„Umweltsanis“ in Südbrookmerland  Müllsammler fühlen sich ausgebremst

Jens Schönig
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Von Jens Schönig
| 30.09.2022 15:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Anja und Wilfried Duin sammeln fast täglich wilden Müll ein. Foto: Schönig
Anja und Wilfried Duin sammeln fast täglich wilden Müll ein. Foto: Schönig
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Wilfried und Anja Duin aus Südbrookmerland sammeln regelmäßig freiwillig Müll im öffentlichen Raum. Bisher hat sie die Gemeinde dabei unterstützt. Das könnte sich bald ändern.

Südbrookmerland - „Müllsammeln ist für uns eine Herzensangelegenheit“, sagt Wilfried Duin (54). „Wenn etwas in der Natur herumliegt, können wir da einfach nicht dran vorbeigehen.“ Nach Möglichkeit sind er und seine Frau Anja (55) jeden Tag in dieser Mission unterwegs. „Wir machen täglich 10.000 Schritte, und wenn wir dabei Müll herumliegen sehen, nehmen wir ihn mit“, sagt Wilfried Duin.

Was und warum

Darum geht es: Anja und Wilfried Duin befürchten, dass ihre privaten Müllsammelaktionen von Gemeinde und MKW nicht mehr unterstützt werden.

Vor allem interessant für: alle, die sich gern in einer unvermüllten Landschaft bewegen.

Deshalb berichten wir: Durch die Berichterstattung über eine andere Müllsammlerin wurden wir auf Anja und Wilfried Duin aufmerksam.

Den Autor erreichen Sie unter: j.schoenig@zgo.de

Bislang hatten die Duins, die als „Umweltsani“ auch im Internet aktiv sind, eine Vereinbarung mit der Gemeinde Südbrookmerland. Die Gemeinde stellt den Sammlern die Müllsäcke zur Verfügung und wenn sie 40 Säcke voll haben, können sie diese ohne eigene Kosten beim Entsorger MKW abgeben. „Jetzt hat uns die Gemeinde aber mitgeteilt, dass wir nur noch eine Anlieferung frei haben“, sagt Duin. „Und statt der üblichen Rolle Müllsäcke haben wir zuletzt nur noch fünf bekommen. Von der Gemeinde hieß es nur, man würde gerne weitermachen wie bisher, dürfe aber nicht.“

Reste von Sauforgien und mehr

Bei jedem Wetter sind die Duins zum Sammeln unterwegs. An einem nasskalten Nachmittag haben sie sich zum Postdrift zwischen Aurich und Moordorf aufgemacht. „Das ist ein idyllischer Ort mit einem Wäldchen und einem kleinen See, ideal für einen Spaziergang mit der Familie“, sagt Wilfried Duin. „Leider findet man hier aber auch ziemlich oft Abfälle, vor allem Verpackungen von Fast Food, Flaschen und Dosen. Offensichtlich wird hier abends auch gerne mal wild gefeiert. Und noch ganz andere Sachen gemacht“, fügt er hinzu und zeigt auf einen Damenschlüpfer, der am Zweig einer Birke hängt.

Junge Wilde und ihre Sauforgien sind aber offenbar nicht das einzige Problem. Ganze Säcke holen Anja und Wilfried Duin manchmal aus den Gräben neben dem Weg. Abgelegt von hirnlosen Mitbürgern. „Die wollen den Müll wohl nicht zu Hause haben oder meinen, sie sparen damit ganz geschickt Müllgebühren“, sagt Wilfried Duin.

Müllsortierung in Heimarbeit

Ihre Fahrräder haben die Duins ganz aufs Müllsammeln eingerichtet. Am Lenker und auf dem Gepäckträger sind Körbe befestigt, in denen der Müll gesammelt wird. In einer Halterung am Lenker steckt ein Greifgerät. „Damit kann ich sogar während der Fahrt noch etwas aufsammeln“, sagt Wilfried Duin. Den gesammelten Müll sortiert das Paar zu Hause nach Vorgabe des Landkreises Aurich. „Die wiederverwertbaren Abfälle kommen in unsere Tonnen beziehungsweise zum Altglas und Altpapier“, erklärt Duin. „Was in den Säcken für MKW landet, ist wirklich nur noch nicht recycelbarer Restmüll.“

Auf den Routen der Duins liegt oft mehr Müll herum, als sie auf ihren Fahrrädern transportieren können. „Einmal haben wir einen Sack voll alter Videokassetten gefunden“, erzählt Wilfried Duin. „Das war eine echte Belastungsprobe fürs Fahrrad. Und alles, was zu groß oder zu schwer zum Mitnehmen ist, melde ich über die Abfall-App direkt an MKW.“

MKW sieht Missbrauchsgefahr

Joachim Betten, Ordnungsamtsleiter der Gemeinde Südbrookmerland, erklärt den Hintergrund der Zusammenarbeit mit den Duins. „Nachdem wir coronabedingt unsere Aktion Frühjahrsputz in den vergangene zwei Jahren nicht durchführen konnten, haben wir versucht, freiwillige Sammler auf dem kleinen Dienstweg zu unterstützen. Von unserer Seite ist es auch ganz einfach, die Müllbeutel zum Sammeln auszugeben.“ Probleme, vermutet Betten, könnte es aber vielleicht bei MKW geben. „Ich kann natürlich nicht für MKW sprechen, aber ich könnte mir vorstellen, dass man dort nicht zu viele Privatpersonen animieren will, einzelne Säcke abzugeben, weil das dort auf Dauer vielleicht die Arbeitsabläufe stört.“

Für MKW-Sprecher Yves Knoblich ist das Problem ein anderes: „Grundsätzlich sind wir natürlich daran interessiert, dass möglichst viel wilder Müll gesammelt wird“, sagt er. „Im Rahmen von größeren Sammelaktionen ist für uns auch nachvollziehbar, dass es wilder Müll aus dem öffentlichen Raum ist.“ Bei Anlieferungen von Einzelpersonen ist laut Knoblich aber das Missbrauchspotenzial höher. „Man kann dann nicht immer nachvollziehen, ob nicht jemand seinen Hausmüll auf diese Weise loswerden will“, sagt er. „Wir hatten schon bei der letzten großen Aktion so einen Fall. In dem Container, den wir zur Verfügung gestellt hatten, haben wir anschließend Abfälle gefunden, die so nicht in der Landschaft herumgelegen haben können.“

Mitunter finden die Müllsammler auch Verpackungen ganz anderer Art. Foto: Schönig
Mitunter finden die Müllsammler auch Verpackungen ganz anderer Art. Foto: Schönig

Notfalls weiter auf eigene Faust

Knoblich will die privaten Sammler ausdrücklich nicht unter Generalverdacht stellen. „Wir kennen ja auch die Sammler, die häufig kommen, und arbeiten mit denen vertrauensvoll zusammen“, sagt er. „Aber wir haben eben gemerkt, dass wir unsere Regeln für Landschaftsreinigungen nachjustieren müssen, um Missbrauch einzudämmen.“

Notfalls wollen die Duins auf eigene Kosten weitersammeln. „Einen kleinen Teil können wir vielleicht auffangen durch das Pfand, was wir finden“, sagt Duin. „Aber ein bisschen öffentliche Unterstützung wäre schon gut. Immerhin machen wir hier unentgeltlich die Arbeit der Bauhöfe mit. Und so löblich und wichtig die ganzen öffentlichen Müllsammelaktionen von Kommunen und Vereinen sind: Man sieht ja, dass die bei Weitem nicht ausreichen.“

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