Hannover  ÖPNV im Realitätscheck: So nervig ist die Fahrt vom Wendland nach Bad Iburg

Svana Kühn
|
Von Svana Kühn
| 21.09.2022 17:06 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 10 Minuten
Sechseinhalb Stunden dauert die Fahrt mit dem ÖPNV aus dem Wendland nach Bad Iburg. Foto: Svana Kühn
Sechseinhalb Stunden dauert die Fahrt mit dem ÖPNV aus dem Wendland nach Bad Iburg. Foto: Svana Kühn
Artikel teilen:

Eine Busfahrerin, die ihren Linienbus mit nach Hause nimmt, ein Anzugträger, der im Zug an seinem Weinbrand nippt und ein Bücherregal im Freien: Das erlebt man im Nah- und Fernverkehr in Niedersachsen.

In diesem Artikel erfährst Du:

Ein schrilles Quietschen. Dann kommt die Bahn an Gleis Zwei des Harburger Bahnhofs zum Stehen. Mein Puls ist auf 180. In drei Minuten fährt mein Anschlusszug nach Osnabrück. Die wenigen Sekunden, die es dauert, bist die Türen sich öffnen, kommen mir wie Minuten vor. Ich zähle: Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig – und renne los. Den roten Jutebeutel unterm rechten Arm, weiche ich den anderen Reisenden aus, die gemütlich ihre Koffer hinter sich herziehen. Am liebsten möchte ich schreien: „Platz da!“ oder „Aus dem Weg!“ Der Rucksack hopst auf meinem Rücken hin und her, auf und ab. Hoch die Treppe, über die Fußgängerbrücke und wieder herunter.

Wäre ich mit dem Auto gefahren, hätte ich jetzt einen Thermobecher mit heißem Kaffee in der Hand und würde mir einen Podcast anhören – oder aus vollem Hals Popsongs aus den 2000er Jahren schmettern. Alles ganz entspannt. Nun stehe ich schwer atmend am Gleis Drei. Ein Blick auf die Anzeigetafel und ich stelle fest, dass der Sprint ganz umsonst war. Mein ICE ist um fünf Minuten verspätet.

Wer mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fährt, braucht starke Nerven – und Zeit: Sechs Stunden und 20 Minuten gibt die App der Deutschen Bahn die Dauer meiner Reiseroute an. Dabei will ich weder nach Frankreich noch nach Dänemark oder Polen. Ich will nur einmal quer durch Niedersachsen. Vom Wendland nach Bad Iburg. Vom Wohnort meiner Mama zurück ins Osnabrücker Land.

Mit dem Auto wäre ich etwa drei Stunden und 45 Minuten unterwegs. Je nach Verkehrslage. Aber mal abgesehen von dem ökologischen Fußabdruck, der mit jeder Fahrt wächst, frage ich mich: Wie ist das eigentlich ohne Auto auf dem Land? – und fahre heute mal mit den Öffentlichen: mit Bus, Regionalbahn und ICE. Luftlinie: 244,91 km. Fünfmal muss ich umsteigen. Teilweise in Orten, von denen ich nie zuvor gehört habe.

Die Reise beginnt in Gorleben. Eine kleine Gemeinde im Nordosten von Niedersachsen, die die meisten wohl wegen des Atommülllagers kennen. Aber auch rund 700 Menschen leben hier – in alten Fachwerkhäusern auf großen Höfen. Knapp 100 Kilometer von der nächsten Großstadt entfernt.

Eine der insgesamt zwei Bushaltestellen im Ort liegt an einer gepflasterten Nebenstraße. Ich bin früh dran – 15 Minuten vor Abfahrt – und setzte mich auf eine nahe gelegene Bank. Von hier aus beobachte ich Autos und Radfahrer, die an mir vorbeiziehen. Die Vögel zwitschern, die Luft riecht nach feuchter Erde. Den Fußweg zur Haltestelle und die Wartezeit zusammengenommen, wäre ich mit dem Auto bereits hinter Dannenberg. So habe ich es bisher 230 Meter weit geschafft.

Pünktlich um 12:16 rollt der Bus um die Ecke. Am Steuer sitzt eine Frau mittleren Alters. Schwarze Jacke, schwarze Cap, kurze helle Haare und Brille. „Einmal nach Lüchow“, sage ich und schiebe ihr eine Handvoll Kleingeld durch die Öffnung in der Plexiglasscheibe. 4 Euro und 95 Cent kostet mich die halbstündige Fahrt. Aber immerhin ist freie Platzwahl. Ich bin der einzige Fahrgast.

