einigen Wochen mit, dass bis Ende August die Anschaffung von rund 5600 Luftfiltern über alle Schulformen hinweg aber auch für Kitas gefördert worden ist. Zum Teil haben Eltern auch in Eigeninitiative Geräte für Schulen gekauft. Auffällig zudem bei den Rückmeldungen der Kommunen an unserer Redaktion: Die Ausgaben für einzelne Geräte schwanken sehr stark. Allerdings sind am Markt auch Luftreiniger in unterschiedlichsten Größen erhältlich: Von Decken hoch bis DIN-A4-Größe.
Der Steuerzahlerbund beäugt das Ganze kritisch. Petra Ackmann, Vorsitzende des Steuerzahlerbundes in Hamburg, befürchtet, dass die Geräte großflächig ausgeschaltet bleiben im Winter, um Energie zu sparen. „Wir können nicht den gesundheitlichen Aspekt beurteilen, wohl aber den Aspekt der Verschwendung”, teilt sie mit.
„Zu teuer angeschaffte Geräte, die im Winter ausgeschaltet in irgendwelchen Ecke stehen, sind definitiv ein Fall fürs nächste Schwarzbuch.“ In dem listet der Steuerzahlerbund jedes Jahr staatliche Ausgaben auf, die aus seiner Sicht verschwenderisch waren.
(Mit Julia Henkenborg, Anke Mücke und Vivienne Kraus)