Existenzängste einer Branche  Handwerk im Landkreis Leer schreit um Hilfe

Tobias Rümmele
|
Von Tobias Rümmele
| 29.09.2022 19:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Immer weniger junge Menschen in Ostfriesland wollen Fleischer werden. Fleischermeister Markus Leggedör sieht das Handwerk in Gefahr. Foto: Archiv
Immer weniger junge Menschen in Ostfriesland wollen Fleischer werden. Fleischermeister Markus Leggedör sieht das Handwerk in Gefahr. Foto: Archiv
Artikel teilen:

Vor einem Ausschuss des Kreistags zeichneten die Chefs der Leeraner Kreishandwerkerschaft ein düsteres Bild. Ihre Warnung: Das Lebensmittelhandwerk in der Region stirbt aus.

Landkreis Leer - Es steht nicht gut um das Handwerk im Landkreis Leer. Die Branche ist geplagt von extremen Nachwuchssorgen. In der jüngsten Sitzung des Ausschusses für Wirtschaft, Handwerk, Tourismus und Digitalisierung des Leeraner Kreistages sollten deshalb Kreishandwerksmeister Heiner Heijen und sein Stellvertreter Markus Leggedör Gehör finden. Die beiden nutzten ihren Auftritt vor dem Ausschuss für einen dramatischen Hilferuf.

Was und warum

Darum geht es: Das Handwerk im Landkreis ist in akuter Gefahr.

Vor allem interessant für: Handwerkerinnen, Handwerker, Schülerinnen und Schüler.

Deshalb berichten wir: Vor dem Ausschuss für Wirtschaft, Handwerk, Tourismus und Digitalisierung des Leeraner Kreistags klagten Handwerksvertreter ihr Leid.

Den Autor erreichen Sie unter: t.ruemmele@zgo.de

„Das Lebensmittelhandwerk im Landkreis Leer stirbt aus“, prognostizierte Fleischermeister Leggedör. Lange sei er Optimist gewesen, doch die Realität sei nicht zu leugnen. Als er Obermeister der Leeraner Fleischerinnung wurde, habe es 22 Betriebe im Landkreis gegeben. Heute seien es nur noch acht. Und auch von diesen Verbliebenen stünden manche mittelfristig vor dem Aus.

Handwerk kann gegen Industrie kaum bestehen

Das große Dilemma: Es fehlt an Nachwuchs. In ganz Ostfriesland habe in diesem Jahr nur ein einziger Fleischer seine Gesellenprüfung absolviert. „Beim Bäcker sieht es nicht viel besser aus“, sagte Leggedör. „Diese Gewerke sterben aus.“ Höhere Löhne seien für die Betriebe indes kaum drin. „Ich konkurriere mit Industrieunternehmen wie Tönnies. Ich kann meinen Mitarbeitern nur bezahlen, was der Kunde bereit ist zu zahlen“, erklärte der Fleischermeister. „Herr Tönnies hat Millionen-Förderungen erhalten. Wäre dieses Geld ins Handwerk gegangen, stünden wir vielleicht anders da.“

Auch Friseurmeister Heijen vermochte es nicht, Optimismus unter den Kreistagsmitgliedern zu entfachen. Damit es im Handwerk vorangehe, müsse man junge Menschen und ihre Eltern erreichen. Gerade in den weiterführenden Schulen, deren Träger der Landkreis ist, könne dies gelingen. „Wir müssen Eltern zeigen, dass man auch im Handwerk etwas erreichen kann“, so Heijen.

Arbeitsmarkt hat sich völlig gewandelt

Die Nachwuchssorgen des Handwerks sind auch die Folge eines jahrzehntelangen Prozesses: Immer mehr junge Menschen legen ihr Abitur ab und besuchen anschließend eine Hochschule, statt eine Berufsausbildung zu absolvieren. Im Jahr 1992 begannen laut Statistik der Bundesregierung fast doppelt so viele Jugendliche eine berufliche Ausbildung als ein Hochschulstudium. 2016 gab es erstmals mehr Studienanfänger, als Menschen, die eine Berufsausbildung starteten.

Landrat Matthias Groote (SPD) sagte den beiden Vertretern der Kreishandwerkerschaft seine Unterstützung zu. „Bäcker und Fleischer gehören in die Dörfer“, betonte er. Auch für die Aufgabe der Energiewende brauche es ein starkes Handwerk. „In Berlin und Hannover kann man die schönsten Sachen beschließen, wenn wir hier in Ostfriesland keine Solaranlagen auf die Dächer bekommen“, so Groote. „Überall fehlen die Leute.“

Daniela Ringenaldus, Geschäftsführerin der Agentur für Arbeit Emden-Leer, gab Groote recht. „Es ist ein Problem aller Branchen – nicht nur des Handwerks“, sagte sie. Der Arbeitsmarkt habe sich in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten drastisch verschoben. Während vor 15 Jahren Massenarbeitslosigkeit ein Problem darstellte und Firmen aus vielen Bewerbern den passenden aussuchen konnten, sei es heute andersherum. Die Arbeitnehmer dominierten den Arbeitsmarkt und könnten zunehmend ihren Arbeitgeber selbst wählen. Um künftig überhaupt den Bedarf an Fachkräften gerecht zu werden, brauche es Weiterbildungsmaßnahmen und die Einwanderung von Fachkräften aus dem Ausland.

Ähnliche Artikel