Hamburg Landwirtschaft ohne Gott? Bauern laufen Sturm gegen Pastor aus Norddeutschland
Ein Pastor schreibt, industrielle Landwirtschaft komme längst ohne Gott aus. Bauern laufen Sturm gegen die Aussagen des Geistlichen aus Norddeutschland, legen ihm den Rücktritt nahe. Nicht zum ersten Mal prallen Kirche und Landwirtschaft aufeinander.
Auf dem Land gibt es zwei Konstanten, die das Leben vieler Menschen prägen: die Landwirtschaft und die Kirche. Doch zwischen beiden zeigen sich angesichts der großen Probleme dieser Zeit, wie dem Klimawandel, immer mehr tiefe Risse. Wer hat sich von wem entfremdet?
Dieses Mal trifft der Zorn der Bauern Pastor Michael Ellendorf. Der evangelische Geistliche aus Hamburg hat für das Kirchenprogramm im NDR zum Erntedankfest einen Beitrag zur Landwirtschaft veröffentlicht.
Die industrielle Landwirtschaft komme längst ohne Gott aus, spricht der Pastor darin und fragt sich, wem er da angesichts dessen eigentlich zum Erntedankfest danken solle. „Dem Kunstdüngerkonzern? Passt doch nicht, oder?”
Dann holt Großstadt-Pastor Ellendorf zum verbalen Rundumschlag aus: „Mal ganz abgesehen von den Produktionsbedingungen einer Landwirtschaft, die Menschen, Tiere, Pflanzen, Böden und Klima schwer in Mitleidenschaft zieht. Gott wird sich dagegen verwahren, dass wir seine Schöpfung mit Füßen treten - und uns dann bei ihm bedanken.”
So sprach der Pastor - und erntete einen Sturm der Entrüstung unter Landwirten. Die sind mittlerweile zwar nur noch eine kleine Gruppe, dafür aber dank moderner Kommunikationstechnik bestens vernetzt. Die Bauern nehmen die pastorale Pauschalkritik am System der modernen Landwirtschaft persönlich.
Durch die sozialen Netzwerke schwappte und schwappt eine Welle der Empörung, zusätzlich angeschoben vom Bauernverband Schleswig-Holstein. Der erfährt für seine gerne auch mal drastischer formulierten Kritiken an Medien, Politikern, Nichtregierungsorganisationen großen Zuspruch in der digitalen Bauernblase.
Gott könne „wenig für sein Bodenpersonal”, ließ der Verband auf Facebook wissen. „Vielleicht war des Pastors Standleitung zum Höchsten während der Gardinenpredigt auch unterbrochen.” Der Verband empfiehlt, Ellendorf solle seinen Hirtenstab niederlegen, oder aber mit dem Verband in Austausch treten.
Wenn nicht, „werden wir uns vertrauensvoll an die höhere Instanz wenden, mit der wir durchgehend gute Erfahrungen machen.” Ob das als Androhung einer Beschwerde beim Arbeitgeber, der Nordkirche, zu verstehen sei, ließ der Verband offen.
Indes rollt die Empörungswelle weiter. Diskriminierung, Hetze und Hass und so weiter sind Begriffe, mit denen die Äußerungen des Pastors von Landwirten bedacht werden. Auf Anfrage unserer Redaktion teilt der kurz und knapp mit: „Eine Verunglimpfung des bäuerlichen Standes lag und liegt mir fern.” Auf Rückfragen, welche Art von Reaktionen ihn persönlich erreicht haben, reagierte er nicht.
Ellendorff hätte gewarnt sein können. Immer wieder krachte es in der Vergangenheit zwischen Kirche beziehungsweise einzelnen Vertretern und Bauern. Der Bauernverband Landvolk in Niedersachsen rief vor einigen Jahren gar seine Mitglieder dazu auf, allzu agrarkritische Prediger zu melden. Osnabrücks Bischof Franz-Josef Bode zog Unmut auf sich, als er sich dafür aussprach, auch nach der Fastenzeit weniger Fleisch zu essen.
