Experten analysieren Wahlplakate  Von psychedelischen Farben und Kaka-Sprache

Jens Schönig
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Von Jens Schönig
| 03.10.2022 12:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
In Niedersachsen findet am 9. Oktober die Landtagswahl statt. An den Straßenrändern ist es nicht zu übersehen. Foto: Julian Stratenschulte/dpa
In Niedersachsen findet am 9. Oktober die Landtagswahl statt. An den Straßenrändern ist es nicht zu übersehen. Foto: Julian Stratenschulte/dpa
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Seit Wochen buhlen die Parteien mit ihren Plakaten zur Landtagswahl um die Aufmerksamkeit der Wähler. Wir haben die Wahlwerbung zusammen mit zwei Experten analysiert.

Aurich/Ostfriesland - Am nächsten Sonntag fällen die niedersächsischen Wähler die Entscheidung, wer das Land für die kommenden fünf Jahre regieren soll. So wie das ganze Bundesland ist auch Aurich seit vielen Wochen voll mit buchstäblich plakativem Heischen um des Wählers Gunst. An den Hauptstraßen sind kaum noch ein Laternenmast ohne mindestens ein Plakat und nur wenige Freiflächen ohne bannerbehangene Bauzäune auszumachen.

Um den wahlberechtigten Bürger ist wieder einmal ein Dschungel von Slogans, Botschaften und Konterfeis gewuchert. Was sticht da heraus? Und wer kann mit seiner Präsenz punkten? Wir haben zwei Experten auf ihrem Gebiet befragt: Dr. Udo Fecht ist Inhaber der Auricher Werbeagentur Fecht, Prof. Dr. Lothar Probst ist Politologe und emeritierter Professor der Universität Bremen. Von ihnen wollten wir wissen, wie sie die Selbstdarstellung der Parteien beurteilen.

SPD: Die Person ist die Botschaft

Die SPD setzt voll auf Stephan Weil. Foto: Ortgies
Die SPD setzt voll auf Stephan Weil. Foto: Ortgies
Die SPD setzt naheliegenderweise voll auf den Amtsinhaber als Imageträger. Ministerpräsident Stephan Weil prangt vollflächig dominant auf allen Werbeträgern der Sozialdemokraten. Mal staatstragend zwischen der niedersächsischen und der europäischen (und nicht der deutschen) Flagge, mal mit Schülern oder Rentnern als Staffage, um in Ansätzen Inhalte wie Digitalisierung oder Pflege zu thematisieren. Über allem schwebt der Slogan „Das Land in guten Händen“.

Für unsere Experten ist die Fixierung auf den Spitzenkandidaten eine logische Folge seiner Vormachtstellung „In den Kandidatenumfragen liegt Stephan Weil deutlich vor seinem CDU-Herausforderer Bernd Althusmann“, sagt Lothar Probst. „Er ist das Zugpferd der SPD und bringt der Partei so den meisten Benefit. Da stört es auch nicht, wenn die Plakate keine Botschaft transportieren. Hier ist die Person die Botschaft.“ Für Udo Fecht ist Beständigkeit das Motiv, mit dem die SPD ihre Wähler abholt. „Allerdings ist die grafische Umsetzung nicht immer konsequent“, sagt Fecht. „Auf einigen Plakaten ist sein Porträt schwarz-weiß, ohne dass das einen ersichtlichen Grund hätte.“

CDU: Sachliches Blau und platte Pose

Die CDU präsentiert sich in neuer Farbgebung. Foto: Ortgies
Die CDU präsentiert sich in neuer Farbgebung. Foto: Ortgies
Bei der CDU scheint man sich der Dominanz des Amtsinhabers so bewusst zu sein, dass sie sich bei den kleinen Plakaten auf Botschaften beschränkt. Nur auf großen Plakaten ist ihr Spitzenkandidat Bernd Althusmann zu sehen. Dort präsentiert er sich in einer der ältesten und plattesten Wahlkampf-Posen, als „Anpacker“ die Hemdsärmel aufknöpfend.

