Regionale Musikgeschichte Wie der Rock ‘n‘ Roll nach Ostfriesland kam
Zu Beginn der 1960er Jahre wollten viele Bands so berühmt werden wie die Beatles oder die Stones – auch in Ostfriesland. Manche hatten Erfolg, etwa die Gruppe The Rustlers um Otto Waalkes.
Ostfriesland - Mit der Beat-Welle zu Beginn der 1960er Jahre kam auch Bewegung in die deutsche Musik-Szene. Überall in der Bundesrepublik gründeten sich Bands, die genauso berühmt werden wollten wie die Beatles oder die Stones. Das zeigte sich auch in der Region zwischen Oldenburg, Wilhelmshaven und Ostfriesland, wo unter anderem Otto Waalkes seine ersten Karriereschritte machte.
Bevor die E-Gitarren ihren Siegeszug antraten, dominierten überall ganz andere Töne. Die breite Masse des Publikums wollte Stimmungs- und Seemannslieder hören. Das war im Wesentlichen auch das Live-Repertoire, das die Combos drauf haben mussten, die in den Kneipen spielten. Ansatzweise progressiv waren allenfalls Jazzer, selbst wenn sich die meisten an traditionellem Swing oder Dixieland orientierten. Für die einst von den Nazis verpönte Musik herrschte in Deutschland noch Nachholbedarf. Allerdings erforderte die Umsetzung eine gewisse technische Versiertheit.
Was aus Amerika kam, galt als gut
Das schien jedoch nicht für Rock ‘n‘ Roll und Beat zu gelten, die in der ein oder anderen Kneipe zumindest über die Musikbox verfügbar waren. Da war wichtig, dass es schön laut, rau und ungehobelt klang. Das eröffnete ambitionierten Nachwuchskünstlern alsbald jede Menge ungeahnte neue Perspektiven. „Ich besorgte mir dann auch eine Gitarre, aber ich konnte nicht spielen“, wird der 2018 verstorbene Edgar Lütke von den Tennessee Gamblers aus Oldenburg in dem 2008 erschienenen Buch „Otto und die Beatle Jungs“ von Hans-Jürgen Klitsch zitiert. „Man fragte mich natürlich: ‚Hey, wie spielst du denn da Gitarre?‘ Ich habe dann geantwortet: ‚Das sind amerikanische Spezialgriffe‘. Und alles, was aus Amerika kam, war ja unhinterfragt heilig zu der Zeit.“
Der Solo-Gitarrist der Black Shadows benutzte nur „vier Saiten, weil er Banjo gelernt hatte. Der kam mit sechs Saiten gar nicht klar“, verriet der 2008 verstorbene Bandleader Mike Granowski in einem Zeitungsinterview. Granowski gilt als einer der ersten „Beat-Missionare“ in Ostfriesland. Aufgewachsen in Hamburg, hatte er ausgiebig die pulsierende Szene rund um den „Star Club“ studiert und selbst ein bisschen musiziert, bevor es ihn wegen der Bundeswehr nach Aurich verschlug.
Beat-Fieber hatte die Region im Griff
Dort erhielt er die offizielle Dienstanweisung, eine „Kapelle“ zu gründen. Damit wurden die Black Shadows geboren. Neben Gitarren, Bass und Schlagzeug gehörte anfangs noch ein Akkordeon zum Instrumentarium. Irgendwann 1963 verirrte sich Granowski nach Norddeich in das „Haus Waterkant“ und ergatterte dort ein längerfristiges Engagement. Wirtin Meta Rogall zeigte sich den „neuen Tönen“ gegenüber sehr aufgeschlossen, weshalb die Black Shadows ihrem Akkordeonspieler bald den Laufpass geben konnten.
Spätestens ab Mitte der 1960er Jahre hatte das Beat-Fieber die Region zwischen Oldenburg, Wilhelmshaven und Ostfriesland fest im Griff. Läden, die richtig in sein wollten – etwa das „Haus Waterkant“, der „Star Palast“ in Oldenburg oder das „Big Ben“ in Wilhelmshaven verpflichteten jetzt verstärkt ausländische Künstler oder setzten auf die deutschen Bands, die durch Funk, Fernsehen oder Jugendzeitschrift „Bravo“ ein gewisses Renommee besaßen. Dazu zählten die Lords, German Bonds und Rattles.
