Serie „Blick ins alte Emden“  Emder „Chinesentempel“ soll ein Kulturtempel bleiben

Heiko Müller
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Von Heiko Müller
| 01.10.2022 08:57 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Klein, aber markant: Der historische „Chinesentempel“ an der Boltentorbrücke ist aus dem Stadtbild kaum wegzudenken. Foto: H. Müller
Klein, aber markant: Der historische „Chinesentempel“ an der Boltentorbrücke ist aus dem Stadtbild kaum wegzudenken. Foto: H. Müller
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Das Landesmuseum soll künftig den Rundbau an der Boltentorbrücke in Emden nutzen. Das Gebäude entstand 1929 und bekam vor 41 Jahren wieder eine Turmspitze.

Emden - Ein markantes und altes Emder Gebäude rückt wieder in den Blickpunkt der Öffentlichkeit: Die Stadt will dem sogenannten Chinesentempel neues Leben einhauchen. Das Ostfriesische Landesmuseum soll den Rundbau aus der Zeit des Emder Klinker-Expressionismus vom kommenden Jahr an nutzen. Wie die Stadt als Eigentümerin vor einigen Tagen bestätigte, soll das Gebäude Teil der Kunstpromenade werden, die zwischen dem Hauptbahnhof und der Kunsthalle geplant ist.

Was und warum

Darum geht es: um die Geschichte des „Chinesentempels“ und des Kiosks am Wall

Vor allem interessant für: alle, die sich für Baugeschichte und markante Gebäude in Emden interessieren

Deshalb berichten wir: Der bisherige Pächter beider Gebäude ist ausgezogen. Die Stadt hat neue Pläne. Wir haben deshalb einmal im Archiv gestöbert.

Den Autor erreichen Sie unter: h.mueller@zgo.de

Das Kleinod ist für viele Emderinnen und Emder aus dem Stadtbild kaum noch wegzudenken. Der „Chinesentempel“ wurde 1929 nach den Plänen des städtischen Architekten Walter Luckau gebaut. Er diente jahrzehntelang als Kiosk. Im Untergeschoss befanden sich früher öffentliche Toiletten.

Die Turmspitze fehlte einige Jahrzehnte lang

Während des Zweiten Weltkrieges blieb der Rundbau zwar erhalten, bei Bombenangriffen auf Emden wurde aber das Dach mit der Turmspitze abgerissen. Die Stadt deckte das Gebäude zunächst mit Dachpappe ein. In diesem Zustand blieb es einige Jahrzehnte lang.

Dieses Bild entstand noch während des Zweiten Weltkrieges. Damals fehlte die Turmspitze schon. Foto: Sammlung Dietrich Janßen
Dieses Bild entstand noch während des Zweiten Weltkrieges. Damals fehlte die Turmspitze schon. Foto: Sammlung Dietrich Janßen

Nach mehrfachen Sanierungen des Daches entschlossen sich die Verantwortlichen 1981 dazu, den Bau wieder so herzurichten, wie er vor dem Krieg ausgesehen hatte. Die Original-Entwürfe waren noch vorhanden, so dass der Nachbau problemlos vollzogen werden konnte. 130.000 Deutsche Mark stellte die Stadt damals dafür bereit. In dieser Summe waren auch Sicherungsarbeiten an den Fundamenten enthalten.

Kupfer entfaltete erst späte seine Wirkung

Nach längerer Planungs- und einer etwa vierwöchigen Bauzeit wurde die neue und etwa 3,5 Tonnen schwere Turmspitze am 22. August 1981 mit Hilfe eines Autokrans auf das Dach des Pavillons gehoben. Die Arbeiten vor Ort dauerten danach noch einige Wochen.

Die neun Meter hohe und mit Kupferblech verkleidete Spitze trägt eine mit Blattgold bedeckte Kugel, die einen Durchmesser von 50 Zentimeter hat. Auch der Kranz des Turms wurde mit Kupferblech beschlagen, das erst nach dem Ansatz von Grünspan seine volle Wirkung entfaltete.