„Mit der Inszenierung erreicht er die Wähler nicht mehr“, ist sich Probst sicher. „Er kopiert Weil in gewisser Hinsicht, liegt aber in den Umfragen weit hinten. Die Wähler bleiben eher beim Original.“ Besser schlägt sich die CDU bei der Benennung inhaltlicher Themen wie der Schulpolitik. „Die ist zwar durch die bundespolitische Entwicklung etwas ins Hintertreffen geraten, aber in Niedersachsen immer noch akut“, sagt Probst. Mit „Schule ist das Letzte – wenn sie ausfällt“ bediene sich die Partei aber einer gewagten Sprache. „Auch wenn der Nachsatz es positiv auflöst, finde ich den Slogan nicht unbedingt gelungen“, so der Politologe. Fecht ist vor allem die neue Farbgebung der CDU-Plakate ins Auge gefallen. „Das rote CDU-Logo auf hellem Hintergrund ist einem weißen gewichen, das nun auch auf Bildmotiven versteckt sein darf“, so Fecht. „Und großzügige blaue Flächen ersetzen früheres Schwarz-Rot-Gold und Orange. Vielleicht soll das neue Blau sachlicher und kompetenter wirken. Da man jetzt auf Rot verzichtet, ist eine Verwechslungsgefahr mit der AfD ausgeschlossen.“

Grüne: Punkten mit Inhalten und Personen

Die Grünen stellen mal Personen, mal Botschaften in den Vordergrund. Foto: Ortgies
Die Grünen stellen mal Personen, mal Botschaften in den Vordergrund. Foto: Ortgies
Die Grünen gönnen sich einen Plakat-Mix aus Inhalten und Kandidaten. Die Themen sieht Probst mit Landwirtschaft und erneuerbaren Energien für Niedersachsen richtig gesetzt. „Das ist umso wichtiger, als dass die Grünen derzeit in den Umfragen im Sog der Bundespolitik absacken“, sagt er.

Udo Fecht sieht in der Trennung von Kandidatinnen- und Themenplakaten den passenden Weg. „Die konkreten Themen sind mit entsprechenden Symbolbildern illustriert, die Kandidatin Julia Wille Hamburg wird dafür nur mit einer übergeordneten Botschaft flankiert. Das holt die Wähler über den Inhalt und die Person gleichermaßen ab.

FDP: Wow, diese Farben!

Die FDP-Kandidaten verschmelzen mit den Parteifarben. Foto: Ortgies
Die FDP-Kandidaten verschmelzen mit den Parteifarben. Foto: Ortgies
Die FDP kombiniert Kandidat und Inhalt auf einem Plakat, wobei sie das jeweilige Konterfei aber in psychedelischer Optik komplett in den Parteifarben abbildet. „Mit der Kombination der beiden Ebenen Botschaft und Kandidat erreicht die FDP ihre Wähler gut“, glaubt Fecht. Die Farbgebung findet er allerdings eher unglücklich. „Will oder muss Stefan Birkner seine Parteitreue unterstreichen, wenn sein Konterfei gelb eingefärbt und er kaum noch zu erkennen ist?“, fragt sich Fecht.

Für Probst passt der Verfremdungseffekt durchaus zu den Botschaften wie „Ideologie heizt nicht“ oder „Holen wir die Zukunft aus dem Funkloch“. Allerdings findet er das Thema Digitalisierung nicht glücklich gewählt. „Das ist momentan das einzige Thema, bei dem die Regierung gut abschneidet und somit am wenigsten angreifbar ist“, sagt Probst. „Das geht an der Stimmungslage der Wähler vorbei. Eine Partei, die gerade um die Fünf-Prozent-Hürde herumschleicht, kommt so nicht in die Offensive.“

Linke: Klischees und der Griff in die Schüssel

Die Linke greift in die Klischee-Kiste. Foto: Ortgies
Die Linke greift in die Klischee-Kiste. Foto: Ortgies
Die Linke verzichtet ganz auf Kandidaten und setzt auf Botschaften. Die sind dafür umso plakativer gesetzt. Neben der plumpen rhetorischen Frage „Warum regiert Geld die Welt?“ fallen dort vor allem Inhalte in Kaka-Sprache auf, etwa „Die scheiß Mieten sind zu hoch“ oder „Beschissener als die Schulklos ist nur die Bildungspolitik“.

