Kolumne „Artikel 1, GG“ In der Debatte läuft was schief
Mittwochs geht es hier um den Umgang mit unterschiedlichen Kulturen. Diesmal beschäftigt sich unsere Kolumnistin mit dem Tod der Iranerin Jina Amini und den Debatten ums Kopftuch.
Mit Vergleichen bin ich eigentlich sehr vorsichtig. Dafür braucht es komplexes Wissen und genaue Kenntnisse, sonst kann man sich schnell blamieren. Trotzdem wage ich heute einen Vergleich, weil es mir als erstes einfiel, nach dem ich beobachtet habe, wie in Deutschland die Reaktionen auf den Tod von Jina Amini im Iran ausfallen. Zwei Wochen sind seit dem schrecklichen Ereignis vergangen. Auch wenn nicht alle Details des Todes bekannt sind: Für den Grund ihrer Festnahme (die 22-Jährige trug ihr Kopftuch nicht ordnungsgemäß) und die darauffolgende Polizeigewalt gibt es Zeugen. Jina, so ihr kurdischer Name, widersetzte sich den Regeln des Mullah-Regimes, das ihren Namen in Mahsa änderte, und wollte ihr Haar so tragen, wie sie es will – nämlich offen. Dass Frauen im Iran, Afghanistan und in anderen Ländern (auch hier), wenn sie sich dem angeblichen islamischen Gebot nicht beugen, ihr Leben riskieren, darüber erfahren wir in den Medien immer wieder.
Zur Person
Canan Topçu (57) ist als Tochter türkischer Arbeitsmigranten in Hannover aufgewachsen. Nach der Ausbildung bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung wechselte die Journalistin zur Frankfurter Rundschau. Seit 2012 ist die Hanauerin freiberuflich als Autorin sowie als Referentin und Dozentin tätig.
Nun zum Vergleich, den ich im Zusammenhang mit dem gewaltsamen Tod der jungen Kurdin im Iran ziehe: Als im Mai 2020 der Afroamerikaner Georg Floyd von der Polizei ermordet wurde, gab es Proteste nicht nur in den USA, sondern auch sehr viele Demonstrationen und Solidaritätsbekundungen von sehr vielen Menschen auch bei uns. Der Tod des 46-Jährigen war Anlass, um auf Rassismus auch in Deutschland hinzuweisen.
Proteste diesen Ausmaßes fehlen nach der tödlichen Gewalt an Jina; zu hören sind Stimmen, die vor antimuslimischen Rassismus gegenüber Kopftuchträgerinnen warnen. Natürlich sollen Frauen ihr Haar verhüllen oder nicht verhüllen dürfen. Das Recht, Religion nach den Regeln zu praktizieren, ist ein hohes Gut. Wo bleibt aber die Freiwilligkeit, wenn Mädchen von klein auf mit einem Gebot erzogen werden, das vor 1500 Jahren entstand, um Frauen im öffentlichen Raum vor Männern zu schützen? Statt die Diskussion über diese Frage zu forcieren, engagieren sich etliche dafür, das Kopftuchtragen in Deutschland zu normalisieren. Es läuft etwas schief in den gesellschafts- und religionspolitischen Debatten.
Kontakt: kolumne@zgo.de
Andere Länder – dieselben alten Fehler
Verbannung ist nicht immer der richtige Weg