Ostfriesen mussten sich nicht verstecken
Prinzipiell galten die Bands im Vergleich zu den Lokalmatadoren als musikalisch reifer und anspruchsvoller. In einigen Fällen mag das zutreffend gewesen sein. Aber verstecken mussten sich speziell die Ostfriesen auch nicht. So wurden die Norder Merrybeats 1965 in der Hannoveraner Niedersachsenhalle vom Veranstalter notgedrungen als Cliff Adams & the Twilights angekündigt. Die Engländer waren eigentlich als Hauptgruppe vorgesehen, blieben aber verschwunden. Der guten Stimmung tat das keinen Abbruch. Niemand im Publikum merkte, dass auf der Bühne eine Vorgruppe aus der tiefsten Provinz abrockte.
Die 1965 in Aurich aus der Taufe gehobenen Starfyghters durften im legendären Hamburger „Star Club“ auftreten. Darüber hinaus belegten sie zwei Mal den ersten Platz bei einem Talentwettbewerb im holländischen Fernsehen. Bei ihrer dritten Teilnahme landeten sie angeblich nur deswegen auf dem zweiten Rang, weil die Produzenten Angst vor negativer Presse hatten, falls noch einmal eine deutsche Band den Sieg davongetragen hätte.
Wenn das Geld nicht reichte, wurde improvisiert
Gleichermaßen erfolgreich mischten die ebenfalls aus Aurich stammenden The Crashmen die Szene auf. Sie gewannen 1966 diverse regionale und überregionale Beat-Wettbewerbe und schafften beim Bundesentscheid im „Circus Krone“ in München einen beachtlichen zweiten Platz. Solche Leistungen waren umso bemerkenswerter, da keineswegs überall die gleichen Voraussetzungen herrschten. Wenn Rolf Onnen von den Leeraner Beatniks seine „Fender Stratocaster“ auspackte, glich das einem mittleren Weltwunder, das nicht nur bei Willi Hoogestraat von den Emder Robots für leuchtende Augen sorgte. „Das war ja ein Instrument, das du nicht jeden Tag sahst“, sagt Hoogestraat. Er und seine Kumpel mussten sich mit der preiswerteren Framus-Gitarre zufriedengeben.
Die klang zwar längst nicht so toll wie eine edle „Strat“, aber zumindest deutlich besser als die noch billigeren DDR-Fabrikate aus dem Versandhauskatalog, mit dem sich die anderen Musiker begnügen durften. Und wenn selbst dafür das Geld nicht reichte, wurde kurzerhand improvisiert. Das erste Schlagzeug der Auricher Sights bestand 1965 aus Persil-Trommeln und Plastikeimern.
Nicht jeder Titel traf den Geschmack der Masse
Mit dem Equipment konnte man insbesondere den international etablierten Bands nur schwer Paroli bieten, obwohl genau das von Veranstaltern und Publikum insgeheim eingefordert wurde. Der Stellenwert lokaler Beatbands bemaß sich nämlich hauptsächlich daran, wie gut sie ihre großen Vorbilder kopieren konnten. Das Programm bestand deshalb fast durchweg aus Cover-Songs. Und da traf längst nicht jeder Titel den Geschmack der breiten Masse. Nachdem sich The Scouts aus Mittegroßefehn mühsamst den Song „If I fell“ vom Beatles-Album „A Hard Days Night“ angeeignet hatten, brachte ihnen das höchstens ein anerkennendes Schulterklopfen unter Musikerkollegen ein. Live auf der Bühne waren eher simpler gestrickte Stücke wie „Boys“, „Dizzy Miss Lizzy“ oder der „Hippy Hippy Shake“ gefragt.
