Unterrichtsversorgung Lehrermangel trifft die Schwächsten besonders hart
Freie Stellen an der Grundschule Jemgum zu besetzen ist schwer. Lehrer wollen partout nicht aufs Land. Das hat Folgen – besonders für schwache Schüler.
Jemgum - Britta Worpenberg ist Lehrerin aus Leidenschaft. Seit dem Jahr 2000 unterrichtet sie an der Grundschule Jemgum. Seit 2013 ist sie Schulleiterin. „Kindern den besten Start ins Leben geben“, das ist ihr Leitspruch. Diesem Anspruch gerecht zu werden, wird aber immer schwieriger. In der Sitzung des Schulausschusses der Gemeinde Jemgum schlug die Pädagogin Alarm. Die Schule hat große Probleme, Personal zu finden. Die Leidtragenden sind die Kinder. Worpenbergs Sorge: „Schwache Schüler fallen hinten rüber.“
Was und warum
Darum geht es: An der Grundschule Jemgum herrscht Personalmangel. Es wird zunehmend schwieriger, insbesondere Flüchtlingskindern und Kindern mit Unterstützungsbedarf gerecht zu werden.
Vor allem interessant für: Eltern, Lehrer und Personen, die sich ehrenamtlich für die Förderung von Grundschülern einsetzen möchten.
Deshalb berichten wir: Grundschulleiterin Britta Worpenberg hat in der Sitzung des Sozialausschusses der Gemeinde Jemgum auf die alarmierende Situation aufmerksam gemacht. Die Autorin erreichen Sie unter: t.gettkowski@zgo.de
„Die Unterrichtsversorgung liegt bei uns bei 70 Prozent“, so Worpenberg. Aktuell werden 96 Schüler von fünf Lehrkräften unterrichtet. Für die Klassen 3 und 4 wurde der Musikunterricht gestrichen. In Sport und Religion werden die beiden 1. Klassen gemeinsam unterrichtet. Weil Personal fehle, habe man die zwei dritten Klassen zusammengelegt. Das wiederum wirkt sich aufs Lernklima aus. Für so viele Schüler sind die Klassenräume eigentlich nicht ausgerichtet. Es ist eng. Konzentriertes Arbeiten sei mit so großen Klassen eine Herausforderung für die Lehrkräfte. Das Ziel, jeden Schüler, nach seinen individuellen Möglichkeiten zu fördern und zu fordern, sei unter den Bedingungen kaum zu erreichen. „Es fehlt einfach die Ruhe, schwachen Schülern etwas noch einmal zu erklären, wenn sie etwas nicht verstanden haben.“
Ehrenamtliche Helfer gesucht
Besonders spürbar sei das bei den Kindern aus der Ukraine. „Sie brauchen eine Sprachförderung. Das muss keine ausgebildete Fachkraft sein, sondern einfach jemand, der mit ihnen beispielsweise die Aussprache der Buchstaben übt.“ Im laufenden Unterricht könnten die Lehrer das nicht leisten. Die Schulleiterin sucht daher Menschen, die diese Kinder in der Schule regelmäßig unterstützen wollen – ehrenamtlich oder auf Honorarbasis.
Die allgemeine Personalnot bei Lehrkräften kann so natürlich nicht gelöst. „Wir stehen in engem Kontakt mit dem für uns zuständigen Dezernenten der Landesschulbehörde“, sagt Britta Worpenberg. Der bemühe sich zwar. „Aber die Lehrer wollen partout nicht nach Jemgum“, bedauert sie. Als Anreiz sollen zeitliche befristete Stellen dienen. Aber auch das verfehlte nach ihren Worten bislang die erhoffte Wirkung. Aus der Not heraus wurde im vergangenen Jahr sogar eine Schwangerschaftsvertretungsstelle mit einer Lehramtstudentin besetzt, die im vierten Semester war.
„Die Kinder brauchen unsere Hilfe“
Auch wenn der Alltag an der Grundschule immer herausfordernder wird, empfindet Britta Worpenberg eine soziale Verantwortung für ihre Schützlinge. Auch Kinder mit Förderbedarf auf sozialer-emotionaler Ebene hätten ein Recht auf einen guten Start ins Leben, findet sie. „Die Kinder brauchen unsere Hilfe.“ Den Anspruch herunter zu schrauben, sei für sie nicht der richtige Weg. „Wenn man als Grundschule dauerhaft personell am Limit arbeiten muss, stellt sich allerdings die Frage, wie lange man diesem Anspruch noch gerecht werden kann.“
Aktuell konnten nach Auskunft von Felix Thiel von der Pressestelle des niedersächsischen Kultusministeriums von 675 ausgeschrieben Stellen an Grundschulen in ganz Niedersachsen zum 1. Schulhalbjahr 619 besetzt werden. Das entspreche einer Besetzungsquote von 92 Prozent. Generell würden ausgebildete Lehrkräfte Ballungszentren beziehungsweise in der Nähe ihres Studien- oder Wohnortes bevorzugen. „Auf diese Weise kommt es zu einem strukturellen Stadt-Land-Gefälle, das nicht allein niedersachsenspezifisch ist, sondern bundesweit beobachtet werden kann.“
Das Niedersächsische Kultusministerium hat im Frühsommer das Lehrkräfte-Gewinnungspaket vorgestellt, dass eine Bandbreite an Maßnahmen vorsieht. „Zum Beispiel mehr ausgeschriebene Stellen und finanzielle Anreize“, so Thiel weiter. Mit dem Lehrkräfte-Gewinnungspaket seien außedem die formalen Hürden für den Quereinstieg deutlich gesenkt worden. Auch Studierende, die sich in einem lehramtsbezogenen Masterstudium befinden, und pensionierte Lehrkräfte können sich bewerben.