Ursprünglich hieß das Gebäude „Mützelburg“

Ursprünglich hatte der Volksmund dem Rundbau den Namen „Mützelburg“ verpasst - in Anlehnung an den Oberbürgermeister Wilhelm Mützelburg, der von 1913 bis 1933 das Amt bekleidete . Die Bezeichnung „Chinesentempel“ setzte sich erst später durch.

Der Einzug des Landesmuseums im kommenden Jahr wird möglich, weil der stadtbekannte Schmuckkünstler Jörn P. Haut den Pachtvertrag mit der Stadt jüngst kündigte. Er hatte das Gebäude in den vergangenen 17 Jahren als Galerie und Werkstatt genutzt. Das kam auf Vermittlung von Kunsthallen-Stifterin Eske Nannen zustanden. Die Kunsthalle ist nur einen Steinwurf entfernt vom „Chinesentempel“.

Schmuckkünstler zog überraschend aus

Haut, der gelernter Silber- und Goldschmied ist und dessen kreativer Schmuck Abnehmer in aller Welt findet, zog in diesem Monat überraschend aus. Er hinterließ nur einen kurzen Gruß an der Tür und den Fensterläden. „Tschüß und Danke für 17 Jahre im CHNTMPL“ steht darauf. Der 80-Jährige stammt aus Emden. Bislang pendelte er zwischen seiner Geburtsstadt und seiner Wahlheimat bei Freiburg im Breisgrau, wo seine Frau lebt und als Malerin wirkt.

Der Künstler Jörn P. Haut ist auch für ungewöhnliche Aktionen bekannt. Hier wirft er Federn vor dem Eingang des "Chinesentempels". Foto: Ortgies/Archiv
Der Künstler Jörn P. Haut ist auch für ungewöhnliche Aktionen bekannt. Hier wirft er Federn vor dem Eingang des "Chinesentempels". Foto: Ortgies/Archiv

Haut hatte auch den Kiosk am Wall von der Stadt gepachtet, der jetzt ebenfalls leer steht. Das Gebäude am Wallaufgang der Nordertorstraße entstand etwa zur gleichen Zeit wie der „Chinesentempel“ und weist typische Merkmale des sogenannten Klinker-Expressionismus a

Mit diesem Gruß verabschiedete sich der Künstler Jörn P. Haus aus dem "Chinesentempel". Foto: H. Müller
Mit diesem Gruß verabschiedete sich der Künstler Jörn P. Haus aus dem "Chinesentempel". Foto: H. Müller
uf.

Auch historischer Kiosk am Wall steht leer

Bis in die 1990er Jahre befanden sich im hinteren Teils des Kiosks ebenfalls öffentliche Toiletten. Wie dieses Gebäude am Wallaufgang künftig genutzt werden soll, ist gegenwärtig noch offen. Die Stadt erwägt nach eigenen Angaben, einen Ideenwettbewerb dafür auszuschreiben.

Sowohl der „Chinesentempel“ als auch der Kiosk am Wall fallen in die Ära des damaligen Stadtbaurats Reinhold Haasis, der das Gesicht der Stadt maßgeblich prägte. „Klinkerakrobatik“ nannte der Volksmund das, was den Gebäuden aus seiner Zeit charakteristische Züge gibt: klare Linien, schlichte Ornamente und dunkle Klinker. Die Handschrift von Haasis tragen unter anderem heute noch das ehemalige Apollo-Theater, das AOK-Gebäude, das Finanzamt, die Oberschule Herrentor, das Gebäude der Sparkasse Aurich-Norden und das Eichamt.

Den Kiosk am Wall hatte von 1979 bis 2010 Bernd Weiser betrieben, der als Emder Original und als „Edelfan“ von Kickers Emden galt. Er machte die kleine Verkaufsstelle zu einer Institution. Weiser starb im August 2019.

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