Hamburg Klimaaktivistin erklärt: „Ich bin bereit, ins Gefängnis zu gehen“
Sonja Manderbach blockiert Autobahnen, um auf die drohende Klimakatastrophe aufmerksam zu machen. Im Interview erklärt die Mutter einer 15-jährigen Tochter, warum es zivilen Widerstand braucht und wie weit sie gehen würde.
Seit etwa einem Jahr ist Sonja Manderbach als Aktivistin bei der „Letzten Generation“ aktiv. Die Gruppe ist überzeugt: Die Klimakatastrophe lässt sich nur noch mit radikalen Maßnahmen stoppen. Die Aktivisten blockieren Autobahnen, stören Fußballspiele und kleben sich an die Rahmen bekannter Gemälde. Im vergangenen Jahr organisierten sie einen Hungerstreik vor dem Kanzleramt. Manderbach selbst blockierte Straßen und war mehrfach in Polizeigewahrsam. Im Oktober beginnt wegen dieser Aktionen ein Prozess gegen die 45-Jährige. Wie radikal darf Protest sein und welchen persönlichen Preis ist sie als Mutter bereit zu zahlen?
Frage: Frau Manderbach, seit etwa einem Jahr sind Sie bei der „Letzten Generation“ aktiv. Warum ausgerechnet die „Letzte Generation“?
Antwort: Ich war schon immer politisch aktiv. Früher bin ich auf Demos gegangen und habe Bildungsarbeit gemacht. Auch parteipolitisch habe ich mich engagiert und für den Stadtrat in Oldenburg kandidiert. „Fridays for Future“ habe ich von Beginn an unterstützt. Allerdings wurde für mich immer deutlicher, dass diese „sanften“ Formen allein nicht zielführend sind: Wir werden die Klimakatastrophe so nicht mehr verhindern und so auch nicht abmildern können.
Frage: Sind alle anderen Wege ausgeschöpft?
Antwort: Ja! Wir haben keine Zeit mehr für parlamentarische Debatten, sondern müssen jetzt handeln. Die Klimakatastrophe steht unmittelbar bevor.
Frage: Wie radikal darf Protest sein?
Antwort: Unser Ziel ist es, unignorierbar zu sein. Mir ist klar, dass wir Menschen mit unseren Aktionen nerven: Sie kommen zu spät, weil wir Autobahnen blockieren, oder müssen beim Fußballspiel warten, bis Aktivisten weggetragen werden. Aber was auf uns zukommt, ist viel schlimmer als das, was hier kurzfristig die Normalität und das Weiterso stört. Alle jetzt lebenden Menschen gehören zur letzten Generation, die noch etwas am Ausmaß und am Verlauf der Klimakatastrophe ändern kann. Wir alle gehören zur ersten Generation, die den Beginn der Klimakatastrophe bereits erlebt. Daher sehe ich beispielsweise auch Sabotageakte gegen Pipelines als legitim an.
Frage: Aus Ihrer Sicht ist die Klimakatastrophe unabwendbar. Wie weit sind Sie bereit, in Ihrem Protest zu gehen? Ist auch Gewalt gegen Menschen ein legitimes Mittel?
Antwort: In der gesamten Klimagerechtigkeitsbewegung gibt es einen starken Konsens der Gewaltlosigkeit. Aber die Klimakatastrophe wird massive Veränderungen verursachen, es wird beispielsweise große Migrationsbewegungen geben. Die relevante Frage ist für mich daher nicht, ob wir auf Gewalt verzichten, sondern wie wir Gewalt noch verhindern können.
Frage: Wie weit würden Sie persönlich gehen?
Antwort: Bereits jetzt zahle ich einen hohen persönlichen Preis. In den Osterferien war ich beispielsweise für 48 Stunden in Polizeigewahrsam. Die Zeit hätte ich natürlich gerne mit meiner Tochter verbracht. Außerdem erlebe ich viel Ablehnung und Hass, auch in meinem Umfeld. Gewalt gegen andere Menschen ist für mich keine Option.
Antwort: Dadurch wird für die Bevölkerung sichtbar: Die Regierung sperrt lieber eine Mutter ein, als die Klimakatastrophe zu verhindern.
Frage: Wie hat der Aktivismus ihren Alltag verändert? Müssen Sie finanzielle Einbußen hinnehmen?
Antwort: In der Tat ist es so, dass ich kaum etwas anderes mache, als mich für sozial gerechte Klimaschutzmaßnahmen einzusetzen. Als Bildungsreferentin im Bereich Klimagerechtigkeit passt meine Arbeit zu meinem Aktivismus. Zudem bin ich als Kirchenmusikerin tätig. Insgesamt muss ich sagen, dass ich ein Low-Budget-Leben führe.
Frage: Sie sagen, Sie wollen die Menschen mit ihren Aktionen aufrütteln und das Bewusstsein ändern. Sie sagen, sie können nicht mehr auf lange politische Entscheidungsprozesse warten. Gewinnen Sie so wirklich Unterstützung in der Bevölkerung?
Antwort: An dieser Stelle muss zwischen Methodik und Inhalt unterschieden werden. Fridays for Future verfolgt ähnliche Ziele wie wir, geht allerdings einen anderen Weg und sucht den Dialog. Uns ist es nicht wichtig, persönlich gemocht zu werden, sondern allen Menschen deutlich machen, dass es ernst ist. Wir sind der Feueralarm, der auf die Klimakatastrophe hinweist. Alle müssen verstehen, dass es kein Fehlalarm ist. Aber niemand mag den Feueralarm, der wirklich den Nerv trifft.
Frage: Als Bewegung zu sagen, etwas verstanden zu haben, was der Rest der Bevölkerung noch nicht begriffen hat, ist nicht wirklich eine sympathische Haltung. Können Sie nachvollziehen, dass das Auftreten der „Letzten Generation“ als überheblich wahrgenommen wird?
Antwort: Ich kann niemandem vorwerfen, nicht informiert zu sein. Für mich gibt es auch viele Bereiche, in denen ich mich nicht auskenne. Dennoch denke ich, dass die Erderwärmung sehr bald all unsere Lebensbereiche betreffen wird und daher die Menschen gezwungen sind, sich damit zu beschäftigen. Darüber informiert zu sein, dass die Menschheit existenziell bedroht ist, bringt eine Verantwortung mit sich, der wir nachkommen. Diejenigen, die darüber (noch) nicht informiert sind, trifft kein Vorwurf. Unser Ziel ist ein Konsens zum sozial gerechten Klimaschutz.
Frage: Wird die Klimabewegung sich radikalisieren? Kommt eine Klima-RAF, wie es „Ende Gelände“-Gründer Tadzio Müller formuliert hat?
Antwort: Ich kenne niemanden, der diesen Weg gehen würde, und ich würde sagen, dass ich mich in der Szene gut auskenne. Ich sehe auch nicht, dass das passiert, weil wir einen starken Konsens der Gewaltlosigkeit haben. Ausschließen kann ich es aber nicht, weil ich ja nicht für alle Menschen sprechen und entscheiden kann. Im Augenblick geht es darum, gewaltvolle Auseinandersetzungen wegen Nahrungs- und Wasserknappheit und Kriege um Ressourcen zu verhindern.