Illegale Müllhalde  Der Schandfleck am Stapeler Moor

| | 07.10.2022 18:19 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Aus diesem Wohnwagen holte der mutmaßliche Betreiber der Müllhalde eine Anklageschrift. Foto: Ortgies
Aus diesem Wohnwagen holte der mutmaßliche Betreiber der Müllhalde eine Anklageschrift. Foto: Ortgies
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Am Naturschutzgebiet Stapeler Moor befindet sich eine illegale Müllkippe. Als Reporter vor Ort den mutmaßlichen Betreiber treffen, lädt er sie zu einer Tour ein.

Uplengen - Wer an Ostfriesland denkt, denkt an die Weite und den Wind. Das Stapeler Moor in Uplengen bietet beides. Am Horizont sind Stromleitungen und Windkraftanlagen zu erkennen, die Sonne scheint auf das Naturschutzgebiet hinab, unterbrochen nur von wenigen Wolken. Der Wind schiebt sie an diesem Mittag schnell über den Himmel, lässt die verbliebenen Blätter der Bäume rascheln. Am Rande dieses Umweltidylls gibt es einen Schandfleck. Aus einer ehemaligen Torffabrik ist eine illegale Müllhalde geworden. Was hier eigentlich nicht sein darf, ist dem Gewerbeaufsichtsamt Emden seit 2013 bekannt. In einer Aufstellung, die der Redaktion vorliegt, ist von etwa 70 Tonnen Altreifen, zehn Tonnen Bauschutt und zwei Tonnen Holzabfällen die Rede.

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Wer nicht weiß, wonach er schauen muss, fährt an der Müllhalde womöglich einfach vorbei. Dichter Baumbewuchs verdeckt die Sicht auf den Unrat, der auf dem genau 11.288 Quadratmeter großen Flurstück lagert. Schaut man genauer hin, fällt zunächst die riesige Anzahl an alten Reifen auf, die einen Teil des Areals komplett zu bedecken scheinen. Auf einer zweiten Auffahrt sind Metallschrott, Wohnwagen, Fahrräder und noch mehr Reifen zu sehen. Dazu kommen Wasserbehälter, Waschbetonplatten, Rasenmäher und unzähliger anderer Müll. Diese Müllkippe ist eine von insgesamt vier großen illegalen Ablagerungen in Ostfriesland, die den Behörden bekannt sind. Von ihnen ist sie die kleinste, nur die Spitze des Müllbergs sozusagen.

„Kommt mal mit“, sagt er und stiefelt an Bergen von Müll vorbei

Die Journalistinnen Stefanie Helbig und Viktoria Steiber haben auf einer online abrufbaren Karte verbotene Müllkippen abgebildet, zum Teil mit Koordinaten. Für Ostfriesland haben sie die genauen Standorte nicht bekommen können – und auch unsere Redaktion hat vom Gewerbeaufsichtsamt eine Absage erhalten. „Nähere Angaben zu den Standorten können nicht übermittelt werden, weil damit schützenswerte Belange der Betroffenen durch die Bekanntgabe offenbart würden“, schreibt uns Behördenleiter Jerzy Gohlke. Erst durch einen Informanten, dessen Name uns bekannt ist, haben wir jetzt die Müllhalde in Uplengen verorten können.

Vor der Ex-Fabrik häufen sich die alten Reifen. Foto: Mohr
Vor der Ex-Fabrik häufen sich die alten Reifen. Foto: Mohr

Auf die Auffahrt dieser Halde biegt jetzt ein rotes Auto ein. Zwei Männer steigen aus, auf der Beifahrerseite einer mit zotteligem, grauem Bart und fleckiger Kleidung. Er lässt uns Reporter nicht aus den Augen und fordert, wir sollten unsere Aufnahmen löschen. Als wir ablehnen, droht er mit der Polizei, ändert aber schnell sein Meinung – und entscheidet sich dazu, sich stattdessen über die Beamten zu beschweren. Es habe eine Razzia gegeben, sagt er. Die Behörden terrorisierten ihn, er habe mit dem ganzen Müll nichts zu tun. Er halte hier nur Tiere: Katzen und Geflügel. Der Mann bietet an, uns über das Gelände zu führen. „Kommt mal mit“, sagt er und stiefelt an Bergen von Müll vorbei auf einen Wohnwagen zu.

„Ich habe da auch noch eine Anklage“

Während wir neben ihm herlaufen, berichtet er davon, wegen des Grundstücks schon zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden zu sein. Und er sagt: „Ich habe da auch noch eine Anklage.“ Der Gestank, der aus dem Wohnwagen kommt, den der Mann jetzt gebückt betritt, verschlägt einem den Atem. Eine Hand streckt uns einen feuchten Zettel entgegen, der längst dem Schimmel zum Opfer gefallen ist. Das Schreiben trägt das Niedersachsenpferd, ein Aktenzeichen der Staatsanwaltschaft Aurich und den Stempel des Amtsgerichts Leer. Die Anklageschrift datiert vom 8. Juni dieses Jahres. „Das darf nicht in die falschen Hände gelangen“, sagt der Mann – und lässt sich einen Presseausweis zeigen.

