Osnabrück  Jürgen Habermas und seine Kritik an digitalen Medien

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 27.09.2022 16:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Theoretiker der Demokratie und Kritiker des Internets: Der Philosoph Jürgen Habermas Foto: dpa
Theoretiker der Demokratie und Kritiker des Internets: Der Philosoph Jürgen Habermas Foto: dpa
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Er entdeckte einst die für die Demokratie prägende Kraft der Öffentlichkeit. Jetzt greift der Philosoph Jürgen Habermas das Thema noch einmal auf – und geht mit digitalen Medien hart ins Gericht.

In der Öffentlichkeit finden Bürger zu sich, verhandeln Themen, die sie als relevant erkannt haben, lassen im Streit der Meinungen dem besseren Argument den Vortritt: Das ist die Kürzestfassung de politischen Programms, das der Sozialforscher und Philosoph Jürgen Habermas in Büchern wie „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (1962) und „Theorie des kommunikativen Handelns“ (1981) zu einer beeindruckenden Theorielandschaft und, viel wichtiger, zum ideellen Programm der politischen Kultur der Bundesrepublik ausformuliert hat. Aber gilt noch der zwanglose Zwang des besseren Arguments? Unter dem Druck populistischer Radikalisierung der Politik scheint die von Habermas postulierte Vernunftkultur der westlichen Demokratien zu zerbrechen. Der Altmeister ihrer Programmatik macht sich jedenfalls Sorgen.

Jetzt schreibt er mit „Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und deliberative Politik“ seinen Klassiker fort – genau 60 Jahre nach dessen Erscheinen und mindestens eine mediale Revolution später. Habermas schaut aus der lichten Höhe der großen Theorie abgeklärt auf das Gewusel des Tagesgeschehens. Dennoch klingt er beunruhigt. Seine Diagnose: Demokratien geraten in die Krise, wenn Bürger nicht mehr partizipieren, weil sie sich abgehängt fühlen. Woran liegt das? Für Habermas hat der globalisierte Kapitalismus viele Menschen auch in den westlichen Demokratien nicht nur ärmer gemacht, sondern ihnen zugleich auch das Gefühl genommen, mit ihrer Stimme einen Einfluss auf die Politik haben zu können. Eine fatale Entwicklung.

Die eigentliche Rechnung aber macht er den digitalen Medien auf. „Ein demokratisches System nimmt im Ganzen Schaden, wenn die Infrastruktur der Öffentlichkeit die Aufmerksamkeit der Bürger nicht mehr auf die relevanten und entscheidungsbedürftigen Themen lenken“ kann, heißt es. Im Klartext: Digitale Medien fragmentieren die Öffentlichkeit. Wo Argumente allgemein ausgetauscht werden müssten, werden in geschlossenen Echoräumen des Digitalen die immer gleichen Vorurteile verstärkt. Mit dem Internet verband sich einst das Versprechen auf weltweite Teilhabe und dessen emanzipative Kraft. Habermas sieht diese Hoffnung enttäuscht.

Dabei ist der Philosoph kein Medienromantiker, der das Gestern zurückhaben möchte. Habermas stellt jedoch einen Qualitätsanspruch. Nur „qualitativ gefilterte Meinungen“ tragen zu einer Öffentlichkeit bei, die politische Willensbildung voranbringt. Genau das leisten digitale Medien seiner Ansicht nach derzeit nicht. „Wie der Buchdruck alle zu potenziellen Lesern gemacht hatte, so macht die Digitalisierung heute alle zu potenziellen Autoren. Aber wie lange hat es gedauert, bis alle lesen gelernt hatten?“, weist Habermas darauf hin, dass es nicht ausreicht, ein Smartphone in die Hand zu nehmen, um dem digitalen Medium gerecht zu werden. Dieses Medium muss erst noch kulturell gelernt werden. Und das braucht Zeit.

In der Zwischenzeit nimmt die Demokratie Schaden, weil die digitale Medienwelt jene Qualitäten nicht entwickelt, die sie bräuchte, um einer demokratischen Öffentlichkeit wirklich weiterzuhelfen. Habermas kritisiert insbesondere traditionelle Medien, die sich unter dem Anpassungsdruck des Digitalen dessen „Verwertungslogik“ überantworten. „Daten- und Aufmerksamkeitsmanagement“ tritt nach Habermas an die Stelle „gezielter Recherche und genauer Interpretation“, Redaktionen verwandeln sich – von Orten der Debatte zu „Koordinationszentren für die Beschaffung, die Steuerung der Produktion wie der Distribution von Content“.

Jürgen Habermas sieht Öffentlichkeit in einem Verfall, der ihm noch umkehrbar erscheint. Auch wenn er es nicht ausdrücklich sagt – der Philosoph plädiert für eine Regulierung, der Märkte und des digitalen Medienraumes. Funktionierende Demokratien brauchen Debatte, aber eine mit qualitativen Beiträgen. Habermas spricht im Hinblick auf Medien und ihre Qualität gar von einem „verfassungsrechtlichen Gebot“, klagt Standards und Maßstäbe ein. Sein Ideal bleibt der vernünftige Diskurs. Aber dessen milde Temperatur passt meist nicht zur Hitze der digitalen Brennkammern.

Jürgen Habermas: Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und deliberative Politik. Suhrkamp Verlag. 108 Seiten. 18 Euro. Zur Verlagsinformation über das Buch geht es hier.

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