Wahlkreis Emden-Norden  AfD punktet nicht nur in der Stadt

Mona Hanssen Claus Hock
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Von Mona Hanssen und Claus Hock
| 10.10.2022 17:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Viele Stimmen im Wahlkreis Emden-Norden gingen am Sonntag zur AfD. Foto: J. Doden
Viele Stimmen im Wahlkreis Emden-Norden gingen am Sonntag zur AfD. Foto: J. Doden
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Bei der Landtagswahl hat es im Wahlkreis Emden-Norden einen Rechtsruck gegeben. Wir haben geschaut, in welchen Stadtteilen und Gemeinden am meisten Wähler für die AfD stimmten.

Wahlkreis Emden-Norden - Nach den vorläufigen Wahlergebnissen hat die AfD 10,9 Prozent der Zweitstimmen in Niedersachsen geholt, rund vier Prozentpunkte mehr als 2017. 18 Plätze wird die AfD nach diesem Ergebnis im Landtag besetzen. Harald Kutscher aus Norden wird nicht Teil des Landtags sein. Der 41-jährige Norder trat im Wahlkreis 85 (Emden-Norden) als Direktkandidat an. Das Direktmandat holte allerdings Matthias Arends (SPD). Kutscher profitierte dennoch davon, dass der Rechtsruck im Wahlkreis deutlich stärker ist, als viele wohl angenommen haben.

Denn: Im gesamten Wahlkreis, dem neben der Stadt Emden noch die Stadt Norden sowie die Gemeinden Hinte und Krummhörn sowie die Samtgemeinde Hage angehören, holte die AfD bei den Zweitstimmen 12,47 Prozent. Bei einer Wahlbeteiligung von 55,54 Prozent. 12,66 Prozent oder 5663 von 44.719 gültigen Erststimmen konnte Kutscher auf sich vereinen.

In absoluten Zahlen gab es, im Vergleich zur Landtagswahl 2017, im Wahlkreis 2818 mehr Zweitstimmen für die AfD. Als einzige andere Partei konnten tatsächlich die Grünen ihr Zweitstimmen-Ergebnis um 1502 Kreuze verbessern. SPD, CDU, Die Linke und FDP haben hingegen allesamt an Stimmen verloren, am meisten die SPD: 4988 Stimmen. Gleichzeitig sank die Wahlbeteiligung im Wahlkreis von 59,2 Prozent auf 55,5 Prozent.

Stadt Emden

In der einstigen absoluten SPD-Hochburg Emden wurde schon bei der Kommunalwahl 2016 deutlich, dass es in der Stadt eine gewisse Bereitschaft gab, anders zu wählen. Damals kam die neu aufgestellte Wählergemeinschaft „Gemeinsam für Emden“ (GfE) auf Anhieb auf 20,1 Prozent und wurde damit zweitstärkste Kraft. Abseits der großen Parteien das Kreuz zu setzen, geht offenbar auch bei extremen Parteien: Bei dieser Landtagswahl bekam der erste Direktkandidat der AfD für den Wahlkreis 12,66 Prozent. Ihre Zweitstimme gaben 12,74 Prozent Wähler der weit rechts außen stehenden Partei.

Interessant ist, in welchen Stadtteilen besonders viele Menschen ihr Kreuz für den Neuzugang gesetzt haben. Laut der Statistik waren es im Wahlbezirk „Grüner Weg“ im Stadtteil Barenburg 27,62 Prozent, die für Kutscher gestimmt haben. Dicht gefolgt mit 26,47 Prozent in dem Bezirk „Port Arthur“ im gleichnamigen Stadtteil. Bei der Zweitstimme dreht sich das einmal um. Hier ist „Port Arthur“ vorne mit 28,26 Prozent.

In Stadtteilen mit sozialen Problemen AfD vorne

Es zeigt sich die Tendenz, dass teilweise in Stadtteilen wie Borssum, Barenburg, Port Arthur und Friesland, in denen große soziale Probleme vorliegen, für die AfD gestimmt wurde. Allerdings: Hier ist auch die Wählerbeteiligung teilweise sehr gering. Im Wahlbezirk „Barenburg“ haben beispielsweise nur 26,33 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben. Umgekehrt zeigt sich, dass in Stadtteilen mit deutlich weniger sozialen Problemen wie etwa Wolthusen, Uphusen/Marienwehr oder Constantia die AfD weniger Chancen hatte.