Wir können aus der Anklageschrift nicht wörtlich zitieren, auch wir als Journalisten würden uns damit strafbar machen. Wir können aber berichten, dass der Mann – der Staatsanwaltschaft zufolge übrigens der Pächter des Grundstücks – angeklagt ist, ohne Genehmigung fortwährend eine Müllhalde betrieben zu haben. Quellen bestätigen uns die Aussage des Mannes, dass es wegen derselben Müllhalde tatsächlich schon eine Bewährungsstrafe gegeben hat. Und unseren Informationen zufolge ist auch die an uns ausgehändigte Anklageschrift echt. Auf Nachfrage sagt uns Heiko Brahms, Pressesprecher des Amtsgerichts Leer, allerdings, dass noch kein Verfahren eröffnet worden sei. Ob in diesem Jahr noch verhandelt wird, ist damit unklar.

Geflügel in vergitterten Verschlägen

Es deutet sich allerdings an, in welche Richtung eine mögliche Bestrafung des Mannes gehen könnte: In seinem Schreiben weist das Gericht darauf hin, dass dem mutmaßlichen Betreiber der Müllhalde ein Pflichtverteidiger zu bestellen sein werde. Damit geht das Gericht davon aus, dass der Mann im Fall einer Verurteilung für mindestens ein Jahr ins Gefängnis gehen muss – zumal er bereits jetzt nur dank der Bewährung nicht im Gefängnis sitzt. Sollte er verurteilt werden, ist ein Widerruf der bislang zugestandenen Bewährung sehr wahrscheinlich. Das hätte nicht nur Folgen für den Mann selbst, sondern auch für andere Lebewesen – denn Tiere hält der Mann auf dem ehemaligen Fabrikgelände tatsächlich.

Robert Mohr von ostfriesen.tv filmte die Szenerie. Foto: Ortgies
Robert Mohr von ostfriesen.tv filmte die Szenerie. Foto: Ortgies

Darauf angesprochen, wie tonnenweise Schrott auf das Gelände gelangt sei, gibt der Mann keine richtige Auskunft, spricht von Georgiern und seinem „zukünftigen Schwager“ – und er bestreitet, dass es sich um Schrott handele. „Das ist Baumaterial, das alles baut sich ja nicht selbst“, sagt er. Den letzten Halbsatz wiederholt er mehrere Male. Und irgendwann wird klar, für was er das „Baumaterial“ benötigt. Hinter der Fabrikhalle hält der Mann sein Geflügel in vergitterten Verschlägen – mutmaßlich selbst gebaut. Unter den Vögeln ist auch ein mächtiger Truthahn, den er sich, so sagt er es, zusammen mit den anderen Tieren als Hobby hält. Geld verdiene er mit den Tieren nicht.

Und wie geht es jetzt weiter?

Apropos Geld: Dass er die verbotene Müllhalde gewerblich betreibt, gibt der Mann uns gegenüber nicht zu. In der Nachbarschaft heißt es allerdings, dass öfter Personen dort zu sehen seien, die beispielsweise ihre alten Reifen auf dem von dem Mann gepachteten Grundstück ablieferten – „gegen eine kleine Gebühr“, heißt es. Diese Aussagen können wir nicht überprüfen, sie passen allerdings zu dem, was in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft steht. Auch dort ist von der Annahme diverser Abfälle die Rede. Johann Gerdes ist Landschaftswart des Stapeler Moors und sagt am Telefon: „Das ist ein echter Schandfleck, das stört uns alle.“ Mehr wolle er zu der Angelegenheit aber nicht sagen. Die Behörden wüssten Bescheid, das sei deren Sache.

Und wie geht es weiter? Das lässt sich schwer sagen. Das Gewerbeaufsichtsamt geht im Fall Uplengen von Entsorgungskosten in Höhe von 20.000 Euro aus. Ob der Pächter das aufbringen kann, wissen wir nicht. Ebenfalls unklar ist, ob es schon Verfahren gibt, in denen er zur Entsorgung gezwungen werden soll. Solche Verfahren können sehr langwierig sein, weil die Behörden den ganzen Rechtsweg ausschöpfen müssen, ehe der Staat und damit die Steuerzahler für die Entsorgung aufkommen. Abzuwarten bleibt auch das Strafverfahren, was bald anstehen dürfte. Ein wenig Hoffnung auf Ehrlichkeit vor Gericht darf man sich jedenfalls machen, denn: „Lügen braucht man ja nicht“, sagt der Mann, kurz bevor die Reporter die Müllhalde verlassen.

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