„Ist das immer so leer hier?“, frage ich die Fahrerin und setze mich in die erste Reihe. „Es ist selten, dass um die Zeit jemand mitfährt“, antwortet sie. „Ich fahre hauptsächlich Schüler.“ Die meisten Erwachsenen im Wendland besäßen ein Auto. So ihre Erfahrung. „Es gibt auch Leute ohne, aber die kommen mit dem ÖPNV schnell an ihre Grenzen.“ Die Linie nach Lüchow fährt unter der Woche nur viermal am Tag: Um 6.28 Uhr, um 8.28 Uhr, um 12.16 Uhr und um 16.59 Uhr. Am Samstag nur zweimal, am Sonntag gar nicht. „Schwierig wird es gerade bei den älteren Leuten“, sagt die Fahrerin. Sie seien häufig auf Bus und Bahn angewiesen. „In Schweskau da hat gerade ein Laden zugemacht. Bis zum nächsten sind es mal eben 15 Kilometer.“

Alternativ zum überschaulichen Busverkehr gibt es hier Mitfahrbänke. Holzbänke, die mit Ortsnamen versehen wurden. Will man von Gorleben nach Lüchow, setzt man sich auf die entsprechende Bank und hofft, dass ein Autofahrer anhält. „Das ist eine coole Idee“, findet die Busfahrerin. „Vielleicht aber auch ein bisschen Risiko. Man weiß ja nie, ob man dann auch wieder zurückkommt.“ Mit dem Auto sei das wesentlich einfacher. 

Allein eine Bushaltestelle oder einen Bahnhof zu erreichen, erweise sich in Niedersachsen vielerorts als schwierig. Bei einem Erreichbarkeits-Ranking von Allianz pro Schiene hat es das Bundesland nur auf den viertletzten Platz aller Flächenländer geschafft. Dabei sind die Kriterien für eine gute Anbindung gar nicht so streng: Eine Bushaltestelle in 600 Metern oder eine Bahnlinie in 1200 Metern Entfernung mit mindestens 20 Abfahrten am Tag. Für eine ältere Person mit Rollator ist bereits das eine kleine Weltreise. Doch selbst dieses Kriterium wird nur für 85,7 Prozent der Bevölkerung erfüllt. Im Landkreis Lüchow-Dannenberg, in dem auch meine Reise startet, sind es sogar nur 50,74 Prozent.

In der kommenden niedersächsischen Legislaturperiode soll sich das ändern, versprechen die Parteien. „Für einen Nahverkehr, der alle abholt“, steht etwa auf den Wahlplakaten der Grünen. Auch SPD, CDU, FDP und Die Linke sagen, sie wollen den ländlichen Raum besser anbinden. Die SPD will das „Autoland Niedersachsen zum Mobilitätsland entwickeln“. Rufbusse und Bürgerbusse sollen stärker unterstützt werden. So steht es im Programm der Sozialdemokraten. Auch die FDP will auf On-Demand-Angebote setzten und schreibt von autonomen Fahrzeugen.

Von diesem Ideal ist Niedersachsen aber noch weit entfernt: Selbst die Busfahrerin sagt, sie sei privat eher mit dem Auto unterwegs. Außer auf dem Weg zur Arbeit: Wegen der langen Strecken auf dem Land dürfe sie ihren Linienbus mit nach Hause nehmen. „Ich stelle den Bus auf einer Wiese am Ortsrand ab“, erzählt sie. Das sei mit dem Bürgermeister so abgesprochen. „Ich spare dadurch Spritkosten und der Chef auch. Da haben wir beide was davon.“ 

In Lüchow verabschiede ich mich von der Fahrerin mit der schwarzen Cap und steige in den Bus nach Schnega. Auch eine kleine Traube von Schülern drängelt sich in den Bus. Ich zähle zehn. Von Schnega habe ich nie zuvor gehört, aber immerhin gibt es einen Bahnhof. Ich freue mich auf einen heißen Kaffee und setze mich ans Fenster. Während das Radio des Busfahrers leise einen aktuellen Popsong spielt, lasse ich die Maisfelder, bereits abgemähten Getreidefelder und Viehweiden an mir vorbeiziehen.

„Nächster Halt: Schnega Bahnhof“, schallt es etwa 45 Minuten später aus dem Lautsprecher. Als ich aus der hinteren Tür ins Freie trete, ist die Enttäuschung groß. Seit knapp eineinhalb Stunden bin ich unterwegs, doch noch immer kein Kiosk weit und breit. Der Kaffee muss warten. Dafür aber ein großes überdachtes Bücherregel direkt am Straßenrand. Charlotte Link und Nora Roberts sind dabei, aber auch alte Lernhefte für Wirtschaft und EDV. „Nimm, was du willst! Gib, was du kannst!“, steht auf einem Stück Papier – einlaminiert und an das Holzregal geheftet. Die ländliche Variante einer Bahnhofsbuchhandlung. Ich bin von dem Angebot nicht überzeugt und habe sowieso noch ein Buch von Édouard Louis im Rucksack. Deshalb ziehe ich weiter.

