Experten analysieren Wahlplakate Von psychedelischen Farben und Kaka-Sprache
Seit Wochen buhlen die Parteien mit ihren Plakaten zur Landtagswahl um die Aufmerksamkeit der Wähler. Wir haben die Wahlwerbung zusammen mit zwei Experten analysiert.
Aurich/Ostfriesland - Am nächsten Sonntag fällen die niedersächsischen Wähler die Entscheidung, wer das Land für die kommenden fünf Jahre regieren soll. So wie das ganze Bundesland ist auch Aurich seit vielen Wochen voll mit buchstäblich plakativem Heischen um des Wählers Gunst. An den Hauptstraßen sind kaum noch ein Laternenmast ohne mindestens ein Plakat und nur wenige Freiflächen ohne bannerbehangene Bauzäune auszumachen.
Um den wahlberechtigten Bürger ist wieder einmal ein Dschungel von Slogans, Botschaften und Konterfeis gewuchert. Was sticht da heraus? Und wer kann mit seiner Präsenz punkten? Wir haben zwei Experten auf ihrem Gebiet befragt: Dr. Udo Fecht ist Inhaber der Auricher Werbeagentur Fecht, Prof. Dr. Lothar Probst ist Politologe und emeritierter Professor der Universität Bremen. Von ihnen wollten wir wissen, wie sie die Selbstdarstellung der Parteien beurteilen.
SPD: Die Person ist die Botschaft
Für unsere Experten ist die Fixierung auf den Spitzenkandidaten eine logische Folge seiner Vormachtstellung „In den Kandidatenumfragen liegt Stephan Weil deutlich vor seinem CDU-Herausforderer Bernd Althusmann“, sagt Lothar Probst. „Er ist das Zugpferd der SPD und bringt der Partei so den meisten Benefit. Da stört es auch nicht, wenn die Plakate keine Botschaft transportieren. Hier ist die Person die Botschaft.“ Für Udo Fecht ist Beständigkeit das Motiv, mit dem die SPD ihre Wähler abholt. „Allerdings ist die grafische Umsetzung nicht immer konsequent“, sagt Fecht. „Auf einigen Plakaten ist sein Porträt schwarz-weiß, ohne dass das einen ersichtlichen Grund hätte.“
CDU: Sachliches Blau und platte Pose
„Mit der Inszenierung erreicht er die Wähler nicht mehr“, ist sich Probst sicher. „Er kopiert Weil in gewisser Hinsicht, liegt aber in den Umfragen weit hinten. Die Wähler bleiben eher beim Original.“ Besser schlägt sich die CDU bei der Benennung inhaltlicher Themen wie der Schulpolitik. „Die ist zwar durch die bundespolitische Entwicklung etwas ins Hintertreffen geraten, aber in Niedersachsen immer noch akut“, sagt Probst. Mit „Schule ist das Letzte – wenn sie ausfällt“ bediene sich die Partei aber einer gewagten Sprache. „Auch wenn der Nachsatz es positiv auflöst, finde ich den Slogan nicht unbedingt gelungen“, so der Politologe. Fecht ist vor allem die neue Farbgebung der CDU-Plakate ins Auge gefallen. „Das rote CDU-Logo auf hellem Hintergrund ist einem weißen gewichen, das nun auch auf Bildmotiven versteckt sein darf“, so Fecht. „Und großzügige blaue Flächen ersetzen früheres Schwarz-Rot-Gold und Orange. Vielleicht soll das neue Blau sachlicher und kompetenter wirken. Da man jetzt auf Rot verzichtet, ist eine Verwechslungsgefahr mit der AfD ausgeschlossen.“
Grüne: Punkten mit Inhalten und Personen
Udo Fecht sieht in der Trennung von Kandidatinnen- und Themenplakaten den passenden Weg. „Die konkreten Themen sind mit entsprechenden Symbolbildern illustriert, die Kandidatin Julia Wille Hamburg wird dafür nur mit einer übergeordneten Botschaft flankiert. Das holt die Wähler über den Inhalt und die Person gleichermaßen ab.
FDP: Wow, diese Farben!
Für Probst passt der Verfremdungseffekt durchaus zu den Botschaften wie „Ideologie heizt nicht“ oder „Holen wir die Zukunft aus dem Funkloch“. Allerdings findet er das Thema Digitalisierung nicht glücklich gewählt. „Das ist momentan das einzige Thema, bei dem die Regierung gut abschneidet und somit am wenigsten angreifbar ist“, sagt Probst. „Das geht an der Stimmungslage der Wähler vorbei. Eine Partei, die gerade um die Fünf-Prozent-Hürde herumschleicht, kommt so nicht in die Offensive.“
Linke: Klischees und der Griff in die Schüssel
Für Probst ist die Kampagne der Linken nicht überraschend. „Das billige Klischee ‚Geld regiert die Welt‘ knüpft direkt an frühere Wahlkämpfe an“, so Probst. „Und es sagt nichts darüber aus, was die Linke will: Höhere Steuern? Enteignungen?“ Die Fäkalsprache hingegen ist in dieser Form auch für ihn neu. „Vielleicht findet sie damit ein paar Wähler am Rand. Dass man in der Mitte der Gesellschaft in diesem Duktus Wähler anspricht, bezweifle ich.“ So sieht es auch Fecht. „Die Botschaften der Linken holen allenfalls ein paar Verdrossene ab“, sagt er.
AfD: Siegeszug der Verdrossenen
„Aus der Sicht der AfD ist diese Kampagne logisch und konsequent“, schätzt Probst. „Viele Wähler sind momentan enttäuscht und das gibt der Partei jetzt wieder Auftrieb, obwohl sie in Niedersachsen eigentlich schon am Boden lag.“
Fazit: Das Plakat ist nur ein Baustein