Kultur in Kriegszeiten Wie Unterhalter mit der aktuellen Krise umgehen
Theatergruppen und Comedians sollen die Menschen ermuntern. Wie aber sieht Unterhaltung in Krisenzeiten aus? Holger Müller und die LAK geben Einblicke
Krummhörn - Als es 2020 mit der ersten Krise des neuen Jahrzehnts losging, traf das vor allem die Veranstaltungsbranche hart. Sie musste mit am längsten warten, bis es unter halbwegs normalen Bedingungen für sie weiterging. Mangels Alternativen nutzten Kulturschaffende die Zeit, um neue Formate auszuprobieren. Das gelang mal mehr und mal weniger, wie unserer Zeitung damals auch der Comedian Holger Müller (alias Ausbilder Schmidt) und die Ländliche Akademie Krummhörn (LAK) berichteten. Inzwischen können beide wieder vor viel Publikum auftreten, aber die Folgen des Kriegs in der Ukraine sorgen schon für die nächste Krise. Wie reagieren die Unterhalter dieses Mal darauf und was hat sich verändert?
Was und warum
Darum geht es: zwei Veranstalter aus der Gemeinde Krummhörn, die über Unterhaltung in Krisenzeiten und ihre Projekte sprechen
Vor allem interessant für: Kulturinteressierte
Deshalb berichten wir: Wir hatten mit Christine Schmidt eigentlich über den 40. Jahrestag der Ländlichen Akademie gesprochen. Dabei sprach sie allerdings auch das für kommendes Jahr geplante Theaterprojekt an, das sich mit den Folgen des Kriegs in der Ukraine befassen soll. Den Autor erreichen Sie unter: m.hillebrand@zgo.de
Weil vor zwei Jahren Theaterauftritte verboten waren, hatte die LAK über Videokonferenzen das Hörspiel „Ganz wie im richtigen Leben“ produziert. Darin geht es um alltägliche Probleme, die einer fiktiven Familie gleich nach dem Ausbruch der Pandemie begegneten. Darin geht es zum Beispiel um die Frage, wohin Ehebrecher mit ihren Geliebten gehen sollen, wenn die Hotels geschlossen haben. Oder um einen Onkel, der die Kinder heimlich bei sich im Garten Fußball spielen lässt. Die LAK-Geschäftsführerin beschrieb die Art des Hörspiels als Mischung aus den Fernsehklassikern „Loriot“ und „Ein Herz und eine Seele“ und betonte, dass Corona zwar nicht witzig sei, aber ein bisschen Galgenhumor ganz guttun könne. Auf diesen Zug soll die Gruppe dieses Mal wieder aufspringen, wenn es nach ihr geht. Die Vereinschefin möchte nämlich einen zweiten Teil über die Familie produzieren – diesmal als Theaterstück, vor dem Hintergrund des Kriegs und der sich dadurch ändernden Weltlage, kündigt sie auf Nachfrage an.
„Etwas Abstand kann nicht schaden“
Hinter der Idee, die weltweite Krise von einer Familie ausdiskutieren zu lassen, stecke dabei ein zentraler Gedanke: „Die Familie ist die kleinste Zelle einer Gesellschaft und wenn in ihr schon die aktuellen Probleme zu Streit führen: Wie soll es dann im Großen funktionieren?“, begründet Schmidt die Idee. Dennoch soll das Theaterstück – wie auch das zuvor produzierte Hörspiel – unterhalten und mit seinem Humor für etwas Zerstreuung bei den Zuschauern sorgen. Es soll aber im Vergleich zum bisherigen Theaterprogramm der LAK ein eher „kleineres und feineres“ Projekt werden.
Das Hörspiel jedenfalls habe dafür gesorgt, dass die Gruppe während der Produktion eine lustige Ablenkung von der Pandemie gehabt habe. „Vielleicht muss man auch dann, wenn alles um einen herum zusammenbricht, einen Weg finden, den Humor zu behalten. Dann muss man sich sagen, dass es immer weitergeht.“ Auch könne ein bisschen Abstand vom Alltag nicht schaden.
Krieg und Comedy
Fernseh- und Kino-Comedian Holger Müller (alias Ausbilder Schmidt) sieht das ähnlich. Zumindest was die Zerstreuung angeht, sagt der Betreiber des „Sehr kleinen Hauses“ in Pilsum unserer Zeitung. Zwar gebe es noch immer gerade ältere Leute, die sich noch nicht wieder unter viele Menschen trauten. Der Hunger nach Kultur sei aber auch viele Monate nach dem Wegfall der Kontaktbeschränkungen groß. „Das Bedürfnis nach Spaß und Unterhaltung ist gigantisch und meine Kollegen und ich spüren die Energie im Publikum“, so der 53-jährige Kölner, dessen Zweitwohnsitz in Pilsum liegt.
Nun jedoch gebe es neue Probleme: Viele Leute hätten Netflix und andere Streamingdienste entdeckt, die sie am Ausgehen hindern. Dazu komme die Angst vor weiter steigenden Kosten, weshalb man im Zweifel lieber auf kulturelle Veranstaltungen verzichte. „Dabei ist es doch immer schöner, gemeinsam zu lachen, als alleine auf dem Sofa“, findet Müller. Wie schon Corona sei auch der Krieg kein Thema, über das man in seiner Branche Witze mache. „Wenn wir zum Beispiel Putin oder Russland durch den Kakao ziehen würden, würde das ungemein polarisieren“, begründet er. Wenn überhaupt, dann könne man höchstens vielleicht auf Folgen wie die steigenden Energiepreise angehen. „Das wäre dann aber auch eher ein Thema für politische Kabarettisten.“ Was aber macht dann gute Stand-Up-Comedy aus – gerade jetzt? „Man versucht, eine eigene Welt zu schaffen und die Leute dahin mitzunehmen. Das muss bekloppt und skurril sein.“
Humorreisen ins Seniorenheim
Inzwischen gab es für ihn und seine Kollegen schon wieder reichlich Möglichkeiten dazu, auch dank Fördermitteln, die den Kulturschaffenden durch die Corona-Zeit geholfen hätten, sagt Müller. Er selbst sei inzwischen schon wieder im Theater und auch Open Air aufgetreten. Besonders hebt der Comedian jedoch die von der Ostfriesischen Landschaft geförderten „Humorreisen für Seniorenheime“ hervor. Die habe er zuletzt zusammen mit seinen Kollegen Heinz Gröning und Frank Lorenz besucht. Die Idee dazu sei entstanden, da man zu der Erkenntnis gelangt sei, dass die Pandemie die Menschen in Seniorenheimen mit am meisten treffe, erklärt er. „Ich versuche jetzt, damit in die Verlängerung zu gehen.“
Erst einmal geht es in den kommenden Tagen aber mit „Fine young Comedy“ weiter. Einer Veranstaltungsreihe, bei der der Pilsumer als Ausbilder Schmidt junge Nachwuchskünstler vorstellt. Weitere Infos zu den Angeboten von Holger Müller und von der LAK gibt es unter den Internetadressen www.sehr-kleines-haus.de und https://www.lak.de.