Warschau „Thank you USA“: Polnischer Politiker wirft Amerika Pipeline-Sabotage vor
Nach den Lecks in den Nordsee-Pipelines Nord Stream 1 und 2 hat ein polnischer EU-Politiker die USA dafür verantwortlich gemacht. Reaktionen aus Polen, Dänemark und Schweden zu den Gas-Lecks.
“Vielleicht ist das eine hybride Kriegsführung Russlands gegen die NATO“ so kommentiert der polnische Außenminister Zbigniew Rau die Lecks in den Erdölleitungen Nordstream 1 und 2 auf dem Ostseegrund.
Sein Ministerium hat darum von jeder Fahrt polnischer Staatsbürger nach Russland abgeraten, auch bei Familienangelegenheiten und Geschäftsreisen.
Das NATO- und EU-Mitglied Polen wirkt neben Litauen als einer der wichtigsten Anwälte der Ukraine und war stets ein Gegner der Nord-Stream-Leitungen, welche russisches Gas an die deutsche Ostseeküste führen. Am Dienstag wurde darum die „Baltic Pipe“ feierlich eröffnet, die ab Oktober norwegisches und dänisches Gas nach Polen liefert.
Befürchtungen werden nun laut, dass die neue Pipeline auch Opfer einer Sabotage werden könnte, der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell geht im Falle der Nordstream-Leitungen von einer „vorsätzlichen Handlung“ aus.
Sehen Sie in der Grafik, wo genau die Lecks in den Pipelines sind:
Für Kontroversen sorgt die Twitter-Meldung von Radek Sikorski, dem derzeitigen Europaparlamentarier und ehemaligen Verteidigungs- und Außenminister Polens. Sikorski kommentierte ein Foto von aufsteigendem Gas in der Ostsee mit dem Spruch „Thank you USA“, eine These, dass die USA ein möglicher Täter sei. Sikorski ist seit langem ein Gegner der Nordstreamleitungen und gehört der polnischen Oppositionspartei „Bürgerplattform“ (PO) an.
Seine Aussage wurde sofort von der Sprecherin des russischen Auswärtigen Amtes Maria Zakharova sowie von den russischen Medien aufgegriffen. In einigen russischen Medien wird auf Polen als möglicher Urheber des Anschlags verwiesen.
Die drei Löcher, die in internationalen Gewässern, aber in den Wirtschaftszonen Dänemarks und Schwedens nahe der dänischen Insel Bornholm in den Pipelines gerissen wurden, haben auch in den beiden Ländern zu Krisensitzungen geführt.
Zu Schuldzuweisung ließ sich Dänemarks Regierungschefin Mette Frederiksen noch vorsichtig. „Wir betrachten dies mit äußerster Ernsthaftigkeit. Die Situation ist so ernst wie es nur geht. Aber ich werde keine Vermutungen darüber anstellen, wer dahintersteckt“ so die Sozialdmokratin auf einer Konferenz am Mittwoch.
Nach Angaben ihres Verteidigungsministers Morten Bödskov würde es noch 14 Tage dauern, bis die Lecks auf 80 Metern Tiefe untersucht werden könnten.
Obwohl das NATO-Mitglied Dänemark als einer der engsten Partner der USA gilt, erklärte Bödskov, dass er im Gegensatz zu Deutschland keine Warnung des US-Geheimdienstes CIA bezüglich eines Anschlags erhalten habe. Wie Deutschland hat die dänische Marine Schiffe in Richtung der Gaslecks geschickt, Schweden überlegt sich einen solchen Schritt noch.
Die Behörden und Ministerien Schwedens und Dänemarks befinden sich engem Austausch. Auch die scheidende schwedische Regierungschefin Magdalena Andersson geht von Sabotage aus. Der Sicherheitspolitische Rat Schwedens tagte dazu am Mittwoch, der Inlandsgeheimdienst Säpo wird von schwedischer Seite die Beschädigung untersuchen.
Schwedens Militär ist aufgrund der Lecks in einer „Bereitschaftsanpassung“, wie Verteidigungsminister Peter Hultqvist erklärte. Eine Anfrage von schwedischen Medienvertretern zu einer möglichen Warnung Schwedens durch die CIA wollte er nicht antworten.
Die Regierungen beider skandinavischer Länder sehen die Lecks jedoch nicht als Angriff auf ihr Land, da die Explosionen in internationalen Gewässern stattfanden.
Experten rechnen mit massiven Schäden für das Ökosystem Ostsee und den Fischbestand.