„Shrinkflation“ im Supermarkt Weniger drin, Preis bleibt – wie Hersteller mit Packungen tricksen
Der Inhalt wird weniger, der Preis bleibt gleich oder steigt sogar: Dieses Phänomen im Supermarkt stößt immer mehr Kunden sauer auf. Zuletzt gab es Ärger über Margarinebecher.
Ostfriesland/Hamburg - Ob Kekse, Waschmittel oder Zigaretten: Wenn ein Hersteller mehr Geld für sein Produkt verlangt und das kaschieren will, gibt es einen billigen Trick. Statt den Preis zu erhöhen, wird die Menge in der Packung verringert. Da sind in der Gummibärchentüte dann plötzlich statt 200 Gramm nur noch 175 Gramm, in der Safttüte nur noch 0,75 statt einem Liter und in der Cremedose nur noch 75 statt 100 Milliliter Handcreme. Besonders dreist: In manchen Fällen bleiben die Verpackungen gleich groß, sodass der Käufer den Unterschied erst zu Hause beim Öffnen bemerkt.
Verstärkt aufgefallen sei Kunden diese Masche zuletzt bei Margarine, sagt Matthias Brahms. Er ist Inhaber des Verbrauchermarkts Multi Süd in Leer. Wenn der Inhalt des Margarinebechers von 500 auf 400 Gramm schrumpfe, sei das „wirklich ärgerlich“, nicht nur wegen der Preiserhöhung. Es sei auch unpraktisch, wenn man zum Beispiel beim Backen 250 Gramm Margarine brauche und dann nicht mehr wie gewohnt einen halben Becher verwenden könne. „Das sollten sich die Hersteller wirklich gut überlegen“, meint Brahms. Er habe es auch schon erlebt, dass solche Änderungen rückgängig gemacht wurden.
Mogelpackung des Jahres
Die Verbraucherzentrale Hamburg kürt regelmäßig die Mogelpackung des Monats sowie die Mogelpackung des Jahres. 2021 war das die Paprika-Sauce von Homann. Die Füllmenge wurde von 500 auf 400 Milliliter reduziert und gleichzeitig der Preis erhöht. Unterm Strich stand eine versteckte Preiserhöhung von bis zu 88 Prozent. 2020 errang das Frucht-Müsli von Seitenbacher den zweifelhaften Titel (750 statt 1000 Gramm bei steigendem Preis). Stiftung Warentest prangert regelmäßig Hersteller an, deren Verpackungen trotz der geringeren Menge nicht mitschrumpfen.
Durch die explosionsartig steigenden Kosten stehen Hersteller derzeit besonders unter Druck und geraten umso mehr in Versuchung zu tricksen. Verbraucher reagieren aus demselben Grund sensibler als früher. Bei der Verbraucherzentrale laufen derzeit vermehrt Beschwerden über Tricksereien mit den Packungsgrößen auf, heißt es aus Hamburg. Fachleute sprechen bereits von „Shrinkflation“ – einer Mischung aus dem englischen Wort für Schrumpfen (shrink) und Inflation.
Das rät die Verbraucherzentrale
Mareke Eilers leitet die Verbraucherberatungsstelle in Aurich. Sie rät Verbrauchern, sehr genau auf die Preisangaben an den Regalen zu achten. Dort muss jeweils der Grundpreis angegeben werden, also der Preis pro Kilogramm oder pro Liter, unabhängig von der Packungsgröße, sodass man gut vergleichen kann. Die Trickserei mit Preisen sei „bedauerlicherweise ein kontinuierliches Thema“, sagt Eilers. Beschwerden darüber gebe es seit Jahren. Wer halb leere Verpackungen in den Handel bringe, verschwende zudem Ressourcen, kritisiert die Beraterin.
Eine Gesetzesänderung hat den Herstellern bereits 2009 die Preistrickserei erleichtert. Bis dahin durften einige Lebensmittel nur in festgelegten Packungsgrößen und Füllmengen angeboten werden. So musste ein Stück Butter immer 250 Gramm wiegen oder eine Tafel Schokolade 100 Gramm. Das ist längst passé. Wenn jedoch die Tafel Schokolade nur noch 90 Gramm wiegt und genauso viel kostet, ist das ein Preiszuschlag um gut zehn Prozent.
Getrickst worden sei schon immer, sagt Jens Coordes. Der Inhaber des gleichnamigen E-Centers in Aurich ist seit mehr als 35 Jahren im Einzelhandel tätig. „Das war doch mal größer“: Diesen Satz habe er von Kunden schon als Auszubildender gehört. Momentan seien aber nicht Mogelpackungen, sondern Preiserhöhungen im Allgemeinen das beherrschende Thema. „Das ist Wahnsinn“, sagt der Kaufmann. Jede Woche müsse er derzeit bei 300 bis 600 Produkten die Preise erhöhen. „Im Moment ist das wirklich nicht schön.“