Im Bezirk „Wolthusen III“ stimmte 7,06 Prozent für die Partei. In Wahlbezirken mit besonders vielen Studierenden konnten die Grünen und Linken indes Punkte holen: In Faldern und Bentinkshof kamen die Grünen auf Platz zwei nach der SPD. Auf 11,93 Prozent kommt Friedrich-Bernd Albers für die Linken in Bentinkshof und Dirk Paul Finkeldey für die Grünen auf 19,88 Prozent.

Stadt Norden

In seiner eigenen Stadt holte Kutscher, dessen Frau Anke Kutscher zu den Organisatoren der Corona-Spaziergänge in Norden gehörte, insgesamt tatsächlich das schlechteste Ergebnis im Wahlkreis: 11,74 Prozent der Stimmen entfielen auf ihn und 11,65 Prozent auf die AfD. Sowohl der Direktkandidat der Grünen, Dirk Paul Finkeldey, als auch die Grünen selbst holten in der Stadt Norden ein besseres Ergebnis. Das war sonst nirgends im Wahlkreis 85 der Fall.

Gemeinde Krummhörn und Samtgemeinde Hage

Doch nicht nur in der Stadt holte die AfD im Wahlkreis Stimmen, sondern auch in den Landgemeinden. In der Krummhörn holte Kutscher prozentual gesehen die meisten Erststimmen: 13,78 Prozent. Fast so viel wie in der Samtgemeinde Hage (13,76 Prozent). Bei den Zweitstimmen ist die Reihenfolge genau andersherum, hier liegt die Samtgemeinde mit 13,86 Prozent vor der Krummhörn mit 13,78 Prozent.

Besonderheiten zur Wahl

Es gibt insgesamt 87 Wahlkreise in Niedersachsen. Fünf davon liegen in Ostfriesland: Emden-Norden, Leer-Borkum, Aurich, Wittmund-Inseln und Leer. Laut einer Statistischen Auswertung des Landes Niedersachsen gibt es bezüglich Ostfriesland folgende Besonderheiten:

  • Bei den „Zweitstimmenanteile der Partei AfD in einzelnen Wahlkreisen“ sind alle ostfriesischen Wahlkreise unter den Top 25 mit den höchsten Stimmanteilen für die AfD. Die Wahlkreise Aurich und Leer-Borkum belegen sogar die Plätze drei und vier.
  • Gleichzeitig sind die fünf Wahlkreise auch in der Liste des größten Stimmzuwachses bei den AfD-Zweitstimmen unter den Top 25 im Vergleich zur Landtagswahl 2017.
  • Drei der fünf Landkreise sind bei den „Zweitstimmenanteile der Partei SPD in einzelnen Wahlkreisen“ unter den Top 25 vertreten: Emden-Norden, Leer-Borkum und Aurich (38,7 Prozent). Mit Emden-Norden (43.4 Prozent) und Leer-Borkum (40,7 Prozent) liegen sogar die größten SPD-Hochburgen Niedersachsens in Ostfriesland.
  • Aurich, Leer, Emden-Norden und Leer-Borkum gehören gleichzeitig zu den Top 25-Wahlkreisen, in denen die SPD am stärksten verloren hat – im Vergleich zur Landtagswahl 2017.
  • Den größten Abstand zwischen den Zweitstimmen-Ergebnissen der SPD und CDU gab es im Wahlkreis Emden-Norden: Hier liegt die SPD 23,6 Prozent vor der CDU. Den geringsten Abstand in Ostfriesland gab es mit vier Prozent Vorsprung der Sozialdemokraten im Wahlkreis Leer. Insgesamt liegt die CDU nur in 16 Wahlkreisen vor der SPD.
  • Einen Parteienwechsel der Direktmandate gab es in keinem ostfriesischen Wahlkreis. Dafür aber in direkter Nachbarschaft: Im Wahlkreis 72 (Ammerland) hat die CDU das Direktmandat verloren. Es ging auf die SPD über.
  • Nur im Wahlkreis Leer hat die CDU das Direktmandat in Ostfriesland geholt. Alle anderen ostfriesischen Wahlkreise gingen an die SPD.

Das beste Ergebnis holte Kutscher in Freepsum: 26,47 Prozent der Erststimmen. Bei den Zweitstimmen ist Woltzeten mit 29,11 Prozent der AfD am geneigtesten. Die Wahlbeteiligung in beiden Orten betrug 55,1 Prozent in Freepsum und satte 64 Prozent in Woltzeten.

Gemeinde Hinte

In der Gemeinde Hinte gab es 12,37 Prozent der Erststimmen für Kutscher und 12,27 Prozent für die AfD. Die Gemeinde liegt damit im Mittelfeld des Wahlkreises.

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