Flugblätter gegen AfD-Professor  Ehemalige Professoren fordern Emder Hochschulführung zum Handeln auf

Andreas Ellinger
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Von Andreas Ellinger
| 05.10.2022 21:59 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die meisten Studierenden in Emden nahmen die angebotenen Flugblätter mit. Foto: Ellinger
Die meisten Studierenden in Emden nahmen die angebotenen Flugblätter mit. Foto: Ellinger
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Auf 1000 Flugblättern haben Ex-Professoren die Emder Hochschulleitung aufgefordert, gegen AfD-Professor Reiner Osbild tätig zu werden. Am Tag der Aktion kam es zu einem Gespräch mit dem Präsidenten.

Emden - Jahrelang firmierte er als als Vorsitzender des AfD-Kreisverbands Ostfriesland – neuerdings betontermaßen als „Regimegegner“: Professor Dr. Reiner Osbild betreibt die Internetseite www.regimegegner.de. Auf der stellt er sich als Professor für „Volkswirtschaftslehre an der Hochschule Emden-Leer“ vor. Den Bundesregierungen von Ex-Kanzlerin Angela Merkel wirft er dort „einen geradezu satanischen Generalangriff auf die Grundfesten unseres Gemeinwesens“ vor.

Eine Rubrik der Homepage heißt „Gott und die Welt“. In der Welt des Reiner Osbild sieht er in einer Diktatur teilweise freiere Menschen als in Deutschland: „Ich habe 2010 bis 2011 für zwei Jahre in China gelehrt und fand die Gesellschaft dort in Teilen freier als unsere heute.“ Die folgende Frage unserer Zeitung vom Mittwochnachmittag hat er noch nicht beantwortet: „In welchen Teilen ist die chinesische Gesellschaft freier gewesen, als Sie dort waren, als die bundesdeutsche Gesellschaft heute?“ Außerdem spricht sich Osbild dagegen aus, eine weitere Diktatur und eine Autokratie anzuprangern: „Wir brauchen nicht mit dem Finger auf andere zeigen (Russland, Weißrussland), wir haben genug Dreck vor der eigenen Haustür.“

Corona? Emder Professor geht von Placebo-„Impfungen“ aus

Osbild behauptet im Internet, dass vermeintliche „Impfdurchbrüche“ keine seien, weil „Millionen von Menschen mit Placebos ,geimpft‘ worden seien. Seine Begründung: „Wären 55 Millionen Deutsche ,richtig‘ geimpft worden, dann hätte es so viele Nebenwirkungen und Tote gegeben.“ Ob er damit die Corona-Impfungen, andere Impfungen oder alle Impfungen meint, das überlässt der Professor der Fantasie seiner Leser*innen. „Gendersprech“ bezeichnet er übrigens als „Indoktrination“ und die „Hassrede“ als „neu erfundenen Straftatbestand“.

In dem Flugblatt wird die Emder Hochschulleitung aufgefordert, wegen "AfD-Professor" Reiner Osbild tätig zu werden. Foto: Ellinger
In dem Flugblatt wird die Emder Hochschulleitung aufgefordert, wegen "AfD-Professor" Reiner Osbild tätig zu werden. Foto: Ellinger

Ehemalige Lehrer und Professoren aus Emden werfen Osbild vor, dass er „politische Gegner, Journalisten und Privatpersonen auf herabsetzende, beleidigende und unflätige Weise“ angreife: „Während er Prozesse um Schmerzensgeldforderungen wegen Rufschädigung führt, hat er selbst keine Scheu, den Ruf anderer hemmungslos öffentlich zu schädigen.“

Flugblatt-Aktion auf dem Campus der Emder Hochschule

So steht es in einem Flugblatt, das Wolfgang Henkelmann, Konrad Huchting, Hans-Albin Jacob, Uwe Rozema, Dietmar Seeck und Jürgen Seidel am Mittwochmittag auf dem Emder Campus verteilt haben. Aus dem Inhalt: „Emder Bürger fragen die Hochschule Emden-Leer“, unter anderem, „wie der Präsident der Hochschule seine Studenten vor dem rechtsradikalen AfD-Professor Reiner Osbild schützt; wie es verhindert werden kann, dass Studenten gegen ihren Willen durch Professor Osbild geprüft werden; warum die Hochschule Emden-Leer auf die Verurteilungen Professor Osbilds durch die Emder Ratsfraktionen und den OB nicht reagiert.“

