Reisefotos der anderen Art  Influencerin wirbt auf Norderney fürs Müllsammeln

Michael Hillebrand
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Von Michael Hillebrand
| 05.10.2022 09:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Seile, Flaschen, Plastikspielzeug: Das und mehr fand Sabine Hötzel am Strand von Norderney. Foto: Privat
Seile, Flaschen, Plastikspielzeug: Das und mehr fand Sabine Hötzel am Strand von Norderney. Foto: Privat
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Eine Müll sammelnde Schwarzwälderin erreicht auf Instagram Tausende. Nun war sie auf Norderney unterwegs und berichtet von ihren skurrilen Erfahrungen.

Norderney - Malerischer Hintergrund, sympathisches Lächeln und Abfall in der Hand: Der Aufbau von Sabine Hötzels Selfies auf Instagram ist oft derselbe. Damit erreicht die Influencerin auf dem sozialen Netzwerk allerdings schon 15.700 Leute, die ihr folgen und von denen inzwischen viele selbst angefangen haben, bei Spaziergängen in der Natur mitzusammeln. Nun war die Schwarzwälderin auch auf Norderney unterwegs und machte Urlaubsfotos der etwas anderen Art. Im Gespräch mit unserer Zeitung erzählt sie, was für komische Dinge sie auf der Insel entdeckt hat.

Was und warum

Darum geht es: um ehrenamtliches Engagement für die Umwelt, das in den sozialen Medien Anklang findet

Vor allem interessant für: Umweltfreunde

Deshalb berichten wir: Sabine Hötzel hat uns über ihren Norderney-Besuch informiert und gefragt, ob wir nicht darüber berichten mögen.

Den Autor erreichen Sie unter: m.hillebrand@zgo.de

Norderney finde sie „superschön“ und sie und ihr Mann hätten dort auch einst geheiratet, sagt Hötzel. Fast jedes Jahr sei man dort – ein Ausgleich zu ihrer Arbeit als Managerin für Geschäftsentwicklung bei einer IT-Firma. Wenn sie draußen unterwegs ist, fällt Hötzel jedoch immer wieder der viele Müll auf. Nach dem Beginn der Pandemie habe die Verschmutzung noch zugenommen, auch weil sich plötzlich mangels Freizeit-Alternativen mehr Menschen in der Natur aufhielten. So begann die Mutter zusammen mit ihrer Familie schließlich, beim Spaziergehen Müllbehälter mitzunehmen. Man suche gar nicht gezielt nach Abfall, dennoch sei der Eimer schnell voll, sagt sie. Auch auf Norderney habe das jetzt bei den Strandspaziergängen gerade einmal zehn Minuten gedauert. „Das ist erschreckend“. Die Insel sei dabei jedoch kein Sonderfall.

Verpackungen aus den 70ern

Bei Lebensmittel-Verpackungen habe ihr das aufgedruckte Mindesthaltbarkeitsdatum sogar dabei geholfen, das Alter des Unrats festzustellen. Teilweise stamme dieser an der Norderneyer Küste noch aus den 1970ern. „Superbeliebt“ seien zudem offen Caprisonnen in den 80ern gewesen. Überall entdecke man die kleinen Trinkbehälter, ebenso habe die Influencerin aber auch eine Getränkeflasche aus China und sogar volle Getränkedosen gefunden. Dazu kamen Zwiebeln und Knoblauch, ein Telefon, Plastikspielzeug und mehr. „Da braucht man für den Urlaub gar nicht mehr packen“, frotzelt die 40-Jährige. Einmal sei eine Gruppe von älteren Strandbesuchern an ihr vorbeigelaufen und habe gefragt, wo sie denn den ganzen Müll gefunden habe. „Sie wollten mir leider nicht glauben, dass das alles am Strand lag.“

Wilfried und Anja Duin aus Südvictorbur sammeln ebenfalls Unrat ein, wenn sie draußen unterwegs sind. Wilfried Duin hat einen Greifer für Flaschen konstruiert, der bis auf vier Meter ausfahrbar ist. Foto: Boki
Wilfried und Anja Duin aus Südvictorbur sammeln ebenfalls Unrat ein, wenn sie draußen unterwegs sind. Wilfried Duin hat einen Greifer für Flaschen konstruiert, der bis auf vier Meter ausfahrbar ist. Foto: Boki

Das ist ein Grund dafür, warum es Hötzel so wichtig ist, die Bevölkerung für das Problem zu sensibilisieren. Ein Jahr ist es inzwischen her, dass sie auf Instagram mit ihrem Projekt begonnen hat, wo sie sich auch als „Binfluencerin“ oder „Dreckqueen“ bezeichnet. „Binfluenercin“ ist ein Wortspiel aus dem englischen Wort für Abfalleimer und dem Wort Influencerin. Das bezeichnet eine Person, die ihre Präsenz und ihr Ansehen in den sozialen Netzwerken nutzt, um zum Beispiel für einen Lebensstil zu werben. Nach und nach hätten so auch innerhalb des ersten Jahres der Aktion auf Instagram Freunde und Familienmitglieder von ihr mit dem Müllsammeln begonnen und inzwischen bekomme sie regelmäßig von Fotos von weiteren Menschen, die die Ergebnisse ihrer eigenen Sammlungen dokumentieren.

Die Duins sammeln auch während der Fahrt

Elisa Bodenstab ist die Vorsitzende des Norderneyer Vereins Perpetuum Mobility. Der setzt sich für einen bewussteren Umgang mit der Umwelt und für mehr Nachhaltigkeit ein und war auch schon in Müllsammelaktionen an der Küste involviert. Bodenstab bestätigt Hötzels Beobachtungen. Vor allem Zigarettenkippen, aber auch Plastikteile und Netzreste seien ein Problem. Das Engagement der Schwarzwälderin finde sie „sehr gut“. Allerdings gebe es auch in Ostfriesland Menschen, die Müll sammeln und darüber in den sozialen Medien berichten – auch wenn sie vielleicht weniger Follower haben. Bodenstab nennt den Instagram-Account „Umweltsani“.

Dahinter stecken der 54-jährige Wilfried Duin und seine ein Jahr ältere Frau Anja aus Südvictorbur (Südbrookmerland). Das Ehepaar sammle schon sehr lange, sagt Wilfried Duin auf Nachfrage. Angefangen habe das beim Geocaching spielen. Auf dem Weg zu den richtigen Koordinaten machten es sich die beiden zur Aufgabe, den gefundenen Unrat mitzunehmen. Das gehe dank eines Greifarms sogar, während man auf dem Rad sitze.

Um besser auf den Müll aufmerksam zu machen, habe man dann im März 2021 auf Instagram losgelegt. Vor allem im Raum Südbrookmerland sei man unterwegs, aber auch beispielsweise in Norddeich oder Tannenhausen, eben da, wo man gerade mit dem Fahrrad unterwegs sei. „Ich komme aber gerade aus der Reha zurück und habe auch dort gesammelt“, so Wilfried Duin.

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