Das jüngste Beispiel für die Distanz zwischen Kirche und Landwirten stammt aus diesem Sommer: Ellendorfs Pastorenkollege Tobias Kirschstein aus Ostfriesland, der ebenfalls den Zorn der Bauern zu spüren bekam. Im Kirchboten seiner Gemeinde hatte er mit Gottes Segen und offenbar einer gehörigen Portion Halbwissen einen Beitrag zu seiner veganen Lebensweise veröffentlicht.
Darin heißt es zur Haltung von Rindern, Schweinen und Hühnern: „Weit über 90 Prozent deutscher „Nutztiere“ (was für eine künstliche Kategorie!) werden konventionell in riesigen Massentierhaltungsbetrieben gehalten”, hieß es in dem Beitrag. Die Tiere „sehen nie die Sonne, werden mit Antibiotika vollgepumpt, verkümmern elendig auf Grund von zu wenig Platz und zu wenig Stimulation. Egal. Hauptsache, sie werden schön fett.”
Auch in Ostfriesland - eine von Tierhaltung geprägte Region - gingen die Landwirte digital auf die Barrikaden gegen „ihren” Gottesmann, inklusive Rücktrittsforderungen. Der Kirchenvorstand stellte sich in einer öffentlichen Entschuldigung eher halbherzig hinter den jungen Geistlichen.
Die Missverständnisse und Missstimmungen zwischen Kirche und Bauern sind konfessionsübergreifend: In einer aktuellen Pressemitteilung wendet sich die Katholische Landvolkbewegung (KLB) in den Bistümern Münster, Osnabrück und Paderborn gegen das katholische Hilfswerk Misereor: „Sie schaden dem guten Weg, den wir zu gehen bereit sind”, werfen die KLB-Vertreter - ein Verbund mit starkem Agrarfokus - dem Hilfswerk vor.
Anlass für die Kritik ist eine gemeinsame Petition von Misereor und Greenpeace, deren Unterschriften demnächst an Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) überreicht werden sollen: „Kein Essen in Trog und Tank”, so die Überschrift.
Beide Organisationen wollen erreichen, dass angesichts der wegen des Ukraine-Krieges angespannten weltweiten Ernährungslage weniger Getreide an Nutztiere verfüttert oder in Sprit umgewandelt wird. Zudem sprechen sich beide dafür aus, die Zahl der Tiere in der Landwirtschaft zu reduzieren.
Die Umweltschutzaktivisten von Greenpeace mit ihren zugespitzten Kampagnen sind für viele Landwirte ohnehin ein rotes Tuch. Die Petition, schreiben die KLB-Verteter, werde vielleicht dafür sorgen, dass Greenpeace mehr Spendengelder erhalte, aber trage ansonsten nur zur Spaltung der Gesellschaft bei: „Was wir uns aber auch wünschen ist mehr Dialog mit uns Landwirten*innen und mehr Sachverstand”, so die KLB-Vertreter aus den agrarintensiven Regionen in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen.
Es scheint also etwas nicht zu stimmen im Verhältnis von Kirche und Landwirtschaft. Haben sich die beiden voneinander entfremdet? “Nein, keineswegs”, teilt eine Sprecherin der Nordkirche auf Anfrage mit und versucht den Bauernzorn zu besänftigen: Der Beitrag von Pastor Ellendorf, der gerade die Runde macht, sei „die Meinung eines einzelnen Pastors. Es ist auch sein gutes Recht, diese in einem persönlich verantworteten Beitrag zu äußern”, betont die Sprecherin.
Und sie geht auf Distanz: „Die Nordkirche insgesamt jedoch vertritt gegenüber landwirtschaftlichen Fragen eine deutlich differenziertere Meinung.” Der Dialog mit Landwirten sei offen und freundschaftlich. Zumindest auf Facebook sieht das derzeit aber anders aus.