Die Regionalbahn nach Uelzen ist pünktlich. Dort wartet der Metronom nach Hamburg bereits am Gleis. Im Zug riecht es angebrannt, aber die Quelle lässt sich nicht ausmachen. Ein junger Mann und eine junge Frau unterhalten sich über Bausparverträge, Depots, Zinsen und die Inflation. Malte und Jessica haben sich mal wieder getrennt, erfahre ich aus einem Telefonat zwei Reihen hinter mir. 

Ein Zugabteil weiter treffe ich auf drei junge Männer, die sich über zwei Sitzreihen unterhalten. Sie sind Lehrer und pendeln beruflich nach Uelzen. „Wir fahren gerne mit dem Zug“, sagt der Mann im grünen Jeanshemd. „Mit dem Auto wäre das deutlich anstrengender.“ 20 bis 25 Minuten sei er mit der Regionalbahn unterwegs. „Da kann man dann etwas lesen oder sich mit der Gruppe unterhalten.“ Wegen einer Großbaustelle und dem 9-Euro-Ticket habe es in den vergangenen Wochen allerdings immer wieder Verspätungen und Zugausfälle gegeben: Großes Chaos auf der Strecke zwischen Hamburg und Uelzen, das auch ich immer wieder zu spüren bekam. Stundenlang habe ich im August am Bahnsteig und mich einmal sogar aus Hamburg-Harburg abholen lassen müssen. „Ich hab nichts dagegen, habe aber auch nichts davon gehabt“, sagt einer der Lehrer und trifft es damit eigentlich ganz gut.

Die Fahrt mit dem ICE von Hamburg Harburg erweist sich als unspektakulär. Mir gegenüber knabbert eine junge Frau an einem Franzbrötchen und sieht sich Videos auf ihrem Handy an. Hinter mir nippt ein älterer Herr in Anzug an seinem Schnapsglas, das aussieht wie ein winziger Cognacschwenker: Kurzer Stiel und eine bräunliche Flüssigkeit im bauchigen Glas. Auf seinem Nachbarsitzt liegt eine dunkle Aktentasche. Vielleicht ist er Anwalt, denke ich, und hat gerade einen wichtigen Fall gewonnen oder er ist Geschäftsmann und hat einen dicken Deal an Land gezogen, den er nun mit einem Glas Schnaps feiern will.

Ich beantworte Nachrichten, E-Mails und mache mir Notizen, um mir die Zeit zu vertreiben. Zwischendurch fallen mir immer wieder die Augen zu. Mein Körper schreit nach Kaffee, doch der Kaffeewagen lässt auf sich warten. Ich könnte natürlich zum Zugbistro laufen, doch die Vorstellung, mir meinen Rucksack aufzusetzen, die Tasche umzubinden und mich durch den Zug zu kämpfen, scheint mir noch ermüdender.

Mir schneiden die Gummibänder meiner FFP2-Maske immer tiefer in die Ohren. Ein junger Mann am anderen Ende des Abteils – schwarze Sneaker, schwarzes Shirt, hat sich entschieden, die Maske gar nicht erst aufzusetzen. Stattdessen trägt er sie lässig unterm Kinn. Niemand beschwert sich. Wo ist nur das Zugpersonal?

Müde und erleichtert zugleich steige ich um 17.35 Uhr in Osnabrück aus dem ICE: Keine nennenswerten Verspätungen, keine verpassten Anschlüsse, keine Menschenmassen, die sich in die Züge schieben. Nur eine letzte Etappe bis ans Ziel: Der Bus vom Bahnhof Osnabrück nach Bad Iburg. Da kann doch fast nichts mehr schiefgehen, oder?

Mit einem Blick auf die App der Deutschen Bahn werde ich eines besseren belehrt: „Halt entfällt“ steht dort in großen roten Buchstaben. Stattdessen will mich die Applikation zur Haltestelle Dingbanksiedlung schicken – vier Gehminuten von meinem eigentlichen Ziel entfernt. „Gibt schlimmeres“, denke ich und stelle mich an den Busbahnhof.

Die Sonne verschwindet langsam hinter den Betonbunkern am Osnabrücker Bahnhof. Die letzten Strahlen erreichen den Vorplatz. Kaum zu glauben, dass es schon Abend ist. Mit einem Schnauben hält der Bus um 17.52 Uhr direkt vor meiner Nase. Man sieht den Sitzen an, dass schon Tausende Hintern auf ihnen Platz genommen haben. Manche Bezüge wurden bereits gewechselt, passen nicht mehr zum Rest der Interieurs. Ich blicke in die müden Augen der anderen Fahrgäste, die wohl gerade von der Arbeit kommen – und mit einem Knarren setzt sich das Gefährt in Bewegung. Eins ist sicher: Das nächste Mal nehme ich das Auto.

Ähnliche Artikel