Osnabrück Musik essen Seele auf: Igor Levit kommt ins Kino
Igor Levit kommt ins Kino: Regisseurin Regina Schilling hat den Pianisten mit der Kamera begleitet und einen Film erstellt, der tiefe Einblicke in die Gedankenwelt des Pianisten gewährt.
Jetzt also auch noch ein Film. Nach dem Buch, nach permanenter Präsenz auf Twitter und Co., nach Einspielungen, die alle höchstes Lob verdienen und genießen, kommt Igor Levit nun ins Kino. Und klar, wo Igor draufsteht, ist Igor drin. Fast zwei Jahre hat Regisseurin Regina Schilling mit ihrem Team den Pianisten begleitet: zu Pressekonferenzen, Proben, Konzerten, im Taxi, im Aufnahmestudio, im Klamottenladen. Ist das die endgültige Igor-Überdosis?
Nicht jeder mag, wie Igor Levit sich zu allem und jedem äußert und wie er durch die medialen Dörfer getrieben wird. Es soll sogar Menschen geben, die ihm seine pianistische Klasse absprechen. All denen wird „Igor Levit - No Fear“ nicht gefallen.
Levits Omnipräsenz ist denn auch nicht von der Hand zu weisen. Trotzdem oder gerade deswegen ist Schillings Porträt sehenswert, weil sie nicht nur dem Musiker Igor Levit nahe gekommen ist, sondern auch dem Menschen. „No Fear“ zeigt den Levit, der zweifelt, gegen Ängste ankämpfen muss, der sich ausbeutet und hart an der Grenze zum Burnout durchs Leben hangelt. Denn dieses Leben bestimmt ein Paradoxon: Die Musik und der Musikbetrieb verzehren ihn und sind gleichzeitig die Seelennahrung, die ihn am Leben erhält.
Deshalb fürchtet er sich vor den 108 Konzerten in aller Welt im kommenden Jahr. Der Stillstand, den das Covid-Virus der Welt aufzwingt, ist für ihn fast eine Wohltat, sagt er, doch dann verzweifelt er schier an der Einsamkeit in seiner Berliner Wohnung. Kein Wunder: Denn Igor Levit braucht Menschen um sich, denen er vertraut, die ihn in den Arm nehmen und denen er sich in die Arme fallen lassen kann. Das kann die Managerin sein, und das ist in jedem Fall sein Tonmeister Andreas Neubronner – es ist fast rührend zu sehen, wie Levit beim Abhören einer Aufnahme den Kopf an Neubronners Arm legt. Immerhin findet Levit einen Weg aus der Corona-Einsamkeit: die 52 Hauskonzerte, die er in die sozialen Netzwerke gestreamt hat.
Ist das Seelenstriptease? Sicher. Aber es gibt ein Regulativ: die Musik, der Schilling viel Platz einräumt. Den dritten Satz der „Waldstein“-Sonate von Ludwig van Beethoven zeigt Schilling komplett: zehn Minuten Musik aus einer anderen Welt. Dabei rückt die Kamera dem Pianisten voyeuristisch nahe und zeigt, welch harten Kampf Beethoven seinen Interpreten aufzwingt. Beethovens Musik sei „furchtlos“, sagt Levit einmal, und diese Furchtlosigkeit brauche auch der Pianist, der es mit Beethoven aufnehmen will. Oder, in logischer Konsequenz, mit Ronald Stevensons monströsem „DSCH“-Zyklus. Nach Beethoven kommt die Sphäre des pianistisch Unmöglichen.
Fast genauso wichtig wie die Menschen ist das Smartphone: Es liegt fast immer griffbereit, und fast beiläufig sendet er seine Botschaften in die Welt. Wer ihm auf einem seiner Kanäle folgt, weiß: Da ist er nicht nur Musiker, sondern ein ausgesprochen politischer Mensch. Deshalb zeigt Schilling ihn auf dem Podium neben Wolfgang Schäuble, und deshalb endet der Film mit einem Konzert, das ihm wichtiger als viele andere Auftritte ist, damals im Dannenröder Forst, auf einer Demonstration der „Fridays for Future“-Bewegung. Einige mögen da ein tiefes „Auch das noch“ hervorstöhnen – doch auch das ist Igor Levit, der fantastische Pianist.