Hamburg  Musical „Hamilton“ in Hamburg: Es war einmal in Amerika

Ralf Doering
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Von Ralf Doering
| 06.10.2022 16:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Auf dem Weg nach oben, mit der Absicht, Geschichte zu schreiben: Benét Monteiro (Mitte) in der Titelrolle des Musicals „Hamilton“. Foto: Ulrich Perrey
Auf dem Weg nach oben, mit der Absicht, Geschichte zu schreiben: Benét Monteiro (Mitte) in der Titelrolle des Musicals „Hamilton“. Foto: Ulrich Perrey
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Am Broadway läuft das Musical „Hamilton“ seit Jahren überaus erfolgreich. Jetzt kommt die deutsche Version im Operettentheater Hamburg heraus. Ob sich der Erfolg dort wiederholt?

Einen Freiheitskampf zu gewinnen, ist die eine Sache, die gewonnene Freiheit zu organisieren, eine andere. Das ist im Leben so und auf der Bühne auch: Da erkämpft sich Alexander Hamilton in dem ihm gewidmeten Musical mitsamt seiner Mitstreiter die Unabhängigkeit von der englischen Krone. Doch dann gilt es, die Vereinigten Staaten auf den Weg zu bringen. Und das ist ein zäher Weg.

Moment: Alexander wer? Kein Mensch kennt den Titelhelden von „Hamilton“. Aber in den USA hat Komponist und Textdichter Lin-Manuel Miranda Abhilfe geschaffen: Er ehrt den Mann mit drei satten Stunden Musical. Und jetzt erfahren wir auch in Deutschland, dass Hamilton mit seinen Ideen zur Finanzpolitik ganz maßgeblich die jungen USA als Staats- und Gesellschaftsform modelliert hat. Geblieben ist davon sein Konterfei auf dem Zehn-Dollar-Schein. Immerhin.

Aber keine Frage: Dieser Hamilton ist eine spannende Figur. Der Erfolg des Musicals gibt Miranda recht; seit 2016 läuft es am Broadway, ist mit Preisen überhäuft worden und füllt Abend für Abend den Saal. Seit diesem Donnerstag läuft die deutsche Version von „Hamilton“ im Hamburger Operettentheater, denn was in New York funktioniert, müsste doch auch in Deutschland funktionieren. Oder?

Mirandas Musik schafft jedenfalls schon mal gute Voraussetzungen. Ohne gesprochene Dialoge reiht sich Song an Song: knackig, packend, in perfekter musikalischer Dramaturgie. Es gibt satte Soulnummern, swingenden Jive, herzbewegende Balladen - und alle rappen, was das Zeug hält. Das zehnköpfige Ensemble im Orchestergraben verpackt das unter der Leitung von Philipp Gras präzise und klanggewaltig und sorgt dafür, dass auch der Rap musicalverträglich bleibt. Denn auch wenn mal ein böses Wort wie „Bitch“ fällt: Gangsta-Rap der harten Sorte muss niemand fürchten. Und Hamiltons Wutschrei „Motherfucker“ wird, wie es sich gehört, ausgepiept. Zu den Röcken und Schleifen, den Schnallenschuhen und Seidenstrümpfen im Stil des ausgehenden 18. Jahrhunderts bildet das den größtmöglichen Kontrast: Rap im Gewand eines Historiendramas (Kostüme: Paul Tazewell). Und ganz ehrlich: Eine Parlamentsdebatte als Rap-Battle, das hat schon was.

Auch der aus groben Balken zusammengezimmerte Saloon auf der Bühne führt zurück alte Zeiten. Hier werden die Darsteller selbst zu Kulissenschiebern, um die Straße in eine Kneipe zu verwandeln, den Exerzierplatz in ein Wohnzimmer, das Parlament in ein Feld, um sich zu duellieren (Bühnenbild: David Korins). Vor allem aber gibt die Bühne den Choreografien von Andy Blankenbuehler Raum.

Außerdem gibt es viel zu erzählen über den Arbeitsmigranten aus der Karibik namens Alexander Hamilton: Wie der Neuankömmling sich mit Aaron Burr befreundet - der ihn später im Duell tödlich verwundet -, wie er mit George Washington und Marquis Lafayette gegen die Briten und um die Freiheit kämpft, mit Thomas Jefferson und James Madison um politische Ämter streitet. Und als witziges Relikt aus der Alten Welt taucht ein paar Mal King George auf.

Fällt etwas auf? Genau: Das junge Amerika ist eine Männerwelt, und daran rüttelt auch die Erzählperspektive des 21. Jahrhunderts nicht. Frauen tauchen als schmückendes Element im Tanzchor auf, als Ehefrau, die wahlweise ihren Mann unterstützt oder seinetwegen leidet, als Geliebte, die ihn in einen Sexskandal verstrickt.

Auf einem anderen sehr aktuellen Themenfeld befindet sich „Hamilton“ hingegen auf der Höhe der Zeit: Mirandas Biopic-Musical ist ein Stück über Transkultur, in der Schwarze und Weiße gleichberechtigt agieren.

Immerhin erfüllen die Frauen die ihnen zugedachten Rollen mit Klasse und Ausdruck: Ivy Quainoo als Hamiltons Ehefrau Eliza, Chasity Crisp als deren Schwester Angelica und Mae Ann Jorolan als jene Maria Reynolds, die Hamilton in den ersten Sexskandal der amerikanischen Geschichte verstrickte.

Überhaupt agiert ein beachtliches Ensemble auf der Bühne des Operettentheaters: Gino Emnes ist ein wirklich charismatischer Aaron Burr. Charles Simmons verkörpert George Washington als knorrigen Feldherren und autoritären ersten Präsidenten. Daniel Dodd-Ellis überzeugt zunächst als Marquis de Lafayette und flirtet dann als Frankreich-Heimkehrer Thomas Jefferson weltmännisch-arrogant mit dem Publikum. Mit Redchild steht schließlich ein echter Rapper als James Madison auf der Bühne.

Nur Benét Monteiro wirkt ein bisschen zu jugendlich, um ihm jenen Alexander Hamilton abzunehmen, der im Unabhängigkeitskrieg unbedingt in erster Reihe kämpfen will und später mit pointierten Essays und visionären Ideen die jungen Vereinigten Staaten formt. Hervorragend funktioniert aber der schrullige, vertrottelte King George, den Jan Kerjes zu Klängen lispeln und fisteln lässt, die sich wie ein Mix aus Beatles und Queen anhört.

„Hamilton“ ist aber eine Geschichte über Patriotismus der amerikanischen Art. Deshalb wird im ersten Teil des Abends ausgiebig mit dem Gewehr gefuchtelt, von Kampf und Sieg gerappt - und davon, Geschichte zu schreiben. Und das mit gewaltigen Textmengen.

Im zweiten Teil trudelt die Geschichte aber in dem Bestreben vor sich hin, alle Themen von Familie und Ehebruch, Ehre und Politik abzuhandeln. Auch holpert der deutsche Text vom Musik-Allrounder Sera Finale nach der Pause ziemlich trocken und sachlich durch den Themenparcours. Trotzdem wird man drei Stunden lang gut unterhalten und verlässt das Operettenhaus um einiges Wissen reicher. Und es kann ja auch für ein deutsches Publikum nicht schaden, sich mit früher amerikanischer Geschichte zu beschäftigen. Unterhaltsamer als ein Wikipedia-Artikel ist „Hamilton“ allemal.

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