Hamburg/Berlin  Warum noch Fisch essen, wenn man Algen essen kann

Julia Wadle
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Von Julia Wadle
| 07.10.2022 11:18 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
In Norwegen werden die Algen von Hand geerntet. Foto: Valentin Pellio/Oceanfruit
In Norwegen werden die Algen von Hand geerntet. Foto: Valentin Pellio/Oceanfruit
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Thunfisch auf Algenbasis: Mit ihren Startups „Bettafish“ und „Oceanfruit“ wollen zwei Gründer das Seegras in Deutschland populärer machen. Wie soll funktionieren?

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Schnitzel aus Seitan, Nuggets aus Tofu und Würstchen aus Lupinen: Pflanzliche Versionen beliebter Fleischprodukte gibt es inzwischen in jedem Discounter. 98.000 Tonnen Fleischersatzprodukte wurden im vergangenen Jahr in Deutschland produziert, 296,1 Millionen Liter Pflanzendrinks importiert, wie das Statistische Bundesamt mitteilt. Doch wer nach veganem Fisch sucht, wird oft mit Tofu-Fischstäbchen abgespeist. Wo ist die vegane Fischrevolution? Und warum ist die Fischersatzbranche so viel kleiner als die der Tofu-Metzgereien?

„Die Branche ist auf jeden Fall sehr viel jünger”, erklärt Jacob von Manteuffel. Gemeinsam mit seiner Mitgründerin Deniz Ficicioglu will er eine Algenrevolution in Deutschland starten und Menschen zum Seegras bringen. Dafür haben sie zwei Unternehmen gegründet: „Oceanfruit“ und „Bettafish“. Während „Oceanfruit“ das Delikatess-Salate-Regal mit Algensalaten aufmischen soll, bietet „Bettafish“ Pizzen und Sandwiches mit einer pflanzlichen Dosentunfisch-Variante auf Algenbasis.

Den Gründern geht es nicht primär darum, Ersatzprodukte für Vegetarier und Veganer zu produzieren.

Doch die kennen viele Konsumenten in Mitteleuropa vor allem aus japanischen Restaurants und Gerichten wie Misosuppen, Sushi oder Wakame. In der europäischen Küche kommen Algen kaum vor, im Supermarkt oder Discounter sucht man sie vergebens. Das hat für die Gründer zwei Dinge zur Folge: „viel Pionierarbeit nach innen und Aufklärung nach außen“. Schließlich stünden Algen bei vielen Menschen „nicht ganz oben auf ihrer Einkaufsliste“, wie es Jacob vorsichtig ausdrückt.

Während sich die Meeresalgensalate eher an experimentierfreudige Esser richtet, die Wert auf Bio-Produkte legen, wollen Jacob und Deniz mit ihrem Algen-Dosenthunfisch die Kantinen und Abendessenstische erobern. Warum eigentlich Dosenthunfisch? „Dosenthunfisch ist ein Produkt, das in dieser Form weltweit ähnlich gegessen wird”, erklärt der Gründer. Jeder wisse, wie man ihn weiterverarbeiten kann, viele Lieblingsgerichte von Pizza über Salat bis zum Sandwich gibt es mit Thunfisch.

Mit ihren algenbasierten Fischersatzprodukten gehen Jakob und Deniz einen anderen Weg als viele anderen Hersteller, die sich vor allem auf die panierten TK-Klassiker gestürzt haben: Während deren Fischstäbchen, Backfisch oder Schlemmerfilets häufig mit Algen aromatisierten Tofu als Basis haben, setzt „Bettafish“ auf eine Kombination von Favabohnen als Hauptproteinquelle und Algen. Eine Thunfischalternative der Nestle-Marke „Garden Gourmet“ verwendet Erbsen- und Weizenproteinen; ein Thunfisch vom Feld statt aus dem Meer sozusagen.

Dass sich die junge Branche vor allem auf Convenience-Produkte konzentriert, die nur noch in der Pfanne oder dem Backofen fertig zubereitet werden müssen, hat einen einfachen Grund: Unverarbeiteter Fisch wird in Deutschland viel seltener gegessen als die fertigen TK-Produkte. Deshalb suchen sie wahrscheinlich auch eher in der Tiefkühlabteilung nach den Ersatzprodukten.

Im vergangenen Jahr seien Fischalternativen auf einen Anteil von 14 Prozent im Tiefkühlsortiment gekommen, sagt Geschäftsführerin des Deutschen Tiefkühlinstitut in Berlin, Sabine Eichner. Allerdings erlebten diese ein starkes Wachstum, allein innerhalb eines Jahres sei der Markt um rund 60 Prozent gewachsen.

Viel Omega 3, wenig Kalorien: So bewirbt „Oceanfruit“ seine Salat:

Ein Markt, den „Oceanfruit“ bald auch erobern soll: Momentan experimentieren Deniz und Jacob mit Meeresalgen-Nuggets. Bis Ende des Jahres soll die Entwicklung abgeschlossen sein. Doch so einfach, wie das klingt, ist es nicht. Denn der Algenanbau steckt in Europa noch in den Kinderschuhen, viel Experimentierarbeit in Kooperation mit Algenfarmern in Norwegen, Irland und Holland. Ob die Frage nach dem Jodgehalt, der Kombination verschiedener Algenarten oder die Verarbeitung nach der Ernte: Vieles müssen die Gründer durch Ausprobieren herausfinden. „Die Pioniere haben sich darauf konzentriert, den Anbau möglich zu machen, und nicht darauf geachtet, was danach passieren muss”, erläutert Jacob. „Es gibt noch große Wissenslücken.”

Diese zu schließen und den Algenanbau weiterzuentwickeln, soll schließlich auch der Fischereibranche zugutekommen. Denn statt Fische zu fangen, könnten diese auf den Algenanbau umsteigen. Bislang arbeiten die Gründer nicht mit Algenfarmen in Deutschland zusammen, da es hier bislang wenige Algenbauern gibt. „Der Algenanbau dürfte an der deutschen Nordseeküste genauso funktionieren wie an der holländischen”, meint Jacob.

Die klassische Fischerei-Branche in Deutschland steht vor Herausforderungen:

Dass sich die rohe Alge auf dem deutschen Markt durchsetzen kann, bezweifelt er. Dass wäre so, als würde man sich rohe Sojabohnen kaufen. Woran er aber nie zweifelt, ist das Potenzial der Alge.

Um die Algenrevolution weiter voranzutreiben, sollen die Produkte von „Bettafish“ bald auch in vielen Supermärkten erhältlich sein – und beweisen, dass nicht alles, was nach Fisch schmeckt, auch Firsch enthalten muss.

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