Betriebe im Kreis Leer Bäcker schließen tageweise – bei vielen sieht es schlimm aus
Bäcker Kaufmann in Weener macht montags dicht. Die Energiepreise zwingen ihn zu diesem Schritt. Bei vielen anderen sieht es nicht besser aus. Was geht jetzt schon verloren?
Rheiderland - Der große Ofen bleibt am Montag aus, der Laden bleibt zu, sagt Bäcker Andreas Kaufmann. An der Tür in Weener klebt ein Zettel, der verrät, warum das so ist: die hohen Energiepreise bringen ihn dazu. „Wir bitten um Ihr Verständnis“, steht da. Ein solcher Hinweis klebt auch am Tresen. Man möchte den Kundinnen und Kunden damit nicht vor den Kopf stoßen: „Aber es geht nicht anders“, sagt Kaufmann.
Was und warum
Darum geht es: Auf einem DIN-A4-Blatt verkündet Bäcker Andreas Kaufmann eine Nachricht, die es in der Geschichte des Ladens noch nie gegeben hat: Montags wird er nicht mehr öffnen, weil die Energiekosten es nicht zulassen. Nicht nur in seinem Betrieb herrscht Unsicherheit. Es fallen schon mehrere Angebote weg.
Vor allem interessant für: die, die gerne Brot essen, in dem handwerkliches Können steckt.
Deshalb berichten wir: Die Nachrichten aus den Backstuben sind düster. Die Autorin erreichen Sie unter: v.vogt@zgo.de
Er ist seit 1995 Meister, übernahm den Betrieb seines Vaters 1999. „Solch eine Situation hat es noch nie gegeben“, sagt er. „Das ist traurig“, schiebt er hinterher. Am Montag werde nicht gebacken, nur vorbereitet. „Es weiß keiner, wo es hingeht. Man hat Sorgen. Wir sparen Gas, wo wir nur können. Im Oktober kommt die Jahresabrechnung.“ Je nach dem, welche Kosten dort aufgestellt würden, entschiede sich, ob aus einer Montags-Schließung eine endgültige werden müsse, so Kaufmann. Er ist nicht der einzige Bäcker im Kreis Leer, der tageweise schließt.
Verantwortung als Vater von zwei Kindern
Kaufmann ist Vater von zwei Kindern. „Eines ist vor sieben Monaten erst auf die Welt gekommen. Ich muss auch an die beiden denken und kann hier nicht nur für die Gaskosten arbeiten“, sagt er. Auch wenn das Bäckerhandwerk seine absolute Leidenschaft ist: „Ich möchte den Kunden Qualität bieten, Handwerk. Aber zu einem Preis, den sie berappen können“, sagt Kaufmann. Neben den Gaspreisen stiegen auch die Preise für Zutaten wie Zucker enorm, denn auch dieser sei energetisch aufwendig in der Herstellung. „Die Leute hier können keine zwölf Euro für ein Brot bezahlen.“
Während der Corona-Pandemie seien die Bäcker als Hersteller von Lebensmitteln noch als systemrelevant bezeichnet worden, „jetzt gehen die Subventionen in die Landwirtschaft, aber Betriebe wie Bäcker oder Fleischer bekommen nichts.“
Anderen Bäckern geht es auch so
Nicht nur Kaufmann ist besorgt. Jasper Lübbers führt als Juniorchef die Backmanufaktur Bakker Lübbers UG in Möhlenwarf in dritter Generation. Beim Besuch der Bundestagsabgeordneten Gitta Connemann (CDU) warnten Britta und Thomas Lübbers: „Unser Sohn ist Bäcker aus Leidenschaft – wie wir. Gerne will er den Betrieb übernehmen und weiterentwickeln. Wenn jedoch nicht bald etwas passiert, kann man davon ausgehen, dass er nicht mehr die Möglichkeit dazu hat.“
Ein „bald“ gibt es für das neuste Projekt der Bäckerei Behmann schon nicht mehr. Hier steht fest, dass sich Gertha und Ralf Jünke von der Pacht und dem Betrieb der Paddel-und-Pedalstation in Remels und dem Ausbau eines Bäckerei-Cafes zurückziehen müssen. „Wir haben lange mit uns gerungen, aber es geht derzeit einfach nicht“, sagt Gertha Jünke. „Es ist zum Weinen“, sagt sie und so klingt ihre Stimme auch. Derzeit führt das Paar Behmann-Bäckerei-Filialen in Warsingsfehn, Neukamperfehn, Loga, Nortmoor Remels, Ockenhausen und das Haupthaus in Hollen. Die Energiepreise seien so hoch, dass alles Kopf stehe und es sehr düster aussehe, sagt Jünke.
Politik kennt die Probleme
Allein die Stromkosten seien horrend, wie es beim Gas aussehe, sei noch in der Schwebe. Ein Beispiel für die Entwicklung kann sie geben: „Im vergangenen Jahr hat unsere Produktion 3600 Euro Strom im Monat gekostet, letzten Monat waren es 12.000 Euro.“ Ende kommenden Jahres stehe die Rente an für ihren Mann. „Es sah so gut aus. Jetzt steuern wir auf düstere Zeiten zu. Und ich habe nicht das Gefühl, dass sich politisch etwas tut.“ Bei einer Kundgebung in Hannover Mitte September habe es Versprechen gegeben, ob daraus etwas werde, könne sie nicht sagen. „Nichts bewegt sich.“
Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) sagte bei eben dieser Kundgebung, Bäckereien seien „Teil unserer Kultur“. Ein Energiepreisdeckel müsse her, und übermäßige Gewinne unter Energieerzeugern sollten abgeschöpft werden. Daneben sei eine Reform des Gas- und Strommarkts unerlässlich. Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) bewertete die Situation ähnlich – sprach weitere Faktoren an. „Bei den bisherigen Entlastungspaketen des Bundes fallen Bäckereien, wie viele andere mittelständische Betriebe, weitgehend durch das Raster“, kritisierte er. Weil deutete an, nötigenfalls schon vor der anstehenden Landtagswahl über ergänzende Landeshilfen für Mittelständler zu sprechen. Aus dem CDU-geführten Finanzressort hieß es hingegen, dafür sei die Zeit zu knapp.
Am Sonntag drängte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) bei einem Parteitag auf eine Ausweitung des Rettungsschirms für kleine und mittlere Unternehmen, deren Existenz durch die Energiekrise gefährdet ist. Er wolle etwa eine Million kleine und mittlere Firmen wie etwa Bäcker unter den Rettungsschirm nehmen. Die zusätzlichen Kosten werden auf einen zweistelligen Milliardenbetrag geschätzt. Die Maßnahme diene auch dem Ziel, die Rezession „einzubremsen“, sagte der Minister.
Mit Material von dpa