Für Probst ist die Kampagne der Linken nicht überraschend. „Das billige Klischee ‚Geld regiert die Welt‘ knüpft direkt an frühere Wahlkämpfe an“, so Probst. „Und es sagt nichts darüber aus, was die Linke will: Höhere Steuern? Enteignungen?“ Die Fäkalsprache hingegen ist in dieser Form auch für ihn neu. „Vielleicht findet sie damit ein paar Wähler am Rand. Dass man in der Mitte der Gesellschaft in diesem Duktus Wähler anspricht, bezweifle ich.“ So sieht es auch Fecht. „Die Botschaften der Linken holen allenfalls ein paar Verdrossene ab“, sagt er.

AfD: Siegeszug der Verdrossenen

Die AfD bedient gezielt frustrierte Wähler. Foto: Ortgies
Die AfD bedient gezielt frustrierte Wähler. Foto: Ortgies
Die AfD verzichtet ebenfalls auf Gesichter und steigert sich bei ihren Botschaften noch weiter ins Klischee als die Linke. Hier geht es um „Schulen, die Ideologie lehren“, und darum, dass sich unter den etablierten Parteien „nichts ändert“. Konkrete Themen bleiben außen vor. „Das dürfte reichen, um ein paar Verdrossene am rechten Rand abzuholen“, sagt Fecht.

„Aus der Sicht der AfD ist diese Kampagne logisch und konsequent“, schätzt Probst. „Viele Wähler sind momentan enttäuscht und das gibt der Partei jetzt wieder Auftrieb, obwohl sie in Niedersachsen eigentlich schon am Boden lag.“

Fazit: Das Plakat ist nur ein Baustein

Dr. Udo Fecht. Foto: privat
Dr. Udo Fecht. Foto: privat
Handwerklich sind die meisten Plakate sauber gearbeitet, findet Fecht. „Aber das Lächeln vom Plakat und der Auftritt bei der Podiumsdiskussion reicht für Kandidaten heute nicht“, fügt er hinzu. „Präsenz ist auch im Alltag gefragt. Unter die Leute gehen und sich den Wählern anbieten. Dazu die sozialen Medien bedienen, so oft es geht – regelmäßig vor und auch nach der Wahl. Nur so entwickelt sich das politische Profil eines Kandidaten, dem der Wähler vertraut.“

Prof. Dr. Lothar Probst. Foto: Uni Bremen
Prof. Dr. Lothar Probst. Foto: Uni Bremen
Aus Probsts Sicht fährt die SPD derzeit die passendste und effektivste Kampagne. „In den Umfragen ist die Partei stabil vorn“, erklärt er. „Die CDU ist in Reichweite, wird aber keine Führungspartei werden.“ Entscheidend wird nach Ansicht des Politologen sein, ob die Grünen ihren momentanen Sinkflug noch abfangen können. „Wenn die Grünen auf 15 Prozent kommen, ist das noch verhältnismäßig viel, aber die Partei kann damit nicht zufrieden sein, zumal es dann für eine rot-grüne Koalition nicht mehr reichen könnte“, so Probst. „Ob dann nach den Erfahrungen im Bund eine Ampel zustande kommt, ist fraglich. Eine Jamaika-Koalition kann man sicherlich ausschließen, da die Grünen in Niedersachsen bei Weitem nicht so bürgerlich ausgerichtet sind wie etwa in Schleswig-Holstein oder Baden-Württemberg.“

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