Einen ähnlichen Spagat zwischen Anspruch und Realität hatten auch die 1963 in Emden formierten Rustlers zu bewältigen. „Wir machten ja nicht unbedingt tanzbare Musik, sondern Titel, die schwierig waren“, erläutert Schlagzeuger Jörn Holm im Buch „Otto und die Beatle Jungs“. Innerhalb der Band wurde schnell klar, dass eins der Mitglieder herausragte. „Wir lebten von der Musikalität von Otto Waalkes“, wird Rhythmusgitarrist Karl-Friedrich „Zecki“ Zürn zitiert. Waalkes beschäftigte sich tagelang mit ein und demselben Lied, bis er endlich sämtliche Feinheiten entdeckt hatte und sie spielen konnte. Zürn: „Ich habe ja oft genug mit ihm vor dem alten Mono-Tonbandgerät gesessen, um die Songs abzuhören. Was er da raushörte, hätte ich nie gehört.“
Englisch wurde lautmalerisch geschrieben
Aber anders funktionierte es nicht. Vernünftige Noten für Beatmusik gab es nicht, die meisten Beat-Jünger wären vermutlich ohnehin nicht in der Lage gewesen, sie zu lesen. In der Regel waren es Autodidakten. Sie verfuhren frei nach dem Motto „Learning by Doing and Abgucking“, wie Otto Waalkes es einmal formuliert hat. Und auch zu verstehen, was und worüber die englischen und amerikanischen Idole sangen, verlangte einiges Improvisationsgeschick. „Beim Raushören kamen Texte raus, die glaubt man nicht“, erzählt Gerhard Detmers von den Beat Makers aus Moordorf. „Wir konnten ja kein Englisch, und so wurde alles lautmalerisch aufgeschrieben.“
Otto und seine Rustlers lösten das Problem, indem sie zur Melodie von Elvis Presleys „Heartbreak Hotel“ folgende eigene Zeilen erfunden haben sollen: „Joke Jannsen de Matrose, he gung up grode Fahrd. Un as he weer na Huus kwam, da was he erste Maat. De kunn gaut supen . . .“. Hätte es diese Fassung damals ins Tonstudio und auf Vinyl geschafft, wäre es die erste amtliche plattdeutsche Rock-‘n‘-Roll-Platte gewesen. Doch so weit und innovativ zu denken, wagte seinerzeit kaum jemand. Beim Blick auf die Repertoires heimischer Beatbands fällt auf, dass die Zusammenstellung oft recht konservativ ausfiel. The Crashmen erspielten sich ihren zweiten Platz beim Bundesentscheid in München zum Beispiel mit „Tonight“ aus der Westside Story nach einer Version der Shadows.
Geschirrhandtücher über Trommeln
Deren braver Gitarrenrock mochte Anfang der 1960er Jahre vielleicht angesagt gewesen sein. Er wirkte aber schon 1966 recht antiquiert, als Gruppen wie Cream oder The Jimi Hendrix Experience sich anschickten, die Rockmusik in eine neue Dimension zu katapultieren. Für etliche Bands wie The Tramps aus Aurich gehörte sogar nach wie vor deutsches Schlagergut zum Pflichtprogramm. Und das sollte bitteschön in angemessener Lautstärke dargeboten werden. „Dann habe ich schon mal Geschirrhandtücher über die Trommeln gelegt – zum Dämpfen“, erzählt Tramps-Schlagzeuger Hans-Jürgen Contermann. Bei einem Auftritt der Sights am Auricher Gymnasium Ulricianum wurden die Schüler aufgefordert, ihre Schuhe auszuziehen und auf Socken zu tanzen, um den Parkettboden nicht zu beschädigen.
Die Richtung schlug auch Gerd „Charly“ Gauger auf der 1968 eingeführten Jugendseite einer Auricher Lokalzeitung ein. Dort monierte er, dass die Jugendlichen zum Tanz nicht ordentlich gekleidet erschienen waren, sondern in Jeans und Lederjacke. Parallel dazu regte er an, im Freibad das Radio auf „Handtuch-Lautstärke“ zu drehen, damit andere nicht belästigt würden. Während weltweit die Studenten auf die Barrikaden gingen und dem Establishment den Kampf ansagten, war in Ostfriesland von Revolte wenig zu spüren. Stattdessen durften weibliche Fans bei einem Konzert in einem Lokal in Esens Garn aufrollen und sich anschließend über den Titel „Hausfrau vom 18. Februar 1968“ freuen. Falls zu der Zeit irgendwo in Ostfriesland ein „Happening“ organisiert wurde, war das selten politisch motiviert.
Bis heute legendär ist ein „Paperning“ in der Sandhorster Kirche, zu dem die Besucher Papier und Pappe mitbringen sollten. „Was wir nicht bedacht hatten, war, dass wir nachher den ganzen Müll wieder wegräumen mussten“, berichtet Klaus Schallmaier von The Brothers, deren Gründungsjahr 1968 schon in eine Phase fiel, als sich die Beat-Ära allmählich dem Ende zuneigte. Angesagte Live-Läden machten entweder dicht oder stellten auf Diskothekenbetrieb um. Das, was Bands wie Procol Harum, Pink Floyd oder auch die späten Beatles nun teils mit erheblichem Aufwand an Studiotechnik produzierten, ließ sich sowieso kaum mehr adäquat live auf der Bühne umsetzen.