Osnabrück Vorsicht mit Füllkrug, Hansi!
Wie vor jeder WM beschäftigt die Zusammenstellung des Kaders die über 80 Millionen nebenberuflichen Bundestrainer mehr als den einen, der das hauptberuflich macht. Denn während Hansi Flick, wie zu hoffen ist, schon sehr klare Vorstellungen von der Reisegruppe hat, die er in sieben Wochen nach Katar führt, steht die Mannschaft des Volkes noch lange nicht.
Wenn wir ehrlich sind, haben wir nur drei absolut gesetzte Spieler: der ewige Manuel Neuer im Tor, der zuletzt schwächelnde Joshua Kimmich auf der Sechs und der unverwüstliche Thomas Müller, auch wenn den Mario Basler nicht dabei haben will. Dann gibt es noch ein Dutzend Spieler, die natürlich mit müssen. Aber ob Schlotterbeck, Süle, Rüdiger, Raum, Gündogan, Goretzka, Gosens, Sané, Werner oder Gnabry wirklich in die Elf gehören? Da ergäbe wohl auch ein Referendum kein klares Bild. Mit so wenig Weltklasse wollen wir also Weltmeister werden?
Das Volk zweifelt seit Flick im 13. Anlauf erstmals ein Spiel verlor, weil es immer zweifelt – sonst wäre es nicht das deutsche. Umso dringender wird ein Retter gesucht, ein Hoffnungsträger. Nicht ohne Charme sind die Rufe nach der Reaktivierung der Weltmeister Mats Hummels, Toni Kroos oder Mario Götze. Da weiß man, was man hat. Aber hatte man nicht schon mal genug von ihnen? Der Reiz des Neuen entfällt hier.
Glücklicherweise gibt es derzeit einen Mittelstürmer im hoffnungsgrünen Dress von Werder Bremen, der aus dem Nichts erschienen ist und jede Woche ein Tor schießt. Mindestens. Niclas Füllkrug, mit 29 kein Talent mehr, führt die Torjägerliste an – obwohl er Deutscher ist! Zur Erinnerung: der Frankfurter Alexander Meier holte vor sieben Jahren als bisher letzter Deutscher die Torjägerkanone, dann begann die Lewandowski-Ära, gelegentlich vom Dortmunder Aubameyang unterbrochen. Nun also Füllkrug – ein echter Mittelstürmer. Trifft mit dem Kopf, mit dem Fuß und geht dahin wo es weh tut, wie seine Zahnlücke unzweideutig offenbart. Wo hat er sich nur all die Jahre versteckt?
Seine Verletzungsgeschichte füllt Bände und kann einen zu Tränen rühren. Aber der Kerl stand immer wieder auf. Und nun wollen ihn 70 Prozent der Kicker-Leser laut Umfrage bei der WM dabei haben. Immerhin hat er im Juniorenbereich schon acht Tore in 17 Länderspielen aufzuweisen, aber im A-Team spielte er nie. Können wir so einen nehmen, hat er bei der WM seinen Andy Warhol-Moment und wird unsterblich berühmt? Wir kennen die Beispiele, die uns Hoffnung machen. Horst Hrubesch und Oliver Bierhoff schossen uns zu EM-Titeln, der eine mit 29, der andere mit 28 – beide kamen erst Wochen vorher in den erlauchten Kreis der Nationalmannschaft.
Mit Lothar Emmerich indes, Torschützenkönig und Europapokalsieger 1966, ging es schief. Vom Boulevard („Jetzt muss Emma ran!“) zur WM nach England geschrieben, kam der Mann mit der linken Klebe im dritten Spiel gegen Spanien zum Einsatz und schoss ein unglaubliches Tor. Das übertünchte seine spielerischen Schwächen, die Alt-Bundestrainer Sepp Herberger wohl eher sah als Helmut Schön. Wenn man den Emmerich aufstelle, bestehe die Gefahr, dass man ihn nicht mehr aus der Elf herausbekomme, philosophierte der Weise von der Bergstraße. In Zeiten des Auswechselverbots in der Tat ein Problem. Emmerich spielte bis zum Finale durch, war aber ein Schwachpunkt und ging als einer der ganz wenigen Spieler in die Geschichte ein, die das Gros ihrer Länderspiele bei einer WM bestritten. Er trug den Adler nie wieder. Andere trugen ihn nie, obwohl sie Torschützenkönige wurden wie Alex Meier oder der Stuttgarter Fritz Walter vor der EM 1992.
Denn das Problem bei so kurzfristigen Aktionen ist, dass sich auch der beste Spieler einfügen muss, wenn er in eine neue Mannschaft kommt. Einspielzeit bleibt diesmal weniger denn je vor einem Turnier und so könnte Füllkrug das gleiche Los drohen wie etwa dem Neu-Dortmunder Anthony Modeste. Auch der ist ein Mittelstürmer alter Prägung und von Flanken abhängig, die beim BVB nicht annähernd so gut kommen wie zuvor in Köln. Das muss bedenken, wer jetzt noch nach Füllkrug schreit. Vielleicht macht der es ja wie einst Klaus Fischer: Als der DFB 1977 den Schalker Skandalsünder endlich begnadigte, brachte der zu seinem Debüt seinen Rechtsaußen im Verein, Rüdiger Abramczik, gleich mit und verwertete dessen Flanken am Fließband.