Osnabrück  Annie Ernaux, die Ethnologin eines chancenlosen Lebens

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 06.10.2022 14:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Der Literaturnobelpreis 2022 geht an Annie Ernaux. Foto: Horst Galuschka/dpa
Der Literaturnobelpreis 2022 geht an Annie Ernaux. Foto: Horst Galuschka/dpa
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Mit dieser Wahl liegt die Schwedische Akademie richtig: Literaturnobelpreis 2022 für Annie Ernaux. Mit ihren Büchern fragt sie, was aus dem Glücksversprechen der Wohlstandsgesellschaft geworden ist.

Louise, wer? Der Name der amerikanischen Lyrikerin, Trägerin des Literaturnobelpreises 2020, war eher Experten geläufig. Annie, wer? Das fragt jetzt niemand. Die Literaturnobelpreisträgerin 2022 ist einer großen Leserschaft bestens bekannt. Warum? Weil sie eine Stimme ihrer Zeit ist, weil ihre Analysen der sozialen Wirklichkeit mehr als nur einen Nerv treffen. Und weil ihr literarischer Ton ebenso einprägsam wie wahrhaftig ist. Bücher wie „Die Jahre“ oder „Der Platz“ sind längst zu literarischen Klassikern eines Europa der enttäuschten Versprechen von Glück und Wohlstand für alle avanciert.

Die Entscheidung der Schwedischen Akademie gilt einer Autorin, die in ihrer eigenen Biografie den Spuren der Entfremdung nachgeht, die akribisch jene Verbindungslinien nachzeichnet, die das eigene, vermeintlich nur private Leben mit den Formationen der Gesellschaft verbinden. Beobachter haben Ernaux mit Marcel Proust verglichen, mit jenem Großmeister des modernen Romans, der beispielhaft vorgeführt hat, wie das eigene Leben vollständig in Literatur transponiert werden kann. Der Erkenntnisgewinn ist in beiden Fällen überwältigend und nachhaltig.

Annie Ernaux verbindet literarischen Anspruch mit erheblicher Breitenwirkung. Gerade Leserinnen finden in ihren Büchern ihre eigene Stimme. Der weibliche Blick auf soziale Wirklichkeit erweist sich oft als der sensiblere, wenn es um jene feinen Unterschiede geht, mit denen gerade in westlichen Gesellschaften soziale Schranken etabliert werden. Ernaux´ Bücher erinnern an soziale Studien – und damit an Soziologen wie Pierre Bourdieu oder Michel Foucault, deren Analysen jener Macht galten, die auf der ungleichen Verteilung von Chancen und Teilhabe basieren.

„Es gibt einen Graben zwischen denen, die weiterhin vom Liberalismus profitieren, die in Zukunftsberufen arbeiten, und den Leuten, die Dienstleistungsberufe haben (…) Sie haben das Gefühl, festzustecken und nicht voranzukommen“, begründete Annie Ernaux im Interview mit der „Zeit“ ihre Sympathie mit dem Protest der „Gelbwesten“. Die französische Autorin steht für eine engagierte Literatur, die scharf analysiert anstatt nur anzuklagen – und gerade deshalb so nachhaltig wirkt. Ernaux lenkt den Blick auf die schwelenden Konflikte und Krisen in den sogenannten Wohlstandsgesellschaften.

Die Vergabe des Literaturnobelpreises löste zuletzt eher Kontroversen aus. Popstar Bob Dylan galt vielen als zu leichtgewichtig, Peter Handke als moralisch fragwürdig. Annie Ernaux hingegen werden jetzt alle applaudieren. Sicher auch Michel Houellebecq, der andere Star der französischen Gegenwartsliteratur, der auch immer wieder als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt wurde. Und Denis Scheck? Der genehmigt sich jetzt vielleicht ganz im Stillen ein Glas Champagner. Er hatte direkt auf Ernaux getippt. Manchmal liegt ein Literaturkritiker eben richtig. Auch Denis Scheck.

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