Serie „Blick ins alte Emden“  Als der Name des neuen Königs die Nachricht des Tages war

Heiko Müller
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Von Heiko Müller
| 19.09.2022 19:49 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Das war vor sieben Jahre: Der damalige und heutige Sportleiter Hartmut Schröder holt die Königsscheibe am Schießstand des Schützenhofes ein. Foto. H. Müller/Archiv
Das war vor sieben Jahre: Der damalige und heutige Sportleiter Hartmut Schröder holt die Königsscheibe am Schießstand des Schützenhofes ein. Foto. H. Müller/Archiv
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Die Emder Schützen haben endlich einen neuen Schützenkönig. Sven Kruse bestieg am Montag den Thron. Aber wie war es eigentlich früher?

Emden - Darauf haben die Emder Schützen lange warten müssen: Nach zweijähriger Corona-Zwangspause haben sie wieder einen neuen König. Sven Kruse bestieg am Montag den Thron des Emder Schützencorps.

Was und warum

Darum geht es: die frühere Bedeutung des Emder Schützenkönigs

Vor allem interessant für: alle, die sich für das Schützenwesen und Emder Stadtgeschichte interessieren

Deshalb berichten wir: Das Emder Schützencorps hat am Montag einen neuen König ermittelt. Ich habe etwa 40 Jahre lang über das Schützenfest berichtet und mich daran erinnert, welchen Nachrichtenwert der Name des neuen Schützenkönigs früher hatte.

Den Autor erreichen Sie unter: h.mueller@zgo.de

Der 48-Jährige, der im Stadtteil Barenburg wohnt, im Volkswagenwerk arbeitet und im Spielsmannszug die Lyra anschlägt, gab beim Königsschießen im Schützenhof den besten Schuss ab. Sein Treffer mit dem Kleinkaliber-Gewehr kam dem Mittelpunkt der Königsscheibe am nächsten. Kruse trat die Nachfolge von Stefan Esderts an, der die Schützen seit dem September 2019 „regierte“. Der neue König hatte Ambitionen auf dieses Amt. „Gedanklich“ habe er es drauf angelegt, „aber man weiß ja nie, ob es auch klappt“, sagte er dieser Zeitung.

Der Name verbreitete sich wie ein Lauffeuer

Was vor Jahren noch als Nachricht des Tages in Emden galt, wird heute von den allermeisten Bewohnern kaum noch zur Kenntnis genommen. Früher wollte gefühlt die ganze Stadt wissen, wer neuer Schützenkönig ist. Der Name verbreitete sich in der Stadt wie ein Lauffeuer, nachdem der Schützenhauptmann ihn traditionell am Nachmittag des Schützenfest-Montags im Schützenhof ausgerufen hatte. Wer ihn noch nicht kannte, rief bei der Lokalzeitung an. Die Folge: Dort standen die Telefone nicht still.

Welchen Wert die Nachricht vom neuen Schützenkönig vor mehr als drei Jahrzehnten noch hatte, zeigt ein Blick in das Jahr 1987. Die Redaktion der Emder Zeitung entschloss sich damals, noch am Tag des Königsschießens ein „Extra-Blatt“ mit aktuellen Fotos und ausführlichen Berichten von diesem Ereignis herauszugeben und am Abend zu verteilen.

Ein „Extrablatt“ im Wettlauf gegen die Zeit

Aktueller ging es zu dieser Zeit nicht. Die Fotos waren noch schwarz-weiß und mussten zunächst entwickelt werden. Das „Extra-Blatt“ wurde so für die Redaktion zu einem Kraftakt und einem Wettlauf gegen die Zeit. Die Mitwerber ärgerten sich, weil ihre Berichte erst am nächsten Tag erscheinen konnten.

Sven Kruse ist der neue Emder Schützenkönig. Er gab am Montag beim Königsschießen im Schützenhof den besten Schuss ab. Foto: F. Doden
Sven Kruse ist der neue Emder Schützenkönig. Er gab am Montag beim Königsschießen im Schützenhof den besten Schuss ab. Foto: F. Doden

Das Schützen- und Volksfest, das lange Zeit auch als „die fünfte Emder Jahreszeit“ galt, erforderte früher auch sonst ganzen journalistischen Einsatz. Einige Reporter folgten damals den Schützen während des Festes quasi auf Schritt und Tritt. Schon in den Wochen zuvor waren sie mit der Produktion umfangreicher Sonderbeilagen beschäftigt.

Stadtfeste liefen dem Volksfest den Rang ab

Der Journalisten-Nachwuchs musste sich erst einarbeiten in das Brauchtum und die immer wiederkehrenden Rituale der Schützen, um möglichst nah dran sein. Wer Glück hatte, den führten die alte Hasen unter den Lokalredakteuren in die Geheimnisse des Schützenwesens ein. Volontäre, die einfach ins kalte Wasser geworfen wurden, hatten es hingegen schwer.

Doch im Laufe der Zeit sank mit der Zahl der Traditionsschützen auch die Bedeutung des Schützen- und Volksfestes, zumal die längst etablierte Innenstadtfeste ihm langsam aber sicher den Rang abliefen. Damit verlor das einst größte Emder Volksfest nach und nach auch seine einst feste Verankerung im bürgerlichem Leben der Stadt.

Früher sparten Kinder jeden Groschen

Heute erzählen nur noch ältere Emderinnen und Emder von Zeiten, als sie Monate vorher jeden Groschen für den Rummel auf dem Schützenplatz sparten und es kaum abwarten konnten, das Geld für Karussells und Zuckerwatte ausgeben zu können. Damals blickten die Emder auch noch zu den Schützen in Trachten auf. Und für eine Mitgliedschaft im Verein benötigten Interessenten gleich mehrere Bürgen.

Das Emder Schützencorps blickt auf eine 174-jährige Geschichte zurück und ist damit der älteste Schützenverein in der Region. Es ging 1848 aus der Bürgerwehr hervor. Das Emder Schützenwesen ist noch viel älter. Es wird erstmals im Jahr 1565 erwähnt. Die Ursprünge gehen auf das Bürgerrecht zurück. Demnach hatte jeder neue Bürger sich zur Verteidigung Harnisch und Gewehr anzuschaffen.

Das Schützencorps fühlt sich nach wie vor als Erbe dieses Kapitels Emder Stadtgeschichte verpflichtet und will das Brauchtum nicht einfach über Bord werfen. Andererseits bleibt ihm aber keine andere Wahl, sich als moderner Sportverein auszurichten, um seine Zukunft sichern zu können.

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