Ehemalige Professoren und Lehrer haben wegen „AfD-Professor“ Reiner Osbild eine Flugblatt-Aktion an der Hochschule Emden-Leer gestartet. Foto: Ellinger
Ehemalige Professoren und Lehrer haben wegen „AfD-Professor“ Reiner Osbild eine Flugblatt-Aktion an der Hochschule Emden-Leer gestartet. Foto: Ellinger

Die Flugblatt-Unterzeichner – außer den Genannten kommen noch Hans-Günther Schuster und Erwin Wenzel hinzu – hatten bereits Ende 2021 unter anderem vom Oberbürgermeister und den Fraktionen Stellungnahmen eingeholt. Im Flugblatt heißt es nun: „Der Emder OB lehnt die öffentlichen Aussagen Professor Osbilds zu seinen politischen Gegnern strikt ab und hält sie mit seinem demokratischen Verständnis einer weltoffenen, vielschichtigen und gerechten Gesellschaft für unvereinbar. Die Emder Ratsfraktionen halten sein Auftreten für weit abweichend von den Erwartungen, die an Lehrende in unserem demokratischen Staat zu stellen sind.“ Am Ende des Flugblatts heißt es: „Wir rufen Studierende und Lehrende der Hochschule Emden-Leer dazu auf, Antworten einzufordern!“ Antworten auf die zuvor formulierten Fragen an die Hochschulleitung.

Studierende fordern Hochschul-Sprecher zur Stellungnahme auf

Am Rande der Aktion ergab sich ein Gespräch, in dem Studierende den Pressesprecher der Hochschule aufgefordert haben, zu Osbild öffentlich Position zu beziehen. Der Sprecher sagte mit Blick auf Veröffentlichungen des Professors: „Verbalradikalismus ist nicht Stil der Hochschule.“ Auf Nachfrage unserer Zeitung berichtete er am Nachmittag, dass Studierende nicht gezwungen seien, Angebote von Osbild zu belegen: „Alle Pflichtveranstaltungen können auch bei anderen Dozierenden belegt werden.“

Hochschul-Präsident Gerhard Kreutz habe sich am Mittwoch mit Flugblatt-Unterzeichnern getroffen und ihnen gesagt, „wie ernst die Hochschule die Sache nimmt“, ergänzte der Pressesprecher. Wolfgang Henkelmann bestätigte: „Das Vertrauliche kann ich natürlich nicht berichten, aber dass wir den Eindruck haben, dass die Hochschule die von uns angestoßene Thematik sehr ernst nimmt.“ Aber: „Die Ernsthaftigkeit des Problems besteht weiterhin.“

Warum haben manche Studierende Angst, sich offen zu äußern?

Bei der Flugblatt-Aktion sind laut Henkelmann Aussagen von Studierenden wie die folgenden gefallen: „Das Problem kennen wir!“ Und: „Gut, dass etwas getan wird!“ Oder: „Ich komme von einer ostdeutschen Uni, habe dort Diskriminierung erfahren und habe Angst, dass das hier auch passiert.“ Henkelmann erläuterte: „Unser Bestreben war es, sie dazu zu ermuntern, als Zeugen gegen Osbild aufzutreten, auch wenn die Hürde, offen auszusagen, hoch ist.“

Auch Nicht-Studierende bekamen Flugblätter, in denen auf das Handeln von "AfD-Professor" Reiner Osbild aufmerksam gemacht wurde. Foto: Ellinger
Auch Nicht-Studierende bekamen Flugblätter, in denen auf das Handeln von "AfD-Professor" Reiner Osbild aufmerksam gemacht wurde. Foto: Ellinger

Ein Student regte im Beisein unserer Zeitung an, dass bei der Korrektur von Arbeiten nicht die Namen der Studierenden für Professoren erkennbar sein sollten, sondern nur deren Matrikelnummern. Der junge Mann verlangte, dass kein Foto in der Zeitung erscheint, auf dem er zu sehen ist. Außerdem wollte er anonym bleiben. Er bat sogar darum, dass sein Vorschlag nicht im Bericht steht.

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