Hamburg  HSV-Vorstand Jonas Boldt im großen Interview: „Manchmal muss man seine Farben verteidigen“

Manfred Ertel
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Von Manfred Ertel
| 23.09.2022 11:53 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Jonas Boldt im Hamburger Volksparkstadion. Foto: Manfred Ertel
Jonas Boldt im Hamburger Volksparkstadion. Foto: Manfred Ertel
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Der Manager des Hamburger Traditionsclubs über persönlichen Erfolgsdruck, unerwartete Herausforderungen und den Verein als Identifikationsfigur.

Es läuft derzeit gut für ihn und seinen HSV, zumindest auf dem Platz. Entspannt und gelöst empfängt der Sportmanager Manfred Ertel zum Gespräch im Volksparkstadion und antwortet gelassen auf alle Fragen. Auch zu Querelen oder Ereignissen, die den Verein mal wieder ungewollt in die Schlagzeilen bringen. Seiner Lockerheit und guten Laune tun die keinen Abbruch.

Frage: Wie gut tut Ihnen eigentlich eine Länderspielpause wie dieses Wochenende so ganz ohne Punktspielverpflichtungen?

Antwort: Sehr gut. Ich klinke mich ein paar Tage aus und mache mich ganz frei vom Fußball. Ich habe in den letzten Jahren gelernt, so ein Zeitfenster zu nutzen, um mal abzuschalten. Am besten mit Wasser und Sonne. Wasser kann ich beeinflussen, Sonne nicht ganz (lacht).

Frage: Gibt es Momente, in denen auch Sie sich von der Dynamik des Fußballgeschäfts ein bisschen überrollt fühlen?

Antwort: Von der Dynamik nicht so, aber von gewissen Themen manchmal schon. Wenn zum Beispiel Dinge aufploppen, mit denen man am Tag zuvor gar nicht gerechnet hat, auch wenn ich im Fußball sehr stark vernetzt bin und normalerweise früh mitbekomme, wenn etwas neu angeschoben wird oder anbrennt. Aber ich kann verstehen, dass Fans sich manchmal überrollt fühlen, weil viele Entscheidungen nicht gut kommuniziert werden.

Frage: Vor wenigen Tagen wurde der gerade erst frisch gekürte Welttrainer des Jahres, Thomas Tuchel, beim FC Chelsea entlassen. Ist das Fußballfans noch zu vermitteln?

Antwort: Oberflächlich betrachtet kaum. Ich bin nicht in Details involviert und habe die Entwicklung auch nur am Rande mitbekommen. Ich vermute, das hatte in erster Linie wohl mit dem Besitzerwechsel zu tun und dass andere strategische Entscheidungen getroffen wurden. Ich bin dafür zu weit weg, war aber auch überrascht.

Frage: Wie stark empfinden Sie persönlich Erfolgs- und Leistungsdruck?

Antwort: Den größten Leistungs- und Erfolgsdruck mache ich mir selbst, weil ich ein sehr ehrgeiziger Mensch bin, Herausforderungen liebe und sie auch suche. Und die dann bestmöglich bewältigen möchte. Ich spüre natürlich, dass manches, was gestern noch gut war, heute wieder in Frage gestellt wird. Ob als Trainer oder sportlich Verantwortlicher. Aber ich versuche mich davon freizumachen und eine Strategie zu verfolgen, von der man nicht immer sofort abweichen sollte.

Frage: Wie geht das, wenn nach drei HSV-Siegen in Folge die halbe Stadt mindestens von Aufstieg spricht, nach drei Unentschieden aber die andere Hälfte nach einem Trainerwechsel schreit? 

Antwort: Das ist ganz normal in so einem emotionalen Umfeld wie beim Fußball. Ich kann mich davon ganz gut freimachen und versuche, die Herausforderungen und Probleme rationaler zu beurteilen und nicht zwei Minuten nach Spielschluss, wo man noch eine etwas größere emotionale Bindung spürt. Und wir sehen ja, dass auch in dieser Saison sehr, sehr viele Zuschauer ins Volksparkstadion kommen. Das heißt, die Identifikation mit dem HSV ist trotz eines weiteren Nicht-Aufstiegs unheimlich groß. Viele Menschen halten von der Mannschaft, dem Trainer und der Identifikation mit dem HSV, die sie auf den Platz bringen, sehr große Stücke. 

Frage: War Hamburg für Sie eine Entscheidung des Kopfes oder des Bauches?

Antwort: Ich bin in solchen Fragen in erster Linie sehr rational gestrickt. Aber der Bauch muss immer ein gutes Gefühl haben, sonst mache ich das nicht. Beim HSV kam die Anfrage sehr kurzfristig, und ich habe mich in sehr kurzer Zeit dafür entschieden. Vielleicht auch, weil ich mich unterschwellig immer wieder mit dem Blick in den Norden an die Elbe auseinandergesetzt habe.

Frage: War Ihnen damals klar, dass Sie sich vor allem als Krisenmanager bewähren müssten?

Antwort: (stöhnt) Da sind wir wieder bei der Dynamik des Fußballs: Dass Dinge passiert sind, mit denen ich nicht gerechnet habe und mit denen man sich dann als Krisenmanager auseinandersetzen muss. Ein Thema war sicherlich Bakery Jatta. Wir haben die Corona-Krise gehabt und Nicht-Aufstiege. Ich hatte schon gehofft, dass die Rückkehr in die Erste Liga schneller klappen würde. Aber so ist das eben im Sport: Man sollte immer einen Plan haben, hat aber sportlich nie eine Garantie. 

Frage: Ich vermisse bei der Aufzählung die aktuellen Querelen im HSV-Vorstand, die öffentlich als Machtkampf verstanden werden. Ist das keine Krise?

Antwort: Ich glaube, dass ich gut beraten bin, mich auf den Sport zu fokussieren und den Sport zusammenzuhalten. Da haben wir es trotz einer schweren Phase in der letzten Saison geschafft, noch mal Energien zu bündeln. Das Ergebnis sehen wir jetzt auf dem Platz. Ich glaube nicht, dass aktuell das größte Problem des HSV eine vermeintliche Auseinandersetzung im Vorstand ist. 

Frage: HSV-Fans erinnern die unüberbrückbaren Differenzen zwischen den Vorständen Bernd Hoffmann und Dietmar Beiersdorfer, die 2009 schließlich doch zu einer Trennung führten. Erkennen Sie Parallelen? 

Antwort: Nein, weil ich nur die Geschichten darüber kenne, aber damals nicht dabei gewesen bin und nicht alles wirklich nachgelesen habe. Aber es gibt sicher Zukunftsfragen, die beantwortet werden sollten. Das hat auch mit Laufzeiten von Verträgen handelnder Personen zu tun. Aber das ist nicht meine Aufgabe, sondern die des Aufsichtsrates. 

Frage: Ihr Vorstandskollege Thomas Wüstefeld geht ganz offenbar von einem „weiter so“ aus und präsentiert der erstaunten Öffentlichkeit ein Mega-Projekt „HSV-Plaza“ für rund 200 Millionen Euro, als hätte der HSV keine Finanzsorgen und andere Probleme. 

Antwort: Vieles ist tatsächlich von den Ergebnissen auf dem Platz abhängig. Deshalb ist es gut und wichtig, dass ich mich weiter schwerpunktmäßig auf diesen Bereich fokussiere, dass wir die Sinne dort schärfen und die bisherigen Leistungen und Ergebnisse nicht nur im ersten Viertel der Saison liefern, sondern auch im Rest.

Frage: Heißt, Sie wurden von den Plänen des Kollegen überrumpelt?

Antwort: Ich wusste, dass es solche Gedankenspiele bereits zu Erstligazeiten gab. Aber nicht, dass die jetzt näher rücken und über welches Investitionsvolumen wir sprechen. Und irgendwelche Modelle habe ich so konkret nicht gesehen, sondern aus den Medien erfahren.

Frage: Sind Sie in Hamburg privat schon richtig angekommen oder denken Sie manchmal, wenn die Fans „Mein Hamburg lieb ich sehr“ anstimmen und vom Öjendorfer See oder Rönneburg singen, mein Gott, wo ist das denn?

Antwort: Ich weiß, wo das liegt, denn ich habe ja schon eine familiäre Verbindung nach Hamburg, seit ich ein kleines Kind war. Ich war manchmal sogar ein bisschen überrascht, wie schnell ich auch emotional hier angekommen bin und mich hier heimisch gefühlt habe. Deshalb habe ich früh entschieden, dass Hamburg meine „Base“ ist. Und es hat mir gutgetan, da keine halben Sachen zu machen.

Frage: Würden Sie gern mal wie in der englischen Premier League finanziell so richtig aus dem Vollen schöpfen können?

Antwort: Mein Ziel ist, durch gute Arbeit strategisch und langfristig den HSV so auf Vordermann zu bringen, dass wir vielleicht auch wieder in andere Sphären kommen. Ich meine damit die Idee, Visionen umsetzen und realisieren zu können, mit welchen Rahmenbedingungen auch immer. Aber die Basis der Ideen sollte immer aus dem Volkspark kommen. Ich hatte ja schon mal die Gelegenheit, in Leverkusen mit der Bayer AG, einer Art von Großinvestor, kontinuierlich und strategisch arbeiten zu können. Das vereinfacht einiges, wenn man zum Beispiel auch mal eine sportlich etwas wackelige Phase hat.

Frage: Versuchen Sie deshalb, dass Angebot von Anteilseigner Klaus-Michael Kühne über 120 Millionen konstruktiv zu verstehen und in einen Austausch über Umsetzungsmöglichkeiten zu kommen? 

Antwort: Wir sind im fünften Jahr Zweite Liga. Und auch, wenn wir im Sport die Lage in vielen Bereichen deutlich verbessert haben, was Kaderkosten oder Transfererlöse angeht, eben nicht auf Rosen gebettet. Wenn jemand so ein Angebot in den Raum stellt, ist es unsere Pflicht, sich damit auseinanderzusetzen. Das betrifft sämtliche andere Möglichkeiten auch. Aber ich betone, dass die Entscheidungshoheit im Volkspark bleiben muss.

Frage: Sie werden von Vertrauten immer als ruhig, gelassen und argumentativ denkender Mensch beschrieben. Was war los, als Sie im Spiel gegen Darmstadt die rote Karte bekamen? 

Antwort: Ich betone, es war eine gelb-rote Karte (schmunzelt). Es war der erste Platzverweis überhaupt in meiner sportlichen Karriere, auch als aktiver Fußballer. Ich habe mich in dem Spiel, vielleicht auch aufgrund einiger Erfahrungen in anderen Begegnungen zuvor, ein bisschen benachteiligt gefühlt und mich in einer Situation gesehen, in der ich meine Farben verteidigen musste. Das sollte mir nicht zu oft passieren. Aber ich betone, es sind keine falschen Worte gefallen und es sah in dem Moment aufgrund meiner Körpergröße von zwei Metern vielleicht etwas drastischer aus, als es war. Der Platzverweis war gerechtfertigt, aber das nehme ich in Kauf und stehe auch dazu. Manchmal geht es eben nur darum, seine Farben zu